Türkei

Fallbeispiel

Kader ist als fünftes von acht Kindern einer Familie im Südosten der Türkei aufgewachsen und wurde im Alter von elf Jahren von ihrer Familie in einem Tauschgeschäft einem jungen Mann zur Frau gegeben. Kaders Familie erhielt dafür von der Familie des Bräutigams eine Braut für einen älteren Bruder des Mädchens. Zwei Jahre nach ihrer Hochzeit wurde Kader bereits zum zweiten Mal Mutter, das Baby starb jedoch. Wenig später wurde auch Kader tot aufgefunden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.[i]

 

Statistik

  • Bevölkerung: 78.741.053 EinwohnerInnen (2015)[ii]
  • UNDP Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): 72 von 187 (2014)[iii]
  • Die Analphabetinnen-Rate von Frauen liegt bei 7%, in Unterschied dazu sind nur 1,4 % der Männer Analphabeten (2012)[iv]
  • die meisten Frühehen sind nicht registriert, da sie religiös geschlossen werden[v]

 

Landesüberblick

Die Türkei erstreckt sich geographisch über zwei Kontinente. Anatolien, der asiatische Teil des türkischen Staatsgebiets, nimmt etwa 97 % der Fläche ein (790.955 km²). Der europäische Teil, das östliche Thrakien, umfasst etwa 3 % der Landesfläche (23.623 km²). Insbesondere die wirtschaftlichen Ballungszentren um Antalya, Ankara, Izmir, Adana, Bursa und Istanbul stechen bei der Bevölkerungsdichte heraus, denn es herrscht eine starke Binnenmigration aus den ostanatolischen in die westlichen Provinzen. Für die meisten Menschen ist der Grund der Wanderung die Suche nach Arbeit.

Die türkische Gesellschaft ist von starken politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegensätzen gekennzeichnet. So werden Elemente einer modernen, westlichen, demokratischen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft mit einem lebendigen und in der türkischen Gesellschaft tief verwurzelten Islam moderner Prägung sowie mit einem teilweise ausgeprägten Nationalismus verbunden. Zu den Hauptbevölkerungsgruppen in der Türkei zählen Türken, Kurden und Araber. Insbesondere die Rechte der kurdischstämmigen Bevölkerung sowie die Anerkennung der Aleviten als eigene Religionsgemeinschaft spielen in der Politik des Landes immer wieder eine wichtige Rolle.

Im Zuge des 1923 geschlossenen Vertrags von Lausanne wurden KurdInnen nicht mehr als anerkannte Minderheiten berücksichtigt. In der Folge wurden entsprechend des islamischen Nationenbegriffs alle KurdInnen als türkische Staatsangehörige der türkischen Nation eingegliedert. Die Worte KurdIn und Kurdistan wurden aus allen Schulbüchern, Lexika und Landkarten gestrichen oder gelten nur noch für die KurdInnen in den Nachbarstaaten. Die öffentliche Verwendung der Sprache wurde verboten, ebenso wie kurdische Kulturvereine und politische Parteien. Diese repressive Politik des türkischen Staates den KurdInnen gegenüber hat zu einem starken Assimilationsdruck und als Reaktion darauf zu heftigen Aufständen geführt. Seit August 1984 führt u.a. die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) einen bewaffneten Kampf gegen militärische und zivile staatliche Einrichtungen mit dem Ziel, ein freies Vaterland bzw. einen autonomen kurdischen Staat zu schaffen. Dieser wird von der türkischen Regierung mit militärischen Einsätzen beantwortet. So hat der Konflikt bis zum heutigen Tag mehr als 40.000 Menschenleben gefordert. Trotz eines kurzzeitigen Waffenstillstands im Jahr 2009 hat sich der Kurdenkonflikt durch den Bürgerkrieg in Syrien nochmal verschärft. So hatte die türkische Regierungspartei AKP noch im Sommer 2009 damit begonnen, auf die KurdInnen zuzugehen. Der Friedensplan sollte den 15 Millionen in der Türkei lebenden KurdInnen mehr kulturelle Rechte zugestehen. Das Ziel der AKP war es, den Einfluss der PKK in den Kurdengebieten zu untergraben und damit die Aussöhnung mit der kurdischen Minderheit zu ermöglichen. Mit den jüngsten Entwicklungen in Syrien rückt eine friedliche Lösung des Konflikts jedoch in weite Ferne. [vi] [vii] [viii] [ix]

