USA

Fallbeispiel

Die junge Esther* aus New York, die einer jüdisch-orthodoxen Familie entstammt, wurde mit 17 Jahren mit einem sechs Jahre älteren Mann verheiratet. Ihre Familie war arm, die Familie ihres Zukünftigen hingegen war gut situiert. Um keine „Schande“ über die Familie zu bringen, stimmte Esther der Hochzeit zu. Sie hat ihren Mann nur ein Mal gesehen, bevor sie ihn vier Monate später geheiratet hat. Es war den beiden nicht gestattet, sich vor der Hochzeit zu sehen, somit hat Esther tatsächlich einen Unbekannten geheiratet. Später fand sie heraus, dass ihr Mann nicht nur zu viel trank, sondern auch Drogen nahm. Er fügte ihr von Anfang an sexualisierte Gewalt zu und drohte ihr außerdem, dass er ihr ihre Kinder wegnehmen würde. Esther berichtet auch davon, dass sie in ihrer Ehe mit Wissen ihres Mannes Opfer von Gruppenvergewaltigungen wurde. Sie beschloss nach neun Jahren, ihn endgültig zu verlassen. Sie floh mit ihren Kindern zu ihren Eltern und erzählte ihnen von ihrem Martyrium. Esther spricht sich heute gegen Frühehen aus und ruft auch andere dazu auf, sich dagegen stark zu machen. Sie bemerkt hierzu, dass, wenn ihre Eltern nicht die Möglichkeit gehabt hätten, durch ihre Unterschrift der Ehe zuzustimmen, sie vielleicht mit 18 den Mut gehabt hätte, nein zu sagen. Die junge Frau sagt des Weiteren, dass ihr gesamtes Leben auch heute noch davon bestimmt wird, dass sie mit 17 verheiratet wurde. [i]

* Name geändert

 

Statistik

Bevölkerung: 321 Millionen EinwohnerInnen[ii]

Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf: etwa 49.695 Euro (Stand: 2015)[iii]

UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): 8[iv] von 187

Im Juni 2016 betrug die Arbeitslosenquote in den USA 4,9 %. 2015 lebten über 43 Mio. AmerikanerInnen in Armut, über 19 Mio. sogar in extremer Armut.[v]

 

Landesüberblick

Die USA gilt als weltweit stärkste Wirtschaftsmacht. Sie ist Mitglied in den bedeutendsten internationalen Organisationen, wie den Vereinten Nationen und der NATO. Bei den USA handelt es sich um eine Präsidialdemokratie mit einem Zweiparteiensystem. Darin sind die Republikaner und die Demokraten die größten und bedeutendsten Parteien. Zwar gibt es noch weitere kleine Parteien, diese können sich jedoch nicht gegen die oben genannten durchsetzen. Das Zweiparteiensystem birgt auch Probleme: So kommt es häufig zu innerpolitischen Blockaden.[vi] [vii] Bei den USA handelt es sich um eine föderale Republik.[viii] Jeder Bundesstaat verfügt über eine eigene Gesetzgebung. Folglich werden u.a. Straftaten je nach Bundesstaat unterschiedlich geahndet.

Verschiedene Ereignisse haben in den letzten Monaten (und Jahren) verschiedene Debatten ausgelöst:

Aktuell findet in den USA eine Debatte um Rassismus und Polizeigewalt statt. In den letzten Jahren wurden zunehmend junge Afroamerikaner von weißen Polizisten erschossen. Die Opfer waren meist unbewaffnet. Ein Beispiel hierfür ist der Mord an Walter Scott, der – obwohl er unbewaffnet war und somit keine Gefahr für den Polizisten darstellte – durch acht Schüsse in den Rücken getötet wurde. Nur Dank einer Dashcam im Polizeiwagen und der Aufnahme eines Augenzeugen konnte die Schuld des Polizisten bewiesen werden.[ix]

Im Juni 2016 wurde ein Student der renommierten Stanford University, der sich an einer bewusstlosen jungen Frau vergangen hatte, zu lediglich sechs Monaten Haft verurteilt und im September frühzeitig aus der Haft entlassen. Das Gerichtsurteil sorgte in den USA für Empörung und entfachte eine Debatte zum Thema „rape culture“ und Privilegien in den USA. Sexualisierte Gewalt stellt in den USA ein ernstes Problem dar. Tatsächlich handelt es sich bei Vergewaltigungen um das Delikt, das am seltensten angezeigt wird. Grund hierfür sind u.a. die Handhabung solcher Fälle durch die Justiz sowie die Stigmatisierung der Opfer.

Viele Teile der USA gelten noch heute als besonders konservativ. Darunter die Südstaaten: Dort befindet sich der sogenannte „Bible Belt“ (zu deutsch: Bibelgürtel). Dieses Gebiet ist insbesondere vom evangelikalen Protestantismus geprägt. Hier finden die sogenannten „Purity Balls“ (zu deutsch: Reinheitsbälle) statt, bei denen Töchter ihren Vätern versprechen, jungfräulich in die Ehe zu gehen. Bei der feierlichen Zeremonie übergibt die Tochter ihrem Vater einen kleinen Schlüssel, symbolisch für den Schlüssel zu ihrem Herzen. Diesen übergibt der Vater am Tag ihrer Hochzeit ihrem Ehemann. Zudem unterzeichnen beide einen Vertrag, in dem die Tochter ihr Versprechen festhält und ihr Vater verspricht, ein vorbildliches Leben zu führen. Hier wird ersichtlich, dass – wie in vielen anderen Kulturen – besonderer Wert auf die Jungfräulichkeit der Frau gelegt wird, denn für Söhne gibt es eine derartige Zeremonie nicht. Statistiken zeigen zudem, dass 88 Prozent der Mädchen, die ein solches Versprechen auf einem Reinheitsball gegeben haben, dieses nicht halten. Problematisch ist in diesem Zusammenhang auch die mangelnde Aufklärung: So sei das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft bzw. einer Schwangerschaft im Teenageralter bei Mädchen, die den „Reinheitsschwur“ geleistet hatten, viel höher, als bei Mädchen, die das nicht haben. Auch das Risiko, sich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit anzustecken sei in diesen Fällen höher. [x] [xi] [xii]

 

Vorkommen

Frühehen und Zwangsheiraten werden oft als Phänomen betrachtet, das nur in ärmeren Regionen der Welt bzw. im islamischen Kulturkreis vorkommt. Zwar sind die Zahlen in diesen Teilen der Welt extrem hoch, das heißt jedoch nicht, dass die reichen Industrienationen nicht auch von diesem Problem betroffen sind. So auch die USA. Daten des Tahirih Justice Center in den USA zeichnen ein besorgniserregendes Bild: Zwischen 2004 und 2013 wurden allein im Bundesstaat Virginia fast 4500 Minderjährige verheiratet; davon waren über 200 15 Jahre alt oder jünger.[xiii] In 30 bis 40 % der Fälle waren die zukünftigen EhepartnerInnen 21 Jahre alt oder älter; in einigen dieser Fälle betrug der Altersunterschied zwischen dem/der Minderjährigen und der/dem Erwachsenen sogar Jahrzehnte. 90% der verheirateten Minderjährigen sind Mädchen. 13 der unter 15-Jährigen sollen sogar mit Erwachsenen verheiratet worden sein, die über 20 Jahre älter sind.[xiv] Zwischen 2000 und 2010 haben im Bundesstaat New York 3853 Minderjährige mit Zustimmung ihrer Eltern und/ oder eines Richters geheiratet.[xv] Laut einem Bericht des Tahirih Justice Center aus dem Jahr 2011 soll es zudem 3000 Fälle von Zwangsehen in den USA gegeben haben. Die Ehefrauen sollen meist unter 18 Jahre alt gewesen sein.[xvi]

 

Beweggründe

Einer Umfrage des Tahirih Justice Center zufolge, seien Frühehen bzw. Zwangsheiraten Phänomene, die sowohl in muslimischen wie christlichen (vor allem katholischen), hinduistischen und buddhistischen Kreisen auftauchen. Fairdy Reiss, Gründerin der Organisation Unchained at Last, dokumentierte Fälle von Zwangs- und Frühehen in der jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft sowie unter Mormonen. Trotz der religiösen Unterschiede, scheinen die Gründe für eine Frühehe und/oder Zwangsheirat meist dieselben zu sein: Die Kontrolle der Sexualität bzw. der Erhalt der Jungfräulichkeit des Mädchens sowie des Verhaltens der Kinder innerhalb kultureller Normen und die Wahrung der „Familienehre“. Anhand des Beispiels der „Reinheitsbälle“ im Bible Belt ist deutlich zu erkennen, dass insbesondere die Sexualität von Mädchen kontrolliert werden soll. Auch ökonomische Faktoren spielen hier jedoch eine Rolle.[xvii] Beispielsweise fließt Geld in Form von Vermittlungsgebühren oder eines Brautpreises.[xviii] Ein weiterer Grund für eine Frühehe bzw. eine Zwangsheirat ist, dem Bräutigam bzw. der Braut aus der Heimat der Eltern zu ermöglichen, in die USA einzuwandern.[xix] [xx]

 

Gesetzliche Lage

In den meisten Bundesstaaten ist eine Eheschließung zwar erst ab 18 Jahren möglich, dennoch gibt es Ausnahmen, die eine frühere Eheschließung ermöglichen. So ist eine Eheschließung mit Zustimmung der Eltern ab dem 16. Geburtstag möglich. Eine zweite Ausnahme stellt die gerichtliche Genehmigung dar: In diesem Fall können sogar Minderjährige unter 16 Jahren heiraten. Wie bereits erwähnt, verfügt jeder Bundesstaat über eine eigene Gesetzgebung. Somit verhält es sich in puncto Eheschließung in jedem Bundesstaat anders. Während in einigen Bundesstaaten eine Eheschließung ausnahmslos erst ab 18 möglich ist, können in Bundesstaaten wie Massachusetts auch 12-Jährige Mädchen heiraten bzw. verheiratet werden.[xxi] Das war auch im Bundesstaat Virginia bis vor Kurzem möglich: Im Fall einer Schwangerschaft konnte eine 12-Jährige heiraten, wenn die Eltern der Eheschließung zustimmten. Im Juli 2016 wurde dort das Mindestheiratsalter jedoch auf 18 Jahre erhöht. Nur noch in Ausnahmefällen könne eine 16-jährige Person eine Ehe schließen.[xxii]

 

Interventionsbeispiele

Die Organisation Unchained at Last ist eine non-profit Organisation, die Frauen und Mädchen dabei unterstützt aus Zwangsehen auszubrechen bzw. diese gar nicht erst einzugehen. Dazu bietet die Organisation den Betroffenen unentgeltlich Rechtsberatung und Rechtsbeistand. Beispielsweise wurde Esther aus dem oben genannten Fallbeispiel von Unchained at Last unterstützt. Die Organisation suchte einen Anwalt, der ihr half, das volle Sorgerecht für ihre Kinder zu bekommen. Weiterhin werden junge Mädchen und Frauen bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützt. [xxiii] [xxiv] Die Gründerin der Organisation, Fairdy Reiss, heiratetet als 19-Jährige. Wie es in der jüdisch-orthodoxen Gemeinde üblich ist, war die Ehe arrangiert. Nach 12 Jahren Ehe floh sie mit ihren zwei Töchtern vor ihrem Ehemann. Reiss ist sich der Probleme bewusst, denen Frauen auf ihrem Weg aus einer solchen Ehe heraus begegnen.[xxv] 2011 gründete sie die Organisation, die bereits 250 Mädchen und Frauen geholfen hat, aus arrangierten Ehen auszubrechen.[xxvi]

Mit seiner „Forced Marriage Initiative“ bietet das Tahirih Justice Center von Zwangsheirat betroffenen Personen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion etc. Unterstützung. Die Organisation bietet den Hilfesuchenden eine umfassende Beratung und versorgt sie mit hilfreichen Informationen (z.B. Notunterkünfte in der eigenen Umgebung).[xxvii] Die Organisation wurde 1997 von der angehenden Juristin Layil Miller-Muro mit dem Ziel gegründet, Frauen, die vor geschlechterspezifischer Gewalt fliehen, Schutz in den USA zu bieten. Ausschlaggebend war der Fall der togolesischen Fauziya Kassindja gewesen, die 1994 als Teenager aus ihrer Heimat über Ghana und Deutschland in die USA geflohen ist, um der Schließung einer polygamen Ehe zu entgehen. Miller-Muro war Teil des Anwaltsteams, das Kassindja vor Gericht vertrat, nachdem diese nach ihrer Einreise in die USA festgenommen wurde. Als Miller-Muro feststellte, dass es wenige Organisationen gab, die Frauen mit Flüchtlingsstatus rechtlichen Beistand boten, gründete sie 1997 das Tahirih Justice Center. [xxviii]

 

Stand: 12/2016

 

Quellen: