Bangladesch

Fallbeispiel[i]

Rubi ist glücklich, als sie ihre Prüfung zum Realschulabschluss in Dinajpur in Bangladesch besteht. Doch als sie nachmittags ihren Eltern davon erzählen will, gibt es keinen Anlass mehr zur Freude: Rubi soll verheiratet werden, teilen ihr die Eltern mit. Zu dieser Zeit ist das Mädchen 15 Jahre alt. Eine Heirat würde das Ende ihrer Ausbildung bedeuten. Doch Rubi wehrt sich. Sie weiß, dass das offizielle Heiratsalter in Bangladesch 18 Jahre beträgt. Sie wendet sich an Freunde, Klassenkollegen, Lehrer und bittet eine Kinderhilfsorganisation um Hilfe. Da Rubi eine Geburtsurkunde besitzt, kann sie ihr Alter nachweisen und schließlich der geplanten Frühehe entgehen. Doch nicht alle Mädchen erfahren so viel Unterstützung wie Rubi, und auch die eigene Geburtsurkunde besitzen viele Mädchen in Bangladesch nicht.

Statistik

  • Bevölkerung: 156,6 Millionen (Weltbank 2013)
  • Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen: Platz 142 von 187 Ländern (2013)
  • 45% der Frauen in Bangladesch sind Analphabetinnen[ii]
  • das durchschnittliche Heiratsalter beträgt für Frauen 19 Jahre, bei den Männern liegt es bei 25 Jahren
  • fast die Hälfte aller Frauen in Bangladesch heiratet im Alter von 15 bis 19 Jahren

Landesüberblick

Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und ist gleichzeitig unter den Flächenstaaten der am dichtesten besiedelte Staat der Welt. Knapp ein Drittel der 156 Millionen BewohnerInnen Bangladeschs lebt unter der Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar am Tag. Unter- und Fehlernährung sind weit verbreitet.

Vorkommen

Laut einer UNICEF-Veröffentlichung von 2013 heirateten 74% der 20- bis 49-jährigen Frauen in Bangladesch vor ihrem 18. Geburtstag, knapp 40% der Frauen gar vor dem Erreichen ihres 15. Lebensjahres.[iii] Eine Studie der internationalen Organisationen ICDDR und PLAN Bangladesh von 2012 kommt zu leicht positiveren Ergebnissen. Doch noch immer haben 64% der 20- bis 49-jährigen Frauen vor ihrem 18. Geburtstag geheiratet.[iv] Besonders besorgniserregend sind die Zahlen in Hinblick auf die ländliche Bevölkerung: Hier beträgt die Rate der Frühehen 71% in der Altersgruppe der 20- bis 24-jährigen Frauen. Mit diesen erschreckenden Zahlen ist Bangladesch, nach Niger, das Land mit dem zweithöchsten Vorkommen von Frühehen.

Beweggründe

Verschiedene Faktoren beeinflussen die extrem hohe Rate an Frühehen in Bangladesch, allen voran ökonomische Ursachen. Zum einen werden Mädchen jung verheiratet, wenn ihre Eltern nicht mehr für den Unterhalt aufkommen können und somit die Verantwortung an die Familie des Bräutigams übergeben wollen. Dies wird durch die zahlreichen Naturkatastrophen, denen die Bewohner Bangladeschs ausgesetzt sind, gefördert, denn oftmals führen diese zum Verlust des gesamten Besitzes. Zum anderen spielt die Mitgift eine besondere Rolle, denn je älter ein Mädchen verheiratet wird, desto höher ist ihre Mitgift, für die viele Familien auch ohnehin schon schwer aufkommen. Obwohl die Mitgift im Jahr 1980 gesetzlich verboten wurde, wird diese Tradition nichtsdestotrotz weitergeführt. Ferner spielt der frühzeitige Schutz der Ehre eine große soziale Rolle. Viele Familien fürchten nämlich einen Verlust der Ehre durch ein „Fehlverhalten“ der Mädchen und verheiraten sie deswegen so früh wie möglich. Hinzu kommt, dass unverheiratete Mädchen sexuellen Belästigungen und Übergriffen ausgesetzt sind, die im schlimmsten Fall sogar zum Raub führen.[v]

Gesetzliche Lage

Bereits seit 1929 sind Frühehen in Bangladesch nicht erlaubt. Das offizielle Heiratsalter liegt für Frauen bei 18 Jahren, für Männer bei 21. Doch die Umsetzung des Gesetzes ist seit seiner Einführung mehr als mangelhaft und steht auf wackeligen Beinen. Erst im September 2014 hatte die Regierung einen Gesetzesentwurf beschlossen, der die Herabsetzung des Mindestheiratsalters für Frauen auf 16 und für Männer auf 18 Jahre vorsah. Dieser Entwurf der Regierung kann als Versuch, die offiziellen Zahlen zu beschönigen, gedeutet werden, denn wenn bereits 16-Jährige Mädchen offiziell heiraten dürfen, fällt ein Großteil der Fallzahlen aus der Statistik heraus. Der Gesetzesentwurf stieß auf große Kritik seitens nationaler und internationaler NGOs. Bisher scheint es, als ob die Regierung der Gegenwehr nachgegeben hat, der Gesetzesentwurf ist erst einmal auf Eis gelegt.

Die Tatsache, dass Bangladesch trotz der Festlegung des weiblichen Mindestheiratsalters auf 18 Jahre zu den Ländern mit der weltweit höchsten Rate an Frühehen zählt, ist Indiz der mangelnden Kontrollmöglichkeiten und –fähigkeiten der Regierung bezüglich der Implementierung der Gesetzgebung. Regierungsbeamte und Behörden untergehen das offizielle Mindestheiratsalter, sie akzeptieren oftmals gefälschte Geburtsurkunden oder verzichten gar komplett auf einen Altersnachweis der Mädchen.[vi]

Interventionsbeispiele

  • „Wedding Buster“ nennt sich eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die sich in der Provinz im Norden von Bangladesch zusammengeschlossen haben, um Kinderhochzeiten zu verhindern. Dabei unterstützt werden sie von dem internationalen Kinderhilfswerk PLAN.[vii]
  • Seit 2006 versucht die Regierung mit der staatlichen Kampagne „Birth and Death Registration Project“ dafür zu sorgen, dass alle neugeborenen Kinder registriert werden und eine Geburtsurkunde ausgestellt bekommen. Unterstützung hierbei leistet UNICEF.[viii]

Quellen


[i] https://www.devex.com/news/how-birth-certificates-help-fight-child-marriage-84927

[ii] http://reports.weforum.org/global-gender-gap-report-2014/economies/#economy=BGD

[iii] http://data.unicef.org/corecode/uploads/document6/uploaded_pdfs/corecode/Child-Marriage-Brochure-HR_164.pdf

[iv]  https://plan-international.org/publications/child-marriage-in-bangladesh

[v] https://www.hrw.org/report/2015/06/09/marry-your-house-swept-away/child-marriage-bangladesh

[vi] http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Bangladesch/kinder.html

[vii] https://plan-international.org/girls-rights-activists-helping-end-child-marriage

[viii] http://www.unicef.org/bangladesh/4926_4968.htm