Folgen Häuslicher Gewalt

Die Folgen Häuslicher Gewalt sind sowohl akut als auch langfristig, und sie sind körperlicher und psychischer Natur. Neben den unmittelbaren physischen Verletzungen sind Überlebende Häuslicher Gewalt langfristig traumatisiert. Eine der fatalsten Konsequenzen Häuslicher Gewalt ist die Tatsache, dass sie vererbt wird. Kinder aus gewalttätigen Beziehungen sind immer auch Opfer Häuslicher Gewalt.

Auch die Gesellschaft leidet mit, denn sie hat die Kosten für die Männergewalt zu tragen: Jährlich flüchten rund 40 000 Frauen und Kinder in eines der 360 Frauenhäuser bundesweit, deren Finanzierung bis heute nicht gesichert ist. Weitere Kosten entstehen durch Polizeieinsätze und Gerichtsverfahren, aber auch Arbeitsausfälle, ärztliche Behandlungen und psychologische Betreuungen. Die Zahlen zeigen, dass Häusliche Gewalt keine Privatangelegenheit ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Weitere Folgen von Häuslicher Gewalt
(Übernommen von Schweikert 2000: 54 - 60):

Körperliche Folgeschäden Häuslicher Gewalt:
Viele Betroffene werden letztlich von ihren Partnern umgebracht. Die, die die Misshandlung überleben, müssen mit einigen oder mehreren der folgenden Beeinträchtigungen leben: Knochenbrüche, Schädigung innerer Organe, Hirnschädigungen auf Grund von Schlägen auf den Kopf, schlecht verheilte Narben am ganzen Körper, Entstellungen im Gesicht, verminderte Seh- und Hörfähigkeit, Unterleibsverletzungen durch Tritte und Schläge oder erzwungene Abtreibungen. Vergewaltigungen bewirken anale und vaginale Verletzungen und Blutungen, Blasenentzündungen, Geschlechtskrankheiten, Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten.
Außerdem kommt es häufiger zu Krankheiten mit psychosomatischen Aspekten: Magengeschwüre, Thrombosen, Herzschmerzen, ständige Kopfschmerzen, Kreislaufstörungen etc.

Psychische Folgeschäden Häuslicher Gewalt:
Angstzustände, Schlafstörungen, Misstrauen, Depression, Scham- und Schuldgefühle, Gefühle der Beschmutzung und Stigmatisierung, niedriges Selbstwertgefühl, Todeswünsche, Verzweiflung, Selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Abhängigkeit von Drogen und Medikamenten, Suizid(-versuche).

Dauert die Misshandlung über einen längeren Zeitraum an und fehlt gleichzeitig soziale Unterstützung, verliert die Betroffene den Glauben in die eigene Sicherheit und Unverletzlichkeit. Die Folge: Rückzugstendenzen, Veränderungen des Wertesystems, Wahrnehmungsstörungen bis hin zu schweren psychischem Störungen und Erkrankungen wie chronische Suizidgedanken und Selbstschädigendes/Selbstverletzendes Verhalten, Persönlichkeits- und Beziehungsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Borderline und dissoziative Identitätsstörungen.

Geringes oder völlig fehlendes Selbstvertrauen, Passivität und Ambivalenz bei Entscheidungen sind schwerwiegende Folgen von Häuslicher Gewalt, die sich stark auf das Leben der Frauen auswirken. Gerade diese Folgen werden im öffentlichen Bewusstsein meist mit den Ursachen verwechselt. So wird immer wieder angenommen, dass misshandelte Frauen nichts zur Veränderung ihrer Situation beitragen wollen, oder dass Frauen misshandelt werden, weil sie ambivalent oder passiv sind.

Das Verhalten betroffener Frauen kann aber denselben psychischen Mechanismen folgen, die auch bei Geiselopfern zu finden sind, das heißt: Sie passen sich dem Täter an, um zu überleben (Stockholm-Syndrom). Dadurch wird die Bindung an den Täter so stark, dass häufig dessen Perspektive vom Opfer übernommen wird, wodurch teilweise die für Außenstehende unerklärliche Koalition mit dem Misshandler entsteht.

Ökonomische Folgeschäden:
Von Häuslicher Gewalt betroffene Frauen fehlen häufiger am Arbeitsplatz (auf Grund von Krankheit), lassen in der Arbeitsleistung nach, sind weniger belastbar und verlieren deshalb manchmal sogar ihre Stelle.

Die Auswirkungen körperlicher oder seelischer Verletzungen können so gravierend sein, dass die betroffenen Frauen nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr erwerbsfähig sind. Manche Frauen können infolge der Verletzungen nicht mehr lange sitzen oder stehen, oder Ängste wie die vor Menschenansammlungen schränken die Arbeitsmöglichkeiten ein.

Die Kosten für Wirtschaft und Staat sind enorm, und sie steigen, wenn man langfristige Kosten mit berücksichtigt: Die Gewinnverluste durch niedrige Produktivität/Arbeitsausfälle, und die Kosten für ärztliche Behandlung, Betreuung durch soziale Dienste und therapeutische Begleitung sind eine Seite. Langfristig generiert Häusliche Gewalt häufig mehrere Generationen von Gewaltbeziehungen, in denen sich die Kosten wieder reproduzieren: Was passiert zum Beispiel, wenn ein Kind auf Grund der zu Hause erlebten Gewalt Lern- und Persönlichkeitsstörungen entwickelt, die Schule schlecht oder gar nicht abschließt und in Folge dessen arbeitslos bleibt?

Soziale und materielle Folgen:
Es sind meist die Frauen, die die sozialen und monetären Konsequenzen Häuslicher Gewalt tragen. Sie leiden nicht nur unter sozialer Isolation, sondern müssen ihre Wohnung und die gewohnte Umgebung verlassen, wenn sie in ein Frauenhaus fliehen. Sie verzichten auf gemeinsames oder sogar ihr eigenes Eigentum, um in Ruhe gelassen zu werden. Täter zerstören Gegenstände, die der Partnerin gehören, und ersetzen sie nicht. Viele Frauen verzichten aus Angst vor weiteren Angriffen auf Unterhalts-, Vermögensausgleichs- oder Schadensersatzzahlungen.

In der Regel besteht kein tragfähiges soziales Netz zur Unterstützung der Frau; ihre Kontakte werden unterbunden oder unterliegen der Kontrolle durch den Misshandler. Weil FreundeInnen, die sich mit ihr solidarisieren, selbst Opfer von Attacken des Aggressors werden, sind viele freundschaftliche Beziehungen nicht von Dauer. Manchmal hat das "Öffentlichmachen" der Misshandlungen negative soziale Konsequenzen für die Frau. Auch eigene FreundeInnen und Verwandte schneiden sie.

Kinder:
Sie sind immer das schwächste Glied in der Familie und Opfer Häuslicher Gewalt, selbst, wenn sie "nur" Zeugen der Misshandlungen werden. Die meisten Studien belegen aber, dass sich Häusliche Gewalt in Familien sehr selten nur auf die Partnerin beschränkt.

Kinder werden durch Häusliche Gewalt schwersttraumatisiert, darüber hinaus erlernen sie destruktive und negative Verhaltens- und Geschlechterrollenmuster. Oft fühlen sie sich mit verantwortlich, schuldig, hilflos, allein gelassen, ausgeliefert, in vielen Fällen versuchen sie einzugreifen und werden dabei selbst verletzt.

Je nach Alter zeigen Kinder verschiedene unspezifische Symptome. Sie können sehr unterschiedlich auf die Traumatisierung reagieren. Einige der verbreiteten Folgen sind: Angstzustände und Depressionen, Schlafstörungen, Flashbacks und Albträume, psychosomatische Beschwerden, Schwierigkeiten in der Schule, Stimmungsschwankungen, Aggressivität, niedriges Selbstwertgefühl, Alkohol- und Drogenkonsum, Selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen etc.

Auch wenn die deterministische Gleichung "Jungen als Opfer Häuslicher Gewalt werden als Männer zu Tätern, Mädchen als Frauen zu Opfern" nicht angebracht ist, zeigen Untersuchungen doch, dass das Risiko einer solchen Entwicklung hoch ist.

Das Wichtigste in Zahlen:

64% der Frauen, die körperliche oder sexuelle Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erleben, werden durch diese Übergriffe körperlich verletzt (BMFSFJ 2004: 15).

Die Frauen, die über psychische Folgebeschwerden Häuslicher Gewalt berichten, nennen im Durchschnitt drei bis vier unterschiedliche psychische Beschwerden, unter denen sie leiden (BMFSFJ 2004: 15).
1/3 aller misshandelten Frauen in den USA berichten über schwere depressive Phasen (Unfpa 2000: 29).

Frauen, die körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt erlebt haben, zeigen einen deutlich höheren Alkohol-, Tabak- und/oder Medikamentenkonsum (BMFSFJ 2004: 17).

Frauen, die körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt erleiden mussten, müssen vier bis fünf Mal häufiger als andere Frauen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen (Hagemann-White 2006: 8).

29% der Frauen, die einen Suizidversuch unternehmen, waren vorher Opfer von Gewalt geworden, 37% der Frauen mit Gewalterfahrungen leiden unter Depressionen, 46% unter Angst- und Panikattacken und 45% unter posttraumatischen Belastungsstörungen (Maschewsky-Schneider 2004: 27).

Eine repräsentative Studie des BMFSFJ zeigt, dass Frauen, die in der Herkunftsfamilie Gewalt erlebt haben, wesentlich häufiger Gewalt in späteren Beziehungen erleben. Jungen, die in gewaltaffinen Familien aufwachsen, haben ein größeres Risiko, später selbst zu Tätern zu werden (BMFSFJ 2004: 21).

Je nach Untersuchungsmethode beträgt die Überschneidung von Kindesmissbrauch und Häuslicher Gewalt 30% bis 60% (Maschewsky-Schneider 2004: 26).
In medizinischen Versorgungseinrichtungen wurde festgestellt, dass 45% bis 49% der Mütter von misshandelten Kindern gleichfalls von Gewalt betroffen sind (Maschewsky-Schneider 2004: 26).

In einer Zusammenstellung der Kosten von Gewalt nach der WHO variieren die jährlichen Folgekosten Häuslicher Gewalt je nach Land und Region zwischen 1 und fast 13 Milliarden Dollar (WHO 2004: 18).

Laut der EU-Kampagne gegen Häusliche Gewalt kommt eine britische Studie zu dem Ergebnis, dass jede zweite Frau, die getötet wird, Opfer ihres (Ex-)Partners wird.

2011 wurden in Deutschland 313 Frauen ermordet, etwa die Hälfte von ihnen, 154 Frauen, hatten zum ermittelten Täter eine Vorbeziehung (Sonderauswertung Täter-Opfer-Beziehung der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes 2011).

Bibiliografie

BMFSFJ / Ursula Müller, Monika Schröttle (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Zusammenfassung zentraler Studienergebnisse, Bonn.
HAGEMANN-WHITE, Carol/ COUNCIL OF EUROPE (2006): Combating Violence Against Women. Stocktaking-Study On The Measures And Actions Taken In Council Of Europe Member States, Strasbourg.
MASCHEWSKY-SCHNEIDER, Ulrike/ HELLBERND, Hildegard et al. (2004): Häusliche Gewalt gegen Frauen: Gesundheitliche Versorgung. Das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm. Handbuch für die Praxis, Wissenschaftlicher Bericht, Berlin.
SCHWEIKERT, Birgit (2000): Gewalt ist kein Schicksal. Ausgangsbedingungen, Praxis und Möglichkeiten einer rechtlichen Intervention bei Häuslicher Gewalt gegen Frauen unter besonderer Berücksichtigung von polizei- und zivilrechtlichen Befugnissen, Baden-Baden.
UNFPA - United Nations Population Fund (2000): The State Of World Population - Lives together, Worlds apart. Men and Women in a Time of Change, Url: http://www.unfpa.org/publications/detail.cfm?ID=40&filterListType
WHO/ Hugh Waters et al. (2004): The Economic Dimensions Of Interpersonal Violence,Geneva.

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