Kamerun

Fallbeispiel

Mit 12 Jahren sollte Bienvienue einen 40 Jahre älteren Mann heiraten. Sie ging damals auf eine staatliche Schule in einem Gebiet in Mokolo im Extremen Norden, als der Mann um ihre Hand anhielt und ihrer Mutter 5000 CFA-Franc (rund 8,5 US $) zahlte. Bienvienue zu Folge nahm die Mutter das Angebot aus finanziellen Gründen an. Nach dem Tod des Vaters war die Familie verarmt und die Mutter konnte nicht mehr für das Schulgeld der Tochter sowie den Lebensunterhalt der Familie aufkommen. Unterstützung erhielt Bienvienue von der Schulleiterin. Diese redete auf die Mutter ein, ihre Tochter nicht mit einem soviel Jahre älteren Mann zu verheiraten. Das bereits angebahnte Ehearrangement wurde gestoppt und die lokal agierende Kinderrechtsorganisation ALDEPA erstattete dem Bräutigam die Mitgift zurück. ALDEPA übernahm zudem die Schulgebühren, Bienvienue geht Dank der finanziellen Unterstützung weiterhin zur Schule. (4)

Statistik

  • Bevölkerung: (geschätzt) 23 Millionen (1)
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): 153 von 187 (2014) (2)
  • Anteil der AnalphabetInnen: über 25 Prozent
  • 1 von 3 Mädchen wird vor dem 18. Lebensjahr verheiratet (3)

Landesüberblick

Kamerun ist die siebtgrößte Wirtschaftsnation in Afrika südlich der Sahara und reich an natürlichen Ressourcen und Bodenschätzen. Wie die meisten afrikanischen Länder hat auch Kamerun eine koloniale Vergangenheit. Die ehemalige deutsche Kolonie ging nach Ende des Zweiten Weltkrieges offiziell in den Besitz des Völkerbundes über, der wiederum ein Mandat zur Verwaltung an Großbritannien und Frankreich gab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden beide Völkerbundmandate durch die UNO in Treuhandmandate umgewandelt. Ziel der UNO war es, eine allmähliche Selbstverwaltung des Gebietes zu erreichen. Am 1. Januar 1960 erlangte das französische Kamerun nach einer Volksabstimmung und nach dem Auslaufen des UN-Mandats die Unabhängigkeit und nannte sich Ost-Kamerun. Der Norden des britischen Mandats-Treuhandgebietes hatte bei einer vorangegangenen Volksabstimmung für den Anschluss an Nigeria gestimmt, der südliche Teil Britisch-Kameruns sprach sich für die Vereinigung mit dem "französischen" Teil aus.

Die Kolonialzeit hinterließ Spuren bis in die Gegenwart. Die offizielle Zweisprachigkeit, unterschiedliche Schul- und Gerichtssysteme und eine Separatistenbewegung sind nur einige Beispiele. 1990/91 kam es im Zuge des neuen demokratischen Aufbruchs in Afrika auch in Kamerun zu einer Bewegung für eine unabhängige Nationalkonferenz. In der Folge entwickelte sich eine demokratische Öffnung mit der Zulassung von Parteien, unabhängiger Presse und Wahlen, deren demokratischer Charakter aber immer wieder stark umstritten ist. So sind Korruption, Staatsversagen, vor allem im Bildungs- und Gesundheitsbereich, sowie die zunehmende soziale Ungleichheit ein großes Problem der heutigen kamerunischen Gesellschaft. Und auch die Vereinigung des nicht gleichberechtigten anglophonen mit dem frankophonen Teil Kameruns spielt in der Politik des Landes eine wichtige Rolle.

Darüber hinaus kommt es immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen. So weist Amnesty International in seinem Jahresbericht zu Kamerun aus dem Jahr 2014/15 auf die Schikane gegen politische GegnerInnen, Übergriffe gegen Homosexuelle und JournalistInnen sowie die Behinderung der freien Meinungsäußerung hin.

Zu einer Verschärfung der Situation haben zudem die Übergriffe der nigerianischen islamistischen Terrorgruppe Boko Haram geführt. Ihre Aktivitäten haben die zunehmende Destabilisierung der Nordregionen Kameruns zur Folge. Übergriffe auf Dörfer mit Toten und Entführten sind mittlerweile an der Tagesordnung. Ein weiterer Effekt des Kriegs im Norden ist darüber hinaus der Einfluss auf das Funktionieren des Bildungssystems. So wird der bildungsmäßig ohnehin schon marginalisierte Norden noch stärker beeinträchtigt. (5,6,7,8)

Vorkommen

Bei der Anzahl von Frühehen in Kamerun sind große regionale Unterschiede auszumachen: Im Norden heiraten 73% der Mädchen, bevor sie 18 sind, in der Littoral (Küsten) Region sind es 13%. Der Extreme Norden ist eine von sechs Regionen Kameruns. Sie ist von allen Provinzen die wirtschaftlich am wenigsten entwickelte und bildungsmäßig am geringsten ausgestattete Region. (3)

Diese Situation spiegelt sich besonders in dem Gesellschaftssystem der Mafa wieder. Die Mafa leben in den Mandara-Gebirgen des Extremen Nordens. Bedingt durch ihre Tradition leben sie in einem streng patriarchal organisierten Gesellschaftssystem. Die Mädchen gelten mit Eintritt der Menstruation als heiratsfähig und werden oft von ihren Vätern (zwangs-)verheiratet. Die betroffenen Mädchen sind mit wenigen Ausnahmen nicht alphabetisiert. Obwohl in Kamerun Schulpflicht besteht, gibt es in vielen Dörfern keine Schule. Die Kinder nehmen oft kilometerweite Wege auf sich, um eine Schule besuchen zu können. Eltern müssen für den Schulbesuch ihrer Kinder Hirse oder Ziegen verkaufen, um die Schulgebühren zahlen zu können, häufig werden dabei die Söhne bevorzugt. Darüber hinaus werden viele Mädchen von der Schule genommen, wenn sie verheiratet werden. An den Grundschulen sind daher nur etwas 1/3 der Kinder Mädchen und an den weiterführenden Schulen sind es kaum mehr 10%.

Beweggründe

Einer der wichtigsten treibenden Faktoren für Frühehen ist die Armut. Nach UN-Angaben sind fast ein Drittel aller KamerunerInnen arm. Kinderehen werden daher als Möglichkeit gesehen, Einkommen zu generieren. Mädchen sind für ihre Familien oftmals eine finanzielle Last. Viele Eltern wollen die Zukunft ihrer Töchter deswegen durch eine frühe Verheiratung absichern. Denn Mädchen haben in Kamerun kaum Chancen auf ein eigenes Einkommen und damit ein eigenständiges Leben.

Darüber hinaus stehen Frühehen oft im Zusammenhang mit einem niedrigen Bildungsstand. Mädchen und Frauen, die zur Schule gehen beziehungsweise gegangen sind, erfahren seltener Häusliche Gewalt oder sexuelle Belästigung. Ein Schulbesuch führt außerdem in vielen Fällen dazu, dass Mädchen nicht zwangsverheiratet werden. (3/4)

Gesetzliche Lage

Das Mindestheiratsalter liegt für Mädchen bei 15 Jahren und für Jungen bei 18 Jahren. (4)

Interventionsbeispiele

Association d’Appui à la Promotion Scolaire des Filles et de jeunes Femmes de M’lay, Huva et Ldama (AFFMHL), ist ein im März 2012 gegründeter Verein zur Unterstützung der Schulbildung von Mädchen und jungen Frauen. Die Stärkung der Mädchenbildung ermöglicht den jungen Frauen, sich eine eigene Lebensperspektive zu entwickeln und wird auf Dauer die Rate der Zwangsverheiratung in der Projektregion reduzieren.

Action locale pour un développement participatif et autogéré Kamerun (ALDEPA)  ist eine 1998 gegründete Organisation zur Förderung der nachhaltigen und gerechten Entwicklung der Bevölkerung in Kamerun. Zu ihren Schwerpunkten gehören die Förderung von Initiativen und Aktionen für eine umfassende Beteiligung der gefährdeten Gruppen im Entwicklungsprozess, die Umsetzung von Aktionen zur Gleichstellung der Geschlechter und Förderung einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung und die Förderung von Menschenrechten und vor allem von Kinder- und Frauenrechten.

Quellen

  1. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Kamerun_node.html
  2. http://hdr.undp.org/en/composite/HDI
  3. http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/cameroon/
  4. https://saida.de/arbeitsfelder/zwangsheirat-kinderehe
  5. https://www.giz.de/de/weltweit/345.html
  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Kamerun
  7. http://liportal.giz.de/kamerun/geschichte-staat/
  8. https://www.amnesty.org/en/countries/africa/cameroon/report-cameroon/

 

Stand: 02/2016