Weibliche Genitalverstümmelung in Afrika

Demokratische Republik Kongo

Vorkommen

In der Demokratischen Republik Kongo ist weibliche Genitalverstümmelung (FGM – Female Genital Mutilation) kaum verbreitet. Nur im Norden des Landes, nicht weit von der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik, wird FGM praktiziert. Fälle aus den Provinzen Kivu, Kasai aus Katanga und der Kinshasaregion, besonders in ländlichen Gebieten, sind bekannt.

Zahlen

Betroffene: weniger als 5% (laut UNICEF 2007)
Befürworterinnen: keine Daten bekannt
Alter bei Verstümmelung: Die Mädchen fangen zumeist zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr an ihre Klitoris und/oder Schamlippen selber zu dehnen.

Formen

Das rituelle Dehnen der Klitoris und/oder der inneren Schamlippen ist die am weitesten verbreitete Praktik in der Demokratischen Republik Kongo. Diese Art der FGM ist als Typ IV von der WHO charakterisiert. Den Mädchen wird im vorpubertären Alter (meist in Gruppen) beigebracht, ihre Schamlippen mit Hilfe von Ölen und Kräutern über mehrere Monate zu dehnen. Es wird großer Druck auf die Mädchen ausgeübt die Praktik durchzuführen. Meist sind die Mädchen jedoch noch so jung, dass sie kaum verstehen, was sie eigentlich tun. Der Dehnungsprozess wird den Mädchen meistens von einer weiblichen Verwandten beigebracht, beispielsweise der Großmutter oder Tante, wobei sie auch voneinander lernen.

Schamlippendehnung ist eine Art der weiblichen Genitalverstümmelung, da die Mädchen gezwungen werden ihre Genitalien nachhaltig zu verändern.

Begründungsmuster

FGM wird als Teil der sexuellen Initiierung kongolesischer Mädchen verstanden. Eine Verlängerung soll anziehender auf Männer wirken und die Mädchen akzeptabel für die Heirat machen. Als Hauptmotivation für die Dehnung dienen ästhetische Aspekte und der Glaube, dass die Mädchen dadurch bessere Ehefrauen seien.

Gesetzliche Lage

Im Jahr 2006 verabschiedete die Demokratische Republik Kongo ein Gesetz zur Änderungen der Bestimmungen über sexuelle Gewalt im Strafgesetzbuch, darunter ein Gesetz, welches Genitalverstümmelung verbietet. Das Gesetz sieht eine Strafe von zwei bis fünf Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von 200.000 kongolesische Francs vor, für jede Person, welche die "körperliche oder funktionelle Integrität" der Geschlechtsorgane einer Person verletzt. Die Gefängnisstrafe wird auf lebenslänglich verlängert wenn FGM zum Tod des Opfers geführt hat.

 

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Stand 09/2016

Republik Südafrika

Vorkommen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Südafrika nicht (mehr) als Land auf, in welchem FGM (Female Genital Mutilation) praktiziert wird. Im Jahre 2005 während der Beratung zur „Children Bill“, legte die South African Girl Child Alliance (SAGCA) einen Bericht zur Hervorhebung der Nichtexistenz von FGM vor. Dennoch ergaben Feldstudien, dass FGM weiterhin von der Ethnie der Vendas sowie MigrantInnen aus dem Sudan und anderen afrikanischen Ländern praktiziert wird. Unter den Vendas, welche im Nordosten des Landes leben, kann die weibliche Genitalverstümmelung für unterschiedliche Frauen zu verschiedenen Zeitpunkten und in verschiedenen Formen durchgeführt werden. Es gibt unter anderem die Praktik, dass die Frauen acht Wochen (ggf. auch früher) nach Geburt eines Kind genitalverstümmelt werden. Eine andere Form der Praktik soll den Übergang von der Kindheit zur Frau zum entsprechenden Zeitpunkt markieren.

Formen

Zumeist wird eine Klitoridektomie durchgeführt, was bedeutet, dass die Klitoris und/oder die Klitorisvorhaut entfernt werden. Laut WHO entspricht dies Typ I einer FGM. Wird die Verstümmelung nach der Geburt vorgenommen, wird die Mutter von einer traditionellen Heilerin der Gemeinschaft genitalverstümmelt. Das so gewonnene Gewebe wird danach mit schwarzem Pulver und Öl gemischt und auf den Kopf ihres Kindes aufgetragen. Um den Heilungsprozess zu beschleunigen, wird nach der Verstümmelung auf traditionelle Medizin zurückgegriffen.

Wird FGM als Ritual für den Übergang vom Mädchen zur Frau praktiziert (Initiationsritus), müssen die Mädchen vorher für 24 Stunden in einer „nonyana“ Hütte (nonyana stammt von der Bantusprache Sesotho und bedeutet „Vogel“) bleiben, bis eine ältere Frau die Genitalverstümmelung an einem Flussufer durchführt. Als Nachweis für das Absolvieren des Rituals werden die Mädchen mit einer Brandmarkierung auf ihren Oberschenkeln gekennzeichnet.

Begründungsmuster

Das Gemisch aus Gewebe, Öl und schwarzem Pulver soll das Kind vor goni schützen. Goni wird als Schwellung des Hinterkopfs bei Kindern beschrieben. Die Beschneidung von Mädchen in jungem Alter soll ihre Jungfräulichkeit und Reinheit vor der Ehe sicherstellen.

Gesetzliche Lage

Obwohl Südafrika kein ausschließlich FGM betreffendes Gesetz verabschiedet hat, zählt die Verstümmelung aufgrund der allgemeinen Gesetzgebung als Angriff. Die südafrikanische Verfassung ratifizierte 1995 CEDAW (Convention of the Elimination of all Forms of Discrimination against Women) und die „Convention of the Rights of the Child“. Alle darin enthalten Rechte werden jedem Mädchen und jeder Frau zugesprochen. Die Konstitution garantiert in den Abschnitten 10, 11, 12 und 27 allen Kindern das Recht auf Freiheit, Leben, Sicherheit und Würde.

Auch in Bezug auf das Strafrecht- und Verfahrensgesetz 51 von 1977 zählt FGM als Straftat, genauer gesagt als Körperverletzung. In Bezug auf die südafrikanische Gesetzgebung ist FGM eine Verletzung der persönlichen Integrität einer Person.

Der „Children’s Act“ (Nummer 38 von 2005) verbietet Genitalverstümmelung oder Beschneidung von Kindern. Unter anderem wird festgelegt “Every child has the right not to be subjected to social, cultural and religious practices which are detrimental to his or her well-being”.

Haltung und Tendenzen

Die südafrikanische Regierung bemüht sich sehr um ein Ende von FGM und führt unter anderem Sensibilisierungsworkshops und Informationsarbeiten durch. Um die Praktik von FGM endgültig zu beenden, muss die Regierung weiterhin mit zivilen Akteuren zusammenarbeiten, welche die Gesellschaft zum Umdenken bringen können.

 

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Stand 12/2019

Togo

© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Togo© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Togo

Vorkommen

Weibliche Genitalverstümmelung wird in Togo von einzelnen Ethnien praktiziert. Während in den Städten die Aufklärungskampagnen schon zu einer sehr kritischen Haltung gegenüber FGM geführt haben, leben in ländlichen Regionen noch viele BefürworterInnen. Damit korreliert, dass die Eingriffe üblicherweise auch in den Dörfern von den traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt werden.

Togo ist ein multiethnisches Land in dem ein sehr unterschiedliches Brauchtum gepflegt wird. So sind zwar insgesamt „nur“ 5% der weiblichen Gesamtbevölkerung von FGM betroffen, 1% befürworten die Praxis ausdrücklich. In einigen Ethnien ist sie aber zu 85-­98% verbreitet. Dies sind die Cotocoli, Tchamba, Mossi, Yanga und Peulh. Bei den Moba und den Gourma, die beide eine geringere aber doch auffällige FGM Quote haben, wurde diese Praxis erst populär, als diese Gemeinschaften immer engere Verbindungen zu den Peulh pflegten. Die beiden größten Bevölkerungsgruppen, Adja­Ewe und Akposso-­Akebou praktizieren weibliche Genitalverstümmelung hingegen nicht. Die Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung ist in Togo unabhängig von der Religion. Alle Glaubensgruppen lassen ihre Töchter verstümmeln, bei den Muslimen sind es 22%, bei den Christen 2%, bei den Animisten 1% und 1% bei anderen Religionen. 35% der Betroffenen werden vor dem 4. Lebensjahr beschnitten, wiederum 29% werden zwischen dem fünften und neunten Lebensjahr beschnitten. Bei den Peulh ist die Säuglingsbeschneidung üblich.

Zahlen

Betroffene: 0,3% der Mädchen (0-14 Jahre) und 5% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 1% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)

Beschneidungsalter: 11% der Beschneidungen fanden bis zum 4. Lebensjahr der Mädchen statt, 57% zwischen dem 5. und 9 und nochmals 20% zwischen 10. und 14.

96% der Eingriffe werden von traditionellen Beschneiderinnen vorgenommen.

Formen

In Togo wird mit 63% Typ II (Exzision) von FGM am häufigsten praktiziert. Hierbei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Lippen teilweise oder vollständig entfernt. Bei 12% der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) wurde Typ I (Klitoridektomie) vollzogen. Dabei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und/ oder die Klitorisvorhaut teilweise oder vollständig entfernt. 15% der Beschneidungen sind eine Infibulation (Typ III). Das heißt, das gesamte äußerlich sichtbare Genital wird herausgeschnitten und die offene Wunde bis auf ein kleines Loch zugenäht.

Begründungsmuster

In Togo ist die weibliche Genitalverstümmelung in den meisten Fällen eng an den Beginn der Pubertät und die Rolle einer Frau als Ehefrau und Mutter geknüpft. Dies ist ein deutlicher Indikator dafür, dass durch das Wegschneiden der sichtbaren Genitalien ihre sexuelle Treue, ggf. die Jungfräulichkeit und mitunter auch Fertilität bewahrt oder gesichert werden sollen. In Togo ist ebenfalls der Glaube verbreitet, dass ein Mädchen bei ihrer Genitalverstümmelung Jungfrau sein muss, da „unjungfräuliches“ Blut bei dem Ritual die Beschneiderin erblinden lassen könne. Die weibliche Lust und ihren Sexualtrieb hingegen werden, sagt man auch in Togo, durch den Charakter der Frauen bestimmt, weniger durch das Wegschneiden der Klito­ris.

Gesetzliche Lage

Weibliche Genitalverstümmelung wurde von der Nationalversammlung am 30.10.1998 gesetzlich verboten und mit einem Strafmaß von zwei Monaten bis zehn Jahren Gefängnis (im Todesfall) und einer Geldstrafe zwischen 100.000 und einer Million CFA (ca. 120-­1200 Euro) versehen. Mitwisser einer Beschneidungszeremonie können bei Überführung mit bis zu einem Jahr Gefängnis und einer halben Million CFS Bußgeld rechnen. Bisher kam es lediglich zur Verhaftung einer Beschneiderin, aber über den Ausgang des Verfahrens ist uns nichts bekannt. Die Einführung des Gesetzes wurde von Aufklärungskampagnen begleitet, mit Hilfe der WHO und UN implementiert und fand auch in den Landesmedien große Aufmerksamkeit. Juristisch ist das Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung auch durch die Artikel 13 und 21 der Verfassung Togos gestützt, die besagen, dass körperliche Integrität vom Staat geschützt wer­den muss und kein Mensch Folter oder anderen grausamen, unmenschlichen Praktiken ausgeliefert werden darf.

Neben der offiziellen Rechtsprechung bestehen aber weitere Überzeugungen. Im traditio­nellen Empfinden vieler Menschen geht die Frau mit der Hochzeit in den Besitz des Mannes über, er darf über sie bestimmen und sie muss gehorchen. Unter den Muslimen in Togo darf die Frau ein Ehegesuch ablehnen und darf sich auch der Anordnung ihres Ehemannes widersetzen, wenn er FGM fordert. Da sie aber dennoch als sein Eigentum gilt, kann der Ehe­mann auch gegen den Willen seiner Frau die Genitalverstümmelung durchführen lassen.

Haltung und Tendenzen

Seit 2010 ist die Prozentzahl der Befürworterinnen von FGM von 2% auf 1% (Stand 2014) gesunken. In Togo liegt die Quote der Befürworterinnen seit einigen Jahren stabil bei 2% der Frauen. 95% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) und 96% der Jungen und Männer (15-49 Jahre) sind der Meinung, dass FGM stoppen sollte. Die Anzahl der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre), bei denen FGM praktiziert wurde ist von 2006 bis 2014 von 6% auf 5% gesunken.

 

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Stand 12/2019

Zentralafrikanische Republik (ZAR)

© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2019. Country Profile: Zentralafrikanische Republik© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2019. Country Profile: Zentralafrikanische Republik

Vorkommen

In der Zentralafrikanischen Republik sind 24% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM – Female Genital Mutilation) betroffen. In Abhängigkeit von der Region fällt die FGM-Rate jedoch sehr unterschiedlich aus. Die höchste Beschneidungsrate einer Ethnie liegt bei 53%, die niedrigste bei 3%. Unter allen Religionen bzw. denen, die keiner Religion angehören, liegt die Rate zwischen 21 und 25%.

Zahlen

Betroffene: 1% der Mädchen (0-14 Jahre) und 24% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 11% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Beschneidungsalter: 3% von FGM fand bis zum 4. Lebensjahr eines Mädchens statt, 23% zwischen dem 5. und 9., 59% zwischen dem 10. und 14. und nochmals 8% nach ihrem 15. Geburtstag.

89% der Eingriffe werden von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführt.

Formen

In der Zentralafrikanischen Republik wird mit 61% Typ II (Exzision) von FGM am häufigsten praktiziert. