Rumänien

Fallbeispiel

Constanza wurde im Alter von 12 Jahren verheiratet. Sie verließ ihren Ehemann, weil sie noch ein Kind und keine Ehe- und Hausfrau sein wollte. Sie suchte Asyl in ihrem Elternhaus. Allerdings wurde sie von ihrer eigenen Mutter für die Flucht bestraft, brutal zusammengeschlagen und mit einer Fußfessel ans Bett gekettet. Trotz Fußfessel schaffte es Constanza sich von den Fängen ihrer Mutter zu befreien. Sie wurde auf offener Straße von einem Polizisten gefunden und in ein Kinderheim gebracht. Dort wurde sie in Obhut genommen und psychologisch sowie juristisch betreut. Mit ihrer Flucht wurde ein Präzedenzfall angestrebt, um die Öffentlichkeit für die Folgen von Frühehen für junge Mädchen zu sensibilisieren. Allerdings kam es nie zu einer Gerichtsverhandlung, weil Constanza aus dem Kinderheim geflohen ist.[i]

Statistik

  • Bevölkerung: 19,9 Millionen (2013)[ii]
  • Human Development Index des Entwicklungsprogramms der UN (Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und –erwartung einbezieht): Platz 54 von insgesamt 187[iii]
  • mehr als jede/r Fünfte ist von Armut bedroht[iv]

Landesüberblick

Rumänien ist seit Anfang des Jahres 2007 Mitglied der Europäischen Union. Die Bevölkerung besteht zu 89,9% aus Rumänen. Zu den ethnischen Minderheiten, die insgesamt 10% der Bevölkerung ausmachen, gehören offiziell u.a. 6,6% Ungaren und 2,5% Roma.[v] Die Rechte dieser Minderheiten sind nach den europäischen Menschenrechtskonventionen in den Gesetzen verankert, allerdings leiden vor allem die Roma unter sozialer Ausgrenzung und Armut.[vi] Eine Volkszählung im Jahr 2002 ergab, dass etwa 500.000 Roma in Rumänien leben, allerdings wird die tatsächliche Zahl auf weitaus mehr geschätzt. Grund für diese Abweichung ist die Aberkennung der Roma als eigene Ethnie seitens der rumänischen Bevölkerung. Schätzungen zufolge leben zwischen 1,4 und 2,5 Millionen Roma in Rumänien.[vii] Sie stellen inoffiziell daher die größte Minderheit in Rumänien dar.

Vorkommen

Die Angaben zu Frühehen in diesem Abschnitt beziehen sich lediglich auf die Roma.

Die Statistik des „Institute for Research of the Quality of Life“ (2002) bestätigt, dass 35% der Roma-Frauen noch vor dem Erreichen ihres 16. Lebensjahres, 31% zwischen 17 und 18 Jahren und 26% im Alter zwischen 19-22 verheiratet worden sind.[viii] Die in Ramnicelu lebenden Roma verheiraten ihre Kinder besonders früh. Dort liegt das durchschnittliche Heiratsalter zwischen 8 und 12 Jahren.[ix]

Aufgrund dieser zahlreichen Frühehen ist auch die Geburtenrate von unter 18-jährigen Roma-Mädchen sehr hoch. Die Studie „Come Closer: Roma Inclusion and Exclusion in Present-day Romanian Society“ aus dem Jahre 2008 von Gábor Fleck und Cosima Rughniş (in Zusammenarbeit mit der Europäischen Union) besagt, dass 55% der Roma-Frauen als Minderjährige schwanger wurden.[x] 10% der Mädchen bekommen im Alter zwischen 10-15 Jahren ihr erstes Kind, 48% zwischen 16-18 Jahren.[xi]

Die Volkszählung aus dem Jahr 2002 zeigt, dass nur 21% der Roma-Kinder im Alter zwischen 15 und 18 zur Schule gehen, von denen 18% Mädchen sind. Lediglich 9% der Roma zwischen 18 und 30 Jahren haben einen Schulabschluss und nur 2% der Jugendlichen zwischen 19 und 22 Jahren besuchen eine weiterführende Hochschule.[xii] Gründe für den frühen Schulabbruch sind neben Frühehen (4%) primär Diskriminierungen, die fehlenden finanziellen Mittel für Materialien und Kleider (44%), schlechte Noten (16%) und die fehlende Unterstützung durch die Eltern (9%).[xiii] Die patriarchalen Strukturen erschweren es den jungen Mädchen zudem, eine gute Ausbildung zu erlangen, da sie von ihren Eltern dazu erzogen werden, die typische Frauenrolle der Hausfrau und Mutter zu übernehmen. Nur selten dürfen sie nach der Hochzeit weiterhin die Schule besuchen.

Beweggründe

Es gibt viele Arten der Frühehe bei den Roma. Eine davon ist der Brauch paruvimos (Brauttausch), bei dem Bruder und Schwester in ein und dieselbe Familie einheiraten. Dadurch halbieren sich die Kosten für die Hochzeit und auch das Brautgeld entfällt.[xiv] Eine besonders große Rolle bei diesen Hochzeiten spielt das Ansehen der Familien. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Jungfräulichkeit des Mädchens und der damit einhergehende Stolz, wenn die Familienehre erfolgreich bewahrt wurde. Viele Eltern befürchten nämlich den Verlust der Kontrolle über die Mädchen während der Pubertät und ein eventuelles Abgleiten auf die „schiefe“ Bahn. Zudem werden viele Hochzeiten pompös und protzig gefeiert, um so zusätzlich gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Dies geschieht auch dann, wenn die Familie es sich prinzipiell nicht leisten kann.[xv]

Zu weiteren Gründen für Frühehen gelten neben dem ökonomischen Aspekt, wie z.B. die Verbindung zweier reicher Familien, auch die Angst vor einer Entführung (Brautraub oder o nasimos[xvi]), bei dem Mädchen vergewaltigt und dadurch zur Ehe gezwungen werden. Schon im 19. Jahrhundert wurden Frühehen vollzogen, um Mädchen vor der sexuellen Nötigung durch Bojaren (adligen Großbesitzern) zu schützen.[xvii]

Gesetzliche Lage

Das gesetzliche Mindestheiratsalter von Jungen und Mädchen in Rumänien liegt bei 18 Jahren (Family Code: Artikel 4), allerdings erlaubt eine Ausnahme die Verheiratung mit 16 Jahren durch die Zustimmung eines gesetzlichen Vertreters. Eine vorzeitig geschlossene Ehe wird offiziell nicht anerkannt, es sei denn die Ehepartner haben zwischenzeitlich das Mindestheiratsalter erreicht oder ein Kind zur Welt gebracht.[xviii]

Die Interventionsmöglichkeiten der rumänischen Polizeibehörden halten sich mangels Beweisen allerdings in Grenzen, da beispielsweise Roma-Hochzeiten in der Regel von allen Anwesenden als interne Familienfeiern getarnt werden und die Mädchen sich nicht trauen, Widerstand zu leisten. Die Regierung wurde infolgedessen bereits mehrfach von der EU-Kommission kritisiert.

Interventionsbeispiele

  • Im Jahr 2001 veröffentlichte das rumänische Ministerium für Bildung und Forschung eine Strategie zur Verbesserung des Zugangs zu Bildung speziell für Roma, denn Bildung ist das effektivste Mittel, Perspektiven aufzuzeigen und dadurch Armut, Ausgrenzung und Frühehen vorzubeugen.[xix]
  • Das Projekt PHARE 2001 - in Zusammenarbeit mit der EU – förderte und unterstützte Kinder aus benachteiligten Gruppen, wie z.B. den Roma, auf ihrem Bildungsweg. Der Besuch des Kindergartens beispielsweise stieg um 28% und auch vorzeitige Schulabbrecher bekamen durch die „second chance“ die Möglichkeit, die Lehre wieder aufzunehmen.[xx]  
  • Die National Agency for Roma hat im Jahr 2006 einen ausführlichen Bericht über die Traditionen der Roma unter Berücksichtigung der verschiedenen Strömungen veröffentlicht. Mitunter wurden ergriffene bzw. noch zu ergreifende Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Früh- und Zwangsehen vorgestellt. Darunter fallen beispielsweise juristische Aufklärung, Schutz der Rechte und Interessen von Kindern, der Zugang zu Bildung, Informationsveranstaltungen, Beratungsstellen u.v.m.[xxi]

 

Quellen:

[i] Kurzbericht: ARD-Europamagazin (https://www.youtube.com/watch?v=oDp_lwz_S0M)

[ii] http://data.worldbank.org/country/romania

[iii] http://hdr.undp.org/en/content/human-development-index-hdi-table

[iv] http://www.focus.de/finanzen/news/wohlstand-in-europa-armut-in-deutschland-ist-groesser-als-in-slowenien_aid_949511.html

[v] Marieta Radu: „Promoting the Social Inclusion of Roma“, S.5

[vi] https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/rumaenien-node/-/210868

[vii] Marieta Radu: „Promoting the Social Inclusion of Roma“, S.2

[viii] http://www.balkaninsight.com/en/article/romania-s-roma-to-drop-early-marriage-tradition

[ix] http://www.papatya.org/pdf/Country%20report%20Rumaenien-en.pdf, S.7

[x] http://www.unicef.org/romania/Early_marriages_Romani_CRISS.pdf, S.32

[xi] http://ec.europa.eu/justice/discrimination/files/roma_romania_strategy_en.pdf, S.4

[xii] ebd., S.9

[xiii] http://www.state.gov/documents/organization/160210.pdf, S.38

[xiv] http://www.unicef.org/romania/Early_marriages_Romani_CRISS.pdf, S.35

[xv] ebd., S.34

[xvi] ebd., S.35

[xvii] http://www.okay-line.at/file/656/poliszwangsheirat.pdf, S. 5

[xviii] http://www.unicef.org/romania/Early_marriages_Romani_CRISS.pdf, S.60-62

[xix] http://www.romaeducationfund.hu/sites/default/files/publications/romania_report.pdf, S.47

[xx] ebd., S.50

[xxi] http://www.papatya.org/pdf/Country%20report%20Rumaenien-en.pdf, S.7-8