 

Vorkommen

Das durchschnittliche Heiratsalter in der Türkei lag im ersten Quartal 2010 bei 26,1 Jahren für Männer und 22,7 Jahren für Frauen (Turkstat). Es existiert jedoch eine Diskrepanz zwischen den Metropolen und den ländlichen Provinzen. In den unterentwickelten Regionen der Osttürkei werden zahlreiche Ehen auch schon vor der gesetzlichen Altersgrenze von 18 Jahren geschlossen. So betrug der Anteil aller unter 18-jährigen Eheschließenden in der Türkei laut einer Studie der Hacettepe-Universität aus dem Jahr 2012 28%, in Ost- und Südostanatolien sogar 40 bis 42%. [x] [xi]

 

Beweggründe

Die Heirat und die Institution der Familie haben in der Türkei nach wie vor eine hohe Bedeutung. Es herrschen noch weitgehend traditionelle Familienbildungsprozesse vor. In den ländlichen Regionen dient eine frühe Heirat vorrangig der Sicherung der Besitzverhältnisse, verringert aber auch die Gefahr des „Ehrverlustes“ der Frau.

„Ehre“ ist in der Türkei ein zentraler Wert, der das Verhältnis der Geschlechter nachhaltig bestimmt. Im Türkischen hat Ehre viele Bedeutungen, die von einem erreichten Status über Großzügigkeit hin zu bestimmten physischen und moralischen Qualitäten, die Frauen haben sollten, reichen. Das türkische Verständnis von Ehre unterscheidet zwischen geschlechtsneutralen Ehrbegriffen und solchen, die v. a. auf Frauen (namus) oder Männer (seref) angewendet werden. Die Ehre des Mannes hängt weitestgehend von seiner Fähigkeit ab, für die Mitglieder der Familie bzw. seines Haushaltes zu sorgen und sie vor Angriffen durch Außenstehende zu verteidigen sowie die sexuelle Integrität der Frauen derselben Gruppe zu garantieren. Im Gegensatz dazu bezieht sich die Ehre der Frau in erster Linie auf Regeln zum Schutze ihrer Keuschheit. Für ein unverheiratetes Mädchen bedeutet das vor allem den Erhalt ihrer Jungfräulichkeit. Darüber hinaus verlangt „namus“ von Frauen korrekte Bekleidung und korrektes Verhalten im Umgang mit fremden Männern. Sie dürfen sich in keine Situation begeben, die auch nur den Zweifel aufkommen lassen könnte, dass sie sich nicht den Verhaltensnormen entsprechend benehmen. In einer Gesellschaft wie der traditionellen türkischen, in der sich eine Person durch ihre Mitgliedschaft in einer Gruppe (Familie, Haushalt, größere Verwandtschaft) definiert, wird jegliches Verhalten des Einzelnen in Bezug auf die gesamte Gruppe gewertet. So betrifft eine Verletzung der geltenden Normen, die der Begriff der Ehre in sich trägt, nicht nur die Person, die in einen Ehrkonflikt involviert ist, sondern ihre gesamte Solidargemeinschaft.[xii]

 

Gesetzliche Lage

Das gesetzliche Heiratsalter in der Türkei beträgt 18 Jahre – für beide Geschlechter. Das Mindestalter kann allerdings umgangen werden, wenn die Eltern ihr Einverständnis zur Ehe geben. Auch in diesem Fall muss das Kind aber mindestens 17 Jahre alt sein. Unter „besonderen Umständen“ darf man auch jedoch schon unter 16 Jahren heiraten, wenn ein Gericht dies erlaubt.

Viele Eheschließungen erfolgen darüber hinaus nicht standesamtlich, sondern lediglich religiös. Diese Imam-Ehen haben laut dem türkischen Strafgesetzbuch (Artikel 230/5-6 TCK) gesetzlich zwar keine Gültigkeit, religiöse Eheschließungen werden von den beteiligten Familien häufig aber als bindend angesehen und haben mitunter sogar ein größeres Gewicht als die vor einem Standesamt geschlossenen Ehen.[xiii] Die Schließung einer religiösen Ehe, ohne dass eine zivilrechtliche Trauung vorausging, hatte jedoch strafrechtliche Konsequenzen: Bis 2015 konnten Imame, die Brautpaare ohne amtliche Heiratsurkunde trauten, mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Auch Paare, die sich nur religiös trauten, mussten mit einer Haftstrafe rechnen. Das Verfassungsgericht hat am 29. Mai 2015 jedoch entschieden, dass es nicht rechtens ist, Paare, die nur religiös getraut wurden, strafrechtlich zu verfolgen, während es in der Türkei legal ist, als unverheiratetes Paar zusammenzuleben. [xiv]

Diese Entscheidung wurde jedoch innerhalb der türkischen Gesellschaft kritisiert. Da religiös geschlossene Ehen noch immer nicht vom Staat anerkannt werden, haben die Ehefrauen und Kinder solcher Paare keinerlei Rechte.[xv] Kritiker des Urteils befürchten außerdem, dass dadurch Polygamie sowie Kinder- bzw. Frühehen legalisiert werden könnten. Candan Yüceer von der Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, kurz CHP) warnte davor, dass diese Entscheidung zu einer Zunahme von Kinder- und Frühehen führen werde. Zudem hätten Frauen und Kinder im Falle einer Scheidung oder Tod des Ehegatten keinerlei Rechte mehr.[xvi] Der Menschenrechtsanwalt Ergin Cinmen warnte diesbezüglich davor, dass sich für Frauen und Kinder insbesondere in puncto Erbrecht Probleme ergeben werden.[xvii] Auch Metin Feyzioğlu, Präsident der Vereinigung der Rechtsanwaltskammern der Türkei, kritisierte die Entscheidung des Verfassungsgerichts. Damit werde Frauen unter anderem das Recht genommen, freiwillig eine Ehe einzugehen.[xviii]

Ende Oktober 2016 hat das türkische Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet) eine Fatwa[xix] erlassen, die Frühehen verurteilt. Demzufolge soll die Verheiratung Minderjähriger niemals aus einer religiösen Perspektive legitimiert werden. Abgelehnt werden in der Fatwa sowohl Ehen, die zwischen Minderjährigen, als auch zwischen einem/einer Minderjährigen und einer/einem Erwachsenen geschlossen werden.[xx]

 

Interventionsbeispiele

  • YAKA-KOOP (S.S. Yasam Kadin Cevre Kültür ve isletme Kooperatifi, engl: Empowerment of women and women’s NGO Project) wurde 2002 von 25 Frauen als erste Frauenorganisation in Van gegründet. Sie ist eine von wenigen politisch unabhängigen Organisationen in der Türkei. Zu ihren Aufgabenbereichen gehören unter anderem Aufklärungsarbeit zu Themen der Menschen- und Frauenrechte, Rechts- und psychologische Beratung zu Zwangsverheiratung und Gewalt, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen für Mädchen und Frauen und Alphabetisierungskurse. Darüber hinaus hat YAKA-KOOP einen großen Erfolg erzielt, indem die Organisation eine öffentliche Debatte zum Thema Frühverheiratung in Gang brachte. Durch die erstmalige Organisation einer Großveranstaltung mit zahlreichen TeilnehmerInnen gegen Frühverheiratung und einer fortlaufenden Kampagne zu dem Thema kam eine breite Aufmerksamkeit der Medien zustande. Für die Veranstaltung schaffte YAKA-KOOP es erstmalig, dass 17 Dörfer mit Dorfvorstehern und Imamen bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenrechte vertreten waren. YAKA-KOOP wird von TERRE DES FEMMES unterstützt.
  • Kamer, eine 1997 gegründete türkisch-kurdische Frauenrechtsorganisation, unterhält über 20 Frauenzentren in der Türkei und unterstützt Mädchen und Frauen, die von Frühehen und Gewalt betroffen sind.
  • Mor Çati ist eine Vereinigung, die sich um den Schutz von Frauen vor Gewalt kümmert. Auf ihre Initiative hin kam es zur Gründung von Frauenhäusern. Mit öffentlichen Auftritten und Slogans wie „Erkek vuruyor  - Männer schlagen“  machen sie auf das Thema Gewalt in der Familie aufmerksam.

 

Stand: 12/2016

 

Quellen:

 

Stand 08/2018