Ägypten

Fallbeispiel

Nahla war 12 Jahre alt, als ihr Vater ihrer Verheiratung mit einem Mann in seinen 50ern zustimmte. Grund hierfür war die prekäre finanzielle Lage der Familie. Der Vater, selbst 50, hatte erfahren, dass er erst mit 60 in Rente gehen könne, somit war die finanzielle Lage der Familie unsicher. Ein Mann aus den Golfstaaten hatte sich über einen Mittelsmann in Ägypten auf die Suche nach einer jungen Zweitfrau gemacht. Dafür war er bereit, eine hohe Geldsumme zu zahlen. Außerdem versprach er der Familie, ihr monatlich Geld zukommen zu lassen. Der Vater stimmte dem Angebot zu und am nächsten Tag kamen der Mittelsmann und Nahlas zukünftiger Ehemann vorbei, um Nahla zu sehen. Nahla musste Ägypten verlassen, um in das Land ihres Ehemannes zu ziehen, wo sie in einem Haus mit seiner Erstfrau und ihren gemeinsamen Kindern wohnen musste. Das jüngste Kind war drei Jahre älter als Nahla. Sie wurde dort laut eigenen Aussagen wie eine Bedienstete behandelt. Wenn sie sich widersetzte, schlug die Erstfrau sie. Als Nahla es nicht mehr aushielt, floh sie zur ägyptischen Botschaft, wo man ihr jedoch sagte, dass man nichts tun könne, da sie der Eheschließung zugestimmt hatte. Erst mit der Hilfe einiger Nachbarn gelang es ihr, eine Scheidung durchzusetzen und nach Ägypten zurückzukehren.[1]

 

Statistik

  • Bevölkerung: 92 Millionen EinwohnerInnen[2]
  • BIP pro Kopf: 3225 Euro[3]
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und -erwartung einbezieht): 108[4] von 187
  • Die Analphabetenrate bei den 15 bis 24-Jährigen liegt bei 8,6 %[5]
  • 2 % der Mädchen bis zu ihrem 15. und 17% der Mädchen werden bis zu ihrem 18. Geburtstag verheiratet[6]

 

Landesüberblick

Ägypten ist das nach Südafrika am stärksten industrialisierte Land Afrikas.[7] Es handelt sich um eine Präsidialdemokratie.[8] Ägypten war nach Tunesien das zweite Land, in dem der Arabische Frühling Einzug fand. Am 25. Januar 2011 gingen junge ÄgypterInnen auf die Straße, um gegen die sozialen Missstände in ihrem Land zu protestieren und forderten den Rücktritt Mubaraks, der das Land 30 Jahre regiert hatte. Die Hoffnung auf einen Übergang zur Demokratie wurde jedoch kurz nach den ersten demokratischen Wahlen des Landes, aus denen Mohammed Mursi und die Muslimbruderschaft als Sieger hervorgingen, enttäuscht. Stattdessen wurden die Rede-, Presse- und Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt und hunderte DissidentInnen festgenommen. Unter dem Vorwand der Beleidung des Islam und/oder des Präsidenten, wurden immer mehr vermeintliche „Gegner“ der Muslimbrüder festgenommen. 2013 stürzte das Militär Mursi und ein Jahr später ging der General Abdel Fattah Al-Sisi mit 96,2 Prozent der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 48 Prozent als eindeutiger Sieger aus den Präsidentschaftswahlen hervor. Wahlbeobachter der US-Organisation Democracy International kritisierten jedoch das „Klima der Unterdrückung“ im Land, das eine demokratische Präsidentschaftswahl praktisch unmöglich gemacht hatte.[9] [10]

Auch nach der Machtübernahme Al-Sisis kommt es zu massiven Menschenrechtsverletzungen. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen berichten von Entführungen, gewaltsamem Verschwindenlassen, Vergewaltigungen und anderen Arten von Folter sowie Ermordungen von DissidentInnen. Ins Visier nimmt die Regierung insbesondere junge Männer und Frauen und zwar sowohl vermeintliche IslamistInnen bzw. Muslimbrüder als auch Liberale. Aufgrund der Einnahme der Sinai-Halbinsel durch islamistische Gruppierungen, setzt das Regime verstärkt repressive Praktiken ein, um ihnen Einhalt zu gebieten.[11]

Ägypten weist auch in puncto Frauenrechte massive Defizite auf. Seit dem Jahr 2008 ist Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) in Ägypten illegal. Dennoch wird sie weiterhin praktiziert. Im August letzten Jahres hat das Parlament einer Gesetzesänderung zugestimmt, die härtere Strafen für FGM vorsieht. Wer FGM vornimmt, muss nun mit einer Haftstrafe von fünf bis sieben Jahren rechnen. Führt die Beschneidung zu Behinderung oder gar zum Tod, beläuft sich die Haftstrafe auf bis zu 15 Jahre. Einer Umfrage des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2014 zufolge, waren 92 Prozent der verheirateten Frauen und Frauen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Problematisch ist, dass 82 Prozent der Beschneidungen von ÄrztInnen durchgeführt werden. [12]

Ein weiteres Problem sind die vielen sexuellen Übergriffe, die sich sogar täglich ereignen. Laut einer Umfrage von UN Women aus dem Jahr 2013, seien 99,3 Prozent der Frauen Opfer sexueller Belästigung gewesen.[13] Seit dem 25. Januar 2011, als sich die ÄgypterInnen auf dem Tahrir-Platz zusammenfanden um zu protestieren oder den Jahrestag der Revolution zu feiern, kommt es vermehrt zu sexuellen Übergriffen gegen Frauen. Die Schuld hierfür wird grundsätzlich beim Opfer gesucht, zu Verurteilungen kommt es kaum.[14]

 

Vorkommen

In Ägypten sollen laut UNICEF 2 Prozent der Mädchen bis zu ihrem 15. und 17 Prozent der Mädchen bis zu ihrem 18. Geburtstag verheiratet sein. Frühehen werden in Ägypten vor allem in armen, ländlichen Gegenden geschlossen. Armut und in der ägyptischen Gesellschaft tief verwurzelte patriarchale Strukturen begünstigen diese Praxis. [15] Nach ägyptischem Recht kann die Ehe erst im Alter von 18 Jahren eingegangen werden. Es gibt jedoch verschiedene Formen der islamischen Ehe, die neben einer offiziellen, staatlich anerkannten Ehe, geschlossen werden können. Diese werden nicht registriert, sodass Schließungen von Kinder- bzw. Frühehen in diesem kontextuellen Rahmen möglich werden. Ein Beispiel hierfür ist die sog. „Urfi-Ehe“. Diese ermöglicht es beispielsweise jungen Paaren, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um sich eine kostspielige Hochzeit zu leisten, dennoch zu heiraten und somit keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr zu haben, da dies in patriarchalen Gesellschaften noch immer ein Tabu ist. Mit Vernichtung des Vertrages, der bei der Eheschließung vor zwei Zeugen aufgesetzt und unterzeichnet wird, endet die Ehe. Kinder, die aus einer „Urfi-Ehe“ hervorgehen, gelten als unehelich und tragen somit nicht automatisch den Namen des Vaters. [16] Die „Urfi-Ehe“ wird in Ägypten zunehmend genutzt, um minderjährige Töchter gegen ein Brautgeld mit älteren Männern zu verheiraten.[17]

Es gibt auch die sog. „Misyar-Ehe“ (zawaj al-misyar), die als „Touristen-Ehe“ übersetzt werden könnte. Während ihres Urlaubs suchen sich reiche Touristen aus den Golfstaaten junge Mädchen aus armen Verhältnissen, und schließen für die Dauer ihres Aufenthalts im Land diese Form der islamischen Ehe. Junge Mädchen aus armen Dörfern werden von sog. HeiratsvermittlerInnen zu wohlhabenden arabischen Touristen gebracht, mit denen sie dann zeitlich befristetete Ehen eingehen. Es gibt hier Überschneidungen mit der sog. „Zeitehe“bzw. „Genussehe“ (nikāḥ al-mutʿa). Diese Form der Ehe wird eigentlich nur im schiitischen Islam (z.B. im Iran) praktiziert, kommt jedoch auch in sunnitischen Ländern wie Ägypten vor. Dabei werden Ehen für eine kurze Zeit, auch nur einen Tag oder ein paar Stunden, geschlossen. Die Eheschließung erfolgt privat und Ehedauer u. Ä. werden in einem informellen Vertrag zwischen den zwei „Eheleuten“ festgehalten. Der Mann und die Frau, die diese Form der Eheschließung wählen, einigen sich über die Dauer der Ehe. [18] [19]

Eine genaue Trennung zwischen den hier genannten Eheformen ist schwierig, da auch die „Urfi-Ehe“ zeitlich begrenzt sein kann und wie die „Misyar-Ehe“ genutzt wird, um minderjährige Mädchen zu heiraten. In den hier vorgestellten islamischen Eheformen verzichten Mann und Frau auf bestimmte Ansprüche, die ihnen im Falle einer staatlich anerkannten Eheschließung zustehen würden (z.B. verzichtet die Frau auf ihr Recht auf Unterhalt).

 

Beweggründe

Grund für die Verheiratung minderjähriger Töchter ist meist die prekäre ökonomische Lage der Familie, die sich dadurch eine Besserung ihrer Lebensumstände erhofft. Das sog. „Brautgeld“ spielt hier eine wichtige Rolle. Immer öfter suchen sich reiche Männer aus den Golfstaaten minderjährige Ehefrauen in Ägypten und versprechen ihren Familien dafür ein hohes Brautgeld. Wie bereits erwähnt, kommen Frühehen überwiegend in ländlichen Gegenden vor, die meist von Konservatismus und Traditionsdenken geprägt sind. Doch auch die Angst, dass die eigene Tochter niemals heiraten wird, ist ein Grund für eine frühe Verheiratung.[20]

 

Gesetzliche Lage

Nach der Revolution wurden von konservativen Kräften mehrere Versuche unternommen, das Mindestheiratsalter zu senken. Demnach sollten auch minderjährige Mädchen heiraten können. Dieses Vorhaben ist jedoch gescheitert.[21] Somit liegt das Mindestheiratsalter – das bereits im Jahr 2008 festgesetzt wurde – bei 18 Jahren.[22]

Im Januar 2016 wurde das „Touristen-Gesetz“ erlassen, das einem Mann aus dem Ausland – meist aus den reichen Golfstaaten – die Eheschließung mit einer ägyptischen Frau, die mindestens 25 Jahre jünger ist als er, nur erlaubt, wenn er 50.000 ägyptische Pfund auf ihren Namen einzahlt. Das Gesetz soll die ökonomischen Interessen der Frau schützen. Es handelt sich hierbei nicht um ein neues Gesetz, sondern um eine Modifizierung eines Gesetzes aus dem Jahr 1976: Dieses verbat die Ehe zwischen einem Nicht-Ägypter und einer Ägypterin, wenn jener 25 Jahre älter war als sie. Im Jahr 1993 wurde dieses Verbot aufgehoben und die Bedingung eingeführt, dass der ausländische Mann einen bestimmten Betrag zu zahlen hat, um eine mindestens 25 Jahre jüngere Ägypterin heiraten zu dürfen. Kritiker sehen diese „Touristen-Ehen“ jedoch als eine legalisierte Form der Prostitution. Die Egyptian Initiative for Personal Rights bezeichnet die Vorstellung, dass die Anhebung des „Brautpreises“ auf 50.000 ägyptische Pfund das Problem der Touristen-Ehen beseitigen wird, als naiv. Entgegen der Meinung der Befürworter des Gesetzes, werden Mädchen und Frauen durch dieses Gesetz nicht geschützt. Mädchen müssen diese Ehen auf Zeit eingehen, um ihre Familien finanziell zu unterstützen. Ein derartiges Gesetz und die aktuelle Modifizierung fördern diese Praxis nur, da den Familien jetzt ein höherer Preis für ihre Töchter gezahlt wird.[23] [24]

 

Interventionsbeispiele

Das Kinderhilfswerk Plan-International engagiert sich in Ägypten, um Frauen- und Kinderrechte zu schützen. Mit seinen Programmen, versucht „Plan International Egypt“ auf sog. harmful traditional practices wie Frühehen und FGM aufmerksam zu machen und somit Betroffene zu schützen. Das Empowerment der Mädchen soll durch Bildung gefördert werden.[25]

Die Association of the Egyptian Female Lawyers setzt sich u.a. gegen Kinderehen ein. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise ein Projekt gestartet, um syrische Flüchtlingsmädchen vor „Zeitehen“ zu schützen.[26] Beispielsweise bietet die NGO Betroffenen Unterstützung in rechtlichen Angelegenheiten. 2015 wurde eine Kampagne ins Leben gerufen, deren Ziel die Abschaffung von Kinder- und Frühehen ist. Dazu soll ein Netzwerk bestehend aus AnwältInnen, PsychologInnen und SozialarbeiterInnen eng mit NGOs zusammenarbeiten, die Betroffene von Frühehen in sozialen wie rechtlichen Angelegenheiten unterstützen.[27] Zudem veranstaltet die Organisation Seminare zu den Themen Frühehen und Menschenhandel, um diese Probleme in den am stärksten betroffenen Bezirken anzugehen.[28]

 

 Quellen:

[1] https://www.alaraby.co.uk/english/features/2014/10/9/the-shame-of-child-marriage-in-egypt

[2] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Aegypten_node.html

[3] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Aegypten_node.html

[4] http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/EGY

[5] https://www.alaraby.co.uk/english/features/2015/6/8/almost-half-of-egyptians-are-illiterate

[6] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/egypt/

[7] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/aegypten-node/wirtschaft-/212624 

[8] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Aegypten_node.html

[9] http://www.n-tv.de/politik/Al-Sisi-holt-fast-100-Prozent-der-Stimmen-article12925576.html

[10] http://www.dailynewsegypt.com/2015/07/01/from-palace-to-prison-1-year-of-morsis-rule/

[11] https://www.hrw.org/world-report/2016/country-chapters/egypt

[12] https://www.hrw.org/news/2016/09/09/egypt-new-penalties-female-genital-mutilation

[13] http://www.huffingtonpost.com/engy-abdelkader/99-percent-of-egyptian-women-girls-have-been-sexually-harassed_b_3373366.html

[14] https://www.theguardian.com/world/2013/jul/05/egypt-women-rape-sexual-assault-tahrir-square

[15] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/egypt/

[16] http://www.kas.de/wf/doc/kas_12726-544-1-30.pdf?080108111937

[17] https://www.alaraby.co.uk/english/features/2014/10/9/the-shame-of-child-marriage-in-egypt

[18] http://egyptianstreets.com/2015/08/01/child-marriages-form-15-of-all-marriages-in-egypt/

[19] http://egyptianstreets.com/2014/07/23/the-story-behind-child-brides-in-egypt/

[20] https://www.alaraby.co.uk/english/features/2014/10/9/the-shame-of-child-marriage-in-egypt

[21] http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/egypt/

[22] https://egyptianstreets.com/2015/08/01/child-marriages-form-15-of-all-marriages-in-egypt/

[23] https://english.alarabiya.net/en/2016/01/18/Does-Egypt-s-new-tourist-marriage-law-really-protect-women-.html

[24] http://www.npr.org/sections/parallels/2016/02/01/463708687/does-egypts-law-protect-short-term-brides-or-formalize-trafficking

[25] https://plan-international.org/egypt/protection-egypt

[26] http://www.aeflwomen.com/en/legal-protection-for-syrian-women-and-girls-exploited-for-temporary-marriage-and-non-marriage-documents

[27] http://www.aeflwomen.com/en/the-association-of-egyptian-female-lawyers-launches-a-campaign-to-eliminate-early-marriage

[28] http://www.aeflwomen.com/en/public-seminar-on-dangers-of-trafficking-and-violence-against-women-and-children

 

Stand: 01/2017