Verschleierung von Mädchen: eine Menschenrechtsverletzung

Quelle: Deutsche Übersetzung des Vortrags von Docteure Saïda Douki Dedieu, em. Professorin für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät in Tunis

Die Verschleierung von Mädchen stellt eine gesundheitliche Gefahr dar, eine Misshandlung durch Autoritätspersonen, die ihnen den Schleier aufzwingen. Für ihre mentale und soziale Entwicklung stellt die Verschleierung ein Risiko dar, wie auch für ihre psychische und körperliche Gesundheit.

Nicht nur in muslimischen Theokratien, sondern auch in Europa sind Kinder sogar im prä-pubertären Alter in dunkle Ganzkörperschleier verhüllt im öffentlichen Raum sehen. Die Gleichgültigkeit der Gesellschaft dieser Misshandlung gegenüber ist nicht akzeptabel.

Warum sollten sich die europäischen Gesellschaften den Vorschriften von Imamen unterwerfen, die die Ganzkörperverschleierung sogar schon im Säuglingsalter befürworten, um das Kind vor dem sexuellen Begehren der Männer zu schützen?

Warum sollte sexuellem Mißbrauch durch Verbannung der Opfer in die Unsichtbarkeit vorgebeugt werden - und nicht durch Erziehung und Sanktionierung der Täter? Nicht den Mädchen ist beizubringen, sie seien a priori Gegenstand der Begierde der Männer und hätten sich im öffentlichen Raum zu verstecken, sondern den Männern, dass Gewalt gegen Mädchen absolut verboten ist.

Außerdem: nicht nur jedes 5. Mädchen wird Opfer sexueller Gewalt, sondern auch jeder 13. Junge. (Angaben der WHO). Warum sollten kleine Jungen dann nicht ebenso verschleiert werden? Die Antwort ist klar: Es handelt sich um eine eindeutige Diskriminierung von Mädchen, die sich früh mit der Verschleierung vertraut machen sollen, weil sie sie ihr Leben lang ertragen müssen. Der Schleier hat also nicht nur den Zweck, die Frau vor männlichen Begierden zu schützen, sondern auch, sie auf ihren gesellschaftlichen Platz als sexuelles Objekt und Gebärerin zu verweisen (... )

Die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) definiert Kindesmisshandlung als Gewalt gegen und Vernachlässigung von Personen unter 18 Jahren. Es geht um jede Form von körperlicher oder psychischer Misshandlung, die ein Kind potenziell oder akut gesundheitlich benachteiligen kann, die für das Kind eine Lebensgefahr darstellt oder eine Bedrohung für seine Entwicklung oder seine Würde, begangen von einer Autoritätsperson, die für das Kind Verantwortung übernimmt, Macht über das Kind hat und der das Kind vertraut.

Laut WHO-Definition ist "Gesundheit" ein Zustand von körperlichem, sozialem und mentalem Wohlbefinden und bedeutet nicht nur Abwesenheit von Krankheiten und Beeinträchtigungen.

Genau in diesen drei Ebenen sind verschleierte Mädchen gefährdet, in einem Alter, in dem sie sich körperlich, psychisch, emotional und geistig in voller Entwicklung befinden. In der Kindheit entwickeln sich die Motorik, das Gehirn, die kognitiven Fähigkeiten (Gedächtnis, Verstand, Welterkundung), die Sprache und die Kommunikationsfähigkeit, die Lernfähigkeit, die Emotionen und die sozialen Interaktionen - die Gesundheit allgemein.

Körperliche Gesundheit: Mangel an Vitamin D ist eine häufige Ercheinung bei verschleierten Frauen. Also bedeutet die Verschleierung von Mädchen genau in der Wachstumsphase ein großes Risiko: Wachstumsverzögerung, Schwächung der Immunkräfte und der Muskulatur. Calcium-Mangelerscheinungen wie Konvulsionen können die Folgen sein, ebenso Haarausfall als Folge des ständigen Tragens einer Kopfbedeckung.  Denn die Haartracht ist ja nicht nur Schmuck, sondern auch Schutz gegen äußere Einflüsse und dient der Temperatur-Regulierung auf der Kopfhaut

Psychische Gesundheit: Der Schleier soll die Frauen vor den sexuellen Begierden der Männer schützen beziehungsweise diese vor ihrer eigenen sexuellen Versuchung. Damit wird der ganze Körper der Mädchen auf seine anatomische Sexualität reduziert, in einem Alter, in dem sie diese Hypersexualisierung psychisch gar nicht bearbeiten können.

Die Befürworter der Verschleierung vergleichen sie mit der Hypersexualisierung der westlichen Mädchen, die in Schönheitswettbewerben zur Schau gestellt werden. Aber der Schleier ist nichts anderes als die Markierung des sexualisierten Körpers, der zum reinen Objekt gemacht wird. Dadurch wird dem Kind alles geraubt, was nicht sexuell ist. Die Verschleierung von Mädchen zu befürworten heisst ebenso, dass männliche Erwachsene generell sexualisiert und auf ihre Genitalität reduziert werden.

Der Schleier sperrt die Mädchen in einen doppelten Zwang ein: er löscht einerseits den Unterschied zwischen Erwachsenen- und kindlicher Sexualität aus und degradiert anderseits die Mädchen wie auch alle Frauen zu Menschen zweiter Klasse.

Vor diesem Widerspruch flüchten sich die Mädchen oft in mentale Krankheiten.

So hat die Kinderpsychiaterin Dr. Aslem Lazaar Selimi vom Krankenhaus Nabeul in Tunesien (6. April 2016) Alarm geschlagen: „Retten wir diese Mädchen! Jeden Tag werden mir Mädchen wegen psychischen Störungen zugewiesen. Diese Störungen sind einfach auf den Schleier zurückzuführen.“

 

Das soziale Wohlbefinden

Die Verschleierung hindert Mädchen daran, soziale Kontakte zu knüpfen, bremst ihre natürliche Neugier, ihre spielerischen, sportlichen und künstlerischen Aktivitäten.

Den Kopf zu bedecken bedeutet, das Denken zu verhindern und die Freiheit einzuschränken. Die kognitiven Fähigkeiten werden aus lauter Mangel an emotionalen und intellektuellen Anreizen i und auch aus Mangel an Erfahrung des Andersseins unterdrückt.

Der Schleier hemmt jede Bestrebung, sich gleichberechtigt mit Jungen zu messen, er weist den Mädchen einen einzigen Weg zu: Die patriarchalischen Werte weiterzugeben.

Der Schleier verhindert auf ganzer Linie den sozialen Austausch: er unterbindet von vornherein die Aufnahme von Beziehungen zur anderen, männlichen Hälfte der Menschheit, auch die zu nicht muslimischen Frauen sowie zu muslimischen Frauen, die den Schleier nicht tragen. Er schließt das Mädchen sehr früh ein in eine eigene Welt wie in den Gynäzeen (Frauenwohnstätten) vergangener Zeiten. (...)

Nicht zuletzt soll die frühe Verschleierung von Mädchen sicherstellen, dass sie niemals auf den Gedanken kommen, die muslimische Glaubensgemeinschaft zu verlassen.

 (...) Genau wie Mütter anderswo ihre Töchter genital verstümmeln (lassen), verschleiern sie hier ihre Töchter. Eine verschleierte und (nur) als Mutter erhöhte Frau kann nur die Weitergabe dieser gesellschaftlichen Situation im Sinn haben, an der Frauen niemals als gleichberechtigte Bürgerinnen teilhaben können. Das ist definitiv keine Demokratie.

 

QUELLE:

Vortrag am Di. 08.02. 2017 in Paris von Docteure Saïda Douki Dedieu, em. Professorin für Psychiatrie an der Medizinischen Fakultät in Tunis, ehemalige Professorin der Fakultät Claude Bernard in Lyon, von 2001 bis 2008 Vorsitzende der tunesischen psychiatrischen Ärztekammer

Docteure Hager Keray, Psychiaterin, Psychoanalytikerin, Chefärztin im Krankenhaus von Chambéry (France)

Michèle Vianès, Vorsitzende des Vereins "Regards des Femmes", Schriftstellerin

Einladende Organistionen waren Regards de Femmes, Libres Mariannes, Ligue du Droit International des Femmes und Femmes sans voile d´Aubervilliers.

Regard de Femmes ist eine Frauenrechts-NGO mit besonderem Status im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen.

Die Ligue du Droit International des Femmes wurde 1983 gegründet. Ihre erste Präsidentin war Simone de Beauvoir.

 

Originaltext auf Französisch

 

Übersetzung ins Deutsche (mit wenigen Kürzungen):
Florence Humbert/Ingrid Staehle

 

 

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