TERRE DES FEMMES besucht mit Journalistinnen-Delegation selbstbestimmte Frauen einer Kooperative in Ruanda, die Kaffee produziert

Ruanda2019 6Frauenkooperative Rambagira Kawa. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade#strongwomenstrongcoffee, das war das Motto einer Journalistinnen-Reise nach Ruanda vom 20. - 25. Mai 2019, an der Referentin Sina Tonk von TERRE DES FEMMES auf Einladung von TransFair e.V., gemeinsam mit der Kaffee-Kooperative, teilgenommen hat. Vor Ort in Ruanda konnten wir erfahren, wie Kaffeeanbau funktioniert und wie weit der Weg von der Kaffeekirsche bis in unsere morgendliche Kaffeetasse ist. Im Fall von TERRE DES FEMMES ist das ganz wörtlich zu nehmen: Die Frauenrechtsorganisation unterstützt seit 2017 den Fairtrade-zertifizierten Kaffee Angelique´s Finest, nicht nur indem wir auf den Kaffee aufmerksam machen, sondern auch indem wir diesen Kaffee in unserer Berliner Bundesgeschäftsstelle trinken. Das Besondere an Angelique´s Finest ist, dass dieser Kaffee ausschließlich von Frauen produziert wird.

 

 

Von der Not zur Tugend – Weibliche Gleichberechtigung durch Teilhabe

Dass ausgerechnet in Ruanda ein Kaffee ganz aus Frauenhand hergestellt wird, ist nicht verwunderlich, denn das Land schreibt Gleichberechtigung ganz groß und ist darin sehr erfolgreich. Im nationalen Parlament sind beispielsweise mehr als 60 Prozent der Abgeordneten weiblich – in Deutschland sind es seit der letzten Wahl gerade einmal 30,7 Prozent. Warum Ruanda in internationalen Rankings[1]o gut abschneidet, liegt in der grausamen Geschichte des Landes begründet. Der Genozid im Jahre 1994 hat das gesamte Land bis heute traumatisiert, mehr als eine Million Menschen wurden Opfer des Völkermords. Zurück blieben mehrheitlich Frauen. Viele mussten mitansehen, wie ihre Ehemänner, Kinder oder nahe Angehörige umgebracht wurden. Viele sind selbst zum Opfer geworden, durch den gezielten Einsatz von sexualisierter Gewalt als Kriegswaffe. Es war die Aufgabe der Frauen, Ruanda nach 1994 wiederaufzubauen, für die Familie zu sorgen und gesellschaftliche Aufgaben wahrzunehmen.

In der Frauenkooperative Rambagira Kawa, die Angelique´s Finest herstellt, hatten sich 2011 zunächst ausschließlich Witwen oder alleinlebende Frauen zusammengeschlossen, um sich gegenseitig zu unterstützen. Inzwischen sind um die 260 Frauen mit und ohne Ehemänner in dieser Kooperative organisiert. Rambagira Kawa übergeordnet ist die Kooperative Musasa Dukundekawa, die sich 2000 gründete und etwa 1.200 Kleinbäuerinnen und -bauern umfasst. Isaac Nsanzamahoro leitet Musasa Dukundekawa und hat an unserem ersten Reisetag den Ablauf in der Washing Station ganz genau erklärt. Hier liefern die Kaffeebäuerinnen und -bauern ihre Ernte ab. Die Kaffeekirschen werden dann sortiert, gewogen, geschält, fermentiert und anschließend in der Sonne auf langen Tischen getrocknet. Übrig bleiben grüne Bohnen, die nun verkauft oder geröstet werden können.

Bei einer starken Frau zu Besuch: Laurence Mukakabera, 54, Kaffeebäuerin und Generalsekretärin der Kooperative

Am darauffolgenden Tag waren wir bei einer der Kaffeebäuerinnen, Laurence Mukakabera, 54, eingeladen. Barfuß stand sie auf ihrem Feld und erklärte uns geduldig ihren Tagesablauf und auch bereitwillig vieles von ihrem Leben. Laurence hat zwei Kinder und ist Witwe, ihren Mann hat sie 1994 verloren. Sie und ihre beiden Kinder, damals 5 und 6 Jahre alt, mussten zusehen wie der Ehemann und Vater lebendig in ihrem Haus verbrannt wurde. Laurence ist eine ruhige, schüchterne und sehr geschäftstüchtige Frau. Seit kurzem hat sie das Amt der Generalsekretärin von Dukundekawa inne und ist damit die rechte Hand von Isaac. An mindestens zwei Tagen in der Woche arbeitet sie bereits frühmorgens auf dem Feld. Wenn es noch dunkel ist, nimmt sie sich eine Taschenlampe mit. Mittags verlässt sie das Feld und kümmert sich um die Hausarbeit. Mit ihr zusammen lebt ihre Tochter und ihr Enkel, der Sohn ist nur in den Semesterferien zu Hause. Zu ihrem Haushalt gehört auch eine Kuh – das ist eine neuere Initiative von Dukundekawa. Durch das Milchprogramm sollen alle Mitglieder eine eigene Kuh bekommen. Die überschüssige Milch können sie verkaufen und der Kuhdung ersetzt den chemischen Dünger.

Die Arbeit und das Zusammensein mit den anderen Frauen in der Kooperative helfen Laurence, die harten Zeiten zu vergessen. „Das ist die wichtigste Aufgabe von Rambagira Kawa, dass sich die Frauen untereinander helfen, sich unterstützen und füreinander da sind“ sagt uns Angelique Karekezi, die Namensgeberin von Angelique´s Finest und Geschäftsführerin von Rwashoscco – Rwashoscco ist das Dach-Unternehmen, gegründet von den Kooperativen und zuständig für die Röstung, die Verpackung und den Export des Kaffees.

Einmal in der Woche kommen die Frauen in den Räumlichkeiten von Dukundekawa zusammen, tauschen sich aus und flechten dabei Körbe. Mit der Herstellung von Flechtwerk bessern die Frauen ihr Einkommen auf. Keine der Frauen, die wir Teilnehmerinnen kennengelernt haben, baut nur ausschließlich Kaffee an. Auf ihren Feldern wachsen Bananen oder Süßkartoffeln, die zusätzlich verkauft werden. Sie fertigen Körbe an oder seit Dezember 2018 wiederverwendbare Binden. Dahinter steht Days for Girls, eine NGO, die Frauen wie Dathiva Mukanshuti darin schulen, diese Binden zu nähen. Neun weitere Frauen waren zusammen mit Dathiva bei dem Training.

 

Verwaltung und Washing Station der Kooperative Dukundekawa. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Teilnehmerinnen der Ruanda-Reise mit dem Leiter der Kooperative Dukundekawa Isaac Nsanzamahoro (v.l.n.r. Magdalena Pötsch, N.N. Melanie Grundmann (Kaffee-Kooperative), Allan Mubiru Kaffee-Kooperative, N.N., Edith Gmeiner Fairtrade Deutschland, N.N., Isaac Nsanzamahoro, Sina Tonk TDF). Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Kaffeebaum mit reifen Kaffeekirschen. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Sortierung der Kaffeekirschen. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Kaffeekirschen werden gewaschen und vom Fruchtfleisch getrennt. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Kaffeebohnen werden zum Trocknen ausgebreitet. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Einige der Kaffeebäuerinnen der Frauenkooperative Rambagira Kawa. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Einige der Kaffeebäuerinnen der Frauenkooperative Rambagira Kawa. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
TDF-Referentin Sina Tonk mit den Kaffeebäuerinnen der Frauenkooperative. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Angelique Karekezi. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Kaffeebäuerin Laurence Mukakabera. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Mitglieder der Frauenkooperative beim Flechten von Körben. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Wiederverwendbare Binden hergestellt von Frauen aus der Kooperative. Foto: © TERRE DES FEMMES Sina Tonk
Rösterin Eugenie Mukandanga. Foto: © Denyse K. Uwera / Fairtrade
Im Gespräch mit Mary Balikungeri, Gründerin und Leiterin des Rwanda Women´s Network. Foto: © TERRE DES FEMMES Sina Tonk

 

 

Warum Fairtrade? Zur Situation in Ruanda und der Kooperative

Ruanda gehört zu den ärmsten Ländern weltweit, im Jahr 2018 lag das Bruttoinlandsprodukt bei 791 US-Dollar pro Kopf. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung leben in extremer Armut[2]. Land ist knapp, das Bevölkerungswachstum hoch. Zwölf Millionen Einwohner leben auf einer Fläche etwas kleiner als Brandenburg. 80 Prozent müssen von ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit und den Erträgen, die sie von sehr kleinen Feldern erwirtschaften, leben. Im Land der 1.000 Hügel ist das kein leichtes Unterfangen, der Kaffeeanbau selbst und zudem der internationale Markt dafür sind ein hartes Geschäft. Der Weltmarktpreis für Kaffee unterliegt starken Schwankungen. Derzeit erhalten ErzeugerInnen 1,04 Dollar für ein amerikanisches Pfund grüne Kaffeebohnen. Das war auch schon einmal anders, im Rekordjahr 2011 lag der Preis bei 3,08 Dollar. Seit 2017 sinkt der Preis jedoch mit wenigen Ausnahmen stetig. Und hier kommt Fairtrade[3] ins Spiel: Das Siegel garantiert einen Mindestpreis[4] von 1,40 Dollar plus eine zusätzliche Prämie von 20 US-Cents. Wie die Prämie ausgegeben wird, entscheiden die Kooperativen gemeinschaftlich, beispielsweise in neue Gerätschaften, Trainings oder Direktzahlungen.

Um den Gewinn aus dem Verkauf von Kaffee zu erhöhen, hat sich die Kooperative zusammen mit Rwashoscco entschieden, den Kaffee zu rösten. Somit verbleibt die gesamte Produktionskette in Ruanda und damit auch ein höherer Gewinn für die ErzeugerInnen beim Verkauf. Bislang beträgt der Anteil von geröstetem Kaffee am Export allerdings nur etwa 2 Prozent. Angelique´s Finest macht hier jedoch den Großteil aus, neben dem zuerst auf den Markt gebrachten Café de Maraba. Das Ziel ist daher, den Markanteil langfristig zu erhöhen, um unabhängiger vom Weltmarktpreis zu werden und den Kaffee zu stabilen Konditionen verkaufen zu können. Dabei war Angelique´s Finest zuerst eine Marketingidee, berichtet uns Angelique Karekezi. Aber heute gehe es darum zu zeigen, dass Frauen ein Produkt erzeugen, das ungemein wichtig ist und einen Mehrwert für die gesamte Kooperative schafft. „Ich sehe jeden Tag wie sich etwas verändert, in unserem Unternehmen, aber auch im Leben dieser Frauen.“ Allan Mubiru, Mitbegründer der Kaffee-Kooperative – die Angelique´s Finest in Deutschland auf den Markt gebracht hat – und vor Ort Bindeglied zwischen den Kooperativen, der Rösterei und dem Vertrieb in Berlin ergänzt: „Die Frauen sind stolz darauf mit einem eigenen Produkt auf dem internationalen Markt vertreten zu sein, das direkt mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Sie können überhaupt nicht glauben, dass Konsumenten in Deutschland ihren Kaffee anderen Marken vorziehen.“ Das stärkt die Stellung der Frauen in der übergeordneten Kooperative Dukundekawa und überzeugt auch deren Ehemänner, die dem Projekt zunächst skeptisch gegenüberstanden. Denn Gleichberechtigung hat auch in Ruanda seine Grenzen.

Lage der Frau: Politische Gleichberechtigung, doch ökonomische und soziale Ermächtigung bleiben weiter notwendig

Zwar sind Frauen in Ruanda seit Inkrafttreten der neuen Verfassung 2003 gesetzlich gleichgestellt – sie haben mittlerweile gleichen Zugang zu Bildung, im Parlament und öffentlichen Ämtern gilt eine gesetzliche Frauenquote und einen ausgeprägten Gender Pay Gap gibt es auch nach Meinung der Kaffeebäuerinnen nicht. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass Frauen bis 1994 in dem zutiefst patriarchalisch geprägten Ruanda, alles andere als gleichberechtigt waren. Vom Erbrecht waren Frauen beispielsweise bis 1999 ausgeschlossen, alleiniges Familienoberhaupt war bis zur Verabschiedung eines neuen Familiengesetzes im August 2016 ausschließlich der Ehemann[5]. Die Teilhabe von Frauen in der Privatwirtschaft und hier vor allem in Führungspositionen ist bis heute begrenzt, Frauen verfügen über weniger Einkommen als Männer. Außerdem ist Haus- und Sorgearbeit ganz klar Frauensache. Und: Geschlechtsspezifische Gewalt, vor allem häusliche Gewalt war und ist auch heute noch weit verbreitet; zu einer Anzeige kommt es jedoch höchst selten. Erst seit 2008 gibt es ein umfassendes Gesetz zur Prävention und Strafverfolgung von geschlechtsspezifischer Gewalt.

Mary Balikungeri, Gründerin und Geschäftsführerin des Rwanda Women´s Network[6], will mit ihrer Organisation an dieser Situation etwas ändern und vor allem Frauen auf dem Land mit ihrer Arbeit stärken. Das Frauennetzwerk bietet gezielte Unterstützung und Trainings zu Themen wie Finanzen und Unternehmensführung oder Gesundheit und geschlechtsspezifische Gewalt an. Besonders häusliche Gewalt ist ein enormes Problem in Ruanda, berichtet uns Mary. Das Netzwerk unterhält daher in den Kommunen sogenannte Safe Spaces. Das sind Orte, an denen Frauen sich austauschen können und sie untereinander, aber auch durch geschultes Personal rechtliche oder psychologische Unterstützung erfahren. Um häusliche Gewalt zu überwinden, muss das Problem überhaupt erst einmal angesprochen werden. Mary berichtet uns, dass Frauen in Ruanda erst allmählich beginnen darüber sprechen, was sie in ihren eigenen vier Wänden erdulden müssen. Sobald dieses Tabu gebrochen ist, können Lösungswege besprochen werden. Ziel ist dabei allerdings nicht die Trennung der Eheleute, sondern eine Aussprache und die Überwindung des Konflikts. Frauenhäuser als Zufluchtsstätten für Betroffene von häuslicher Gewalt gibt es in Ruanda nicht, einerseits weil es keine staatliche Finanzierung gibt, andererseits ist es gesellschaftlich auch nicht gewollt: „When a family is disintegrated the women should not run away somewhere, but rather the families should come together to solve the problem“[7] erklärte uns Mary.

Das Land der 1.000 Hügel mag in Sachen politischer Teilhabe ein Musterland sein, in vielen anderen Bereichen und dazu gehört auch geschlechtsspezifische Gewalt, hat Ruanda jedoch noch viel zu tun.

Gerade deswegen ist Angelique´s Finest, der Kaffee ganz aus Frauenhand, ein ganz besonderes Produkt: Dadurch werden Kleinbäuerinnen nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial gestärkt. Das ist ein wichtiger Schritt für die ruandischen Frauen aus der Kooperative Rambagira Kawa in ein selbstbestimmteres, gleichberechtigteres und freieres Leben – ein Projekt, das hoffentlich viele Nachahmerinnen findet. Zu Hause wird nach dieser Reise nur noch Angelique´s Finest aufgebrüht!

Stand: 06/2019

 

Quelle:

[1] http://www3.weforum.org/docs/WEF_GGGR_2018.pdf

[2] http://www.bmz.de/de/laender_regionen/subsahara/ruanda/index.html

[3] https://www.fairtrade-deutschland.de/was-ist-fairtrade/fairtrade-siegel.html

[4] https://www.fairtrade.net/standards/price-and-premium-info.html

[5] http://panorama.rw/index.php/2017/04/02/new-family-law-who-should-be-the-familys-head/

[6] http://rwandawomennetwork.org/

[7] „Wenn eine Familie zerbricht, sollten Frauen nicht davonrennen, sondern die Familien sollten zusammen kommen, um das Problem zu lösen“.

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