Nepal

Fallbeispiel

Shradha Nepali, 14 Jahre: Wenn nicht eine Gruppe ihrer SchulkameradInnen sie gerettet hätte, wäre Shradha Nepali mit 14 Jahren verheiratet worden. Ihre Familie, bestehend aus sechs Personen, lebt von weniger als einem Dollar pro Tag. Sie leben von dem Wenigen, was sie selbst anbauen und von ein paar Cent einer unterbezahlten Arbeit.

Mahesh Joshi, Koordinatorin der lokalen NGO Peace Win erzählt, dass diese Armut eine der Triebfedern für Frühehen in Nepal ist. Eine Wahl, die viele Mädchen treffen, die wenig Aussichten haben außer einem Leben voller harter Arbeit und Hunger.

Shradha sagt: Ich war mir über die Konsequenzen einer Heirat zu dieser Zeit nicht bewusst. (3)

Statistik

  • Bevölkerung: ca. 30,4 Millionen EinwohnerInnen (2)
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogamms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): 145 von 187 (1)
  • 40% der Mädchen/Frauen werden in Nepal vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet. (4)

Landesüberblick

Nepal liegt zwischen den asiatischen Großmächten: Es grenzt im Norden an China und im Süden an Indien. Nepal ist das zweitärmste Land Südasiens und gehört damit zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Ein Viertel der Bevölkerung lebt unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Nepal war bis zum zehnjährigen Krieg (1996 bis 2006) 240 Jahre lang ein hinduistisches Königreich. Erst danach wurde es eine Demokratie. Da Nepal stets ein von der Subsistenzwirtschaft geprägter Agrarstaat war, beschäftigt der Sektor Landwirtschaft mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen und macht einen Anteil von ca. 33% am Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus. Die Unternehmen sind zu 90% Kleinbetriebe. Auch wenn sie einen wichtigen Beitrag zur Beschäftigung leisten, haben sie am BIP nur einen Anteil von 4%.

Eine entscheidende Bedeutung für das BIP kommt der finanziellen Unterstützung der ca. 6 Millionen Nepalesen zu, die im Ausland leben. Sie tragen mit ihrem Finanztransfer mit über 25% zum BIP bei.

Das Bildungssystem besteht in Nepal aus einer fünfjährigen Grundschule, einer fünfjährigen Sekundarstufe und einer zweijährigen oberen Sekundarstufe. Innerhalb der Grundschule liegt die allgemeine Einschulungsquote bei 95%. Die Analphabetenrate unter den Erwachsenen liegt bei 45%. (2)

In den weiterführenden Schulen jedoch gingen gemäß eines Berichts des nepalesischen Ministeriums für Bildung im Jahr 2011 in der Altersgruppe der Zehn- bis Zwölfjährigen nur 69,9% der Mädchen und 70,5% der Jungen zur Schule. Der Bericht verdeutlicht auch, dass die Schulteilnahme von Mädchen im steigenden Alter nachlässt. So sind 48% der 14- bis 15-jährigen und mehr als 90% der 16- bis 17-jährigen Mädchen in den Schulen nicht registriert.

Es sind strukturelle und normative Hindernisse, die den Mädchen die Möglichkeit verwehren, eine höhere Schulbildung zu erlangen. Einige der Hauptfaktoren sind: die Beschränkungen für Mädchen, sich außerhalb des Hauses aufzuhalten, die ungleiche Verteilung der Hausarbeit unter den Geschlechtern und Frühehen. (4)

Vorkommen

Eine Studie des United Nations Population Fund (UNFPA) von 2012 zeigt, dass Nepal eine der höchsten Frühehenraten der Welt hat. Von fünf Mädchen sind zwei vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. Laut einer Bevölkerungs- und Wohnungsumfrage im Jahr 2011 waren 40% der verheirateten Frauen vor ihrem 19. Geburtstag verheiratet. Mehr als 70% der verheirateten weiblichen Bevölkerung wohnt in ländlichen Gebieten. So sind Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren 1,6 mal eher verheiratet als im Vergleich zu Frauen aus der Stadt in der gleichen Altersgruppe. Den Studien von Hervish und Feidmann Jacobs aus dem Jahr 2011, dem International Center for Research on Women und der Organisation Plan zufolge, gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Frühehen und einem frühzeitigen Verlassen der Schule von Mädchen in ländlichen Gebieten. Sie werden oftmals nach dem frühzeitigen Verlassen der Schule verheiratet. Ein Bericht von der Organisation Plan Nepal aus dem Jahr 2012 stellt fest, dass Frühehen hauptsächlich in Haushalten verbreitet sind, in denen die Menschen keine Schulbildung besitzen. (4) S. 19

Beweggründe

Die Motive für Frühehen in Nepal sind zahlreich. Auch wenn oftmals ökonomische Gründe die Ursache sind, resultieren sie hauptsächlich aus den sozialen und kulturellen Normvorstellungen.

Ein wesentlicher Faktor ist, dass sich die Normen, Werte und Erwartungen in Bezug auf Mädchen und Jungen sehr unterscheiden. Jungen werden mit der Erwartung großgezogen, sich um ihre Eltern und deren finanzielle Absicherung im Alter zu kümmern, weshalb Eltern mit begrenzten Ressourcen dazu tendieren, die Bildung der Söhne zu bevorzugen und die Mädchen früh zu verheiraten. Im Gegensatz dazu werden Mädchen dazu erzogen, die Familienehre zu tragen und zu schützen, indem sie zur einer vorbildhaften Schwiegertochter erzogen werden. Das bedeutet, der Familie des Mannes zu dienen, mit anderen Männern nicht zu kommunizieren und fleißig zu sein.

Die Eltern tragen die Verantwortung für die Jungfräulichkeit ihrer Tochter und müssen diese schützen. Da es einfacher ist, diese Aufgabe zu erfüllen, wenn die Mädchen in einem jungen Alter sind, bevorzugen die Eltern, ihre Töchter oftmals im Kindesalter zu verheiraten.

So ist es zum Beispiel in vielen Gemeinden der Terai Region, in der das System der Mitgift (Brautgeld) vorherrschend ist, üblich, dass die Eltern eine geringe Mitgift aufbringen müssen, wenn das Mädchen äußerst jung verheiratet wird. (4)

Gesetzliche Lage

Gemäß dem Bürgergesetzbuch von 1963 in der elften Überarbeitung ist das gesetzliche Mindestheiratsalter 20 Jahre. Mit dem Einverständnis der Eltern kann jedoch auch mit 18 Jahren geheiratet werden. (4)

Trotz dieser positiven gesetzlichen Bestimmungen ist deren Durchsetzung schwierig, was die hohe Zahl von Frühehen zeigt.

Interventionsbeispiele

Her Turn ist eine Organisation in Kathmandu, um Mädchen und Frauen in den Bereichen Bildung, Gleichstellung und Potentialförderung aufzuklären. Her Turn bietet einen Workshop für Mädchen im Alter von 10 bis 14 Jahren, die aus ländlichen Gebieten stammen. Geführt werden diese Workshops von lokalen Frauentrainerinnen. Die Themen, die behandelt werden sind Gesundheit, Sicherheit und Führungsfähigkeiten. Am Ende des Programms entscheiden die Mädchen mit der Unterstützung der Trainerin was für ein Projekt für die Gemeinde umgesetzt werden kann. Darüber hinaus arbeitet Her Turn mit Oxfam, an einem Aufklärungsprojekt zu Thema Frühehen zusammen. Es wurde ein Hörspiel ins Leben gerufen, das über das lokale Radio gesendet wird. Dabei behandeln zwei junge Mädchen die Probleme, die mit einer Frühehe verbunden sind und entwickeln Lösungen. (5)

Peace Win ist eine gemeinschaftsbasierte Organisation. Sie arbeiten für Kinder, Jugendliche und Frauen. Die Organisation betreibt Aufklärungsarbeit gegen Frühehen in Form von verschieden Aktivitäten wie Streetshows, Kunstwettbewerben, interaktiven Gruppenarbeit in Schulen.

Eine Kampagne gegen Frühehen in der Region Bajura wird in 10 Dörfern durchgeführt und wird unterstützt von Save the Children Nepal. (6)

 

Quellen

  1. http://hdr.undp.org/en/composite/HDI
  2. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Nepal_node.html
  3. http://www.ipsnews.net/2015/03/by-girls-for-girls-nepals-teenagers-say-no-to-child-marriage/
  4. http://www.odi.org/sites/odi.org.uk/files/odi-assets/publications-opinion-files/9181.pdf
  5. http://www.her-turn.org
  6. https://nepal.savethechildren.net/news/bajura-gears-stop-child-marriage

 

Stand: 02/2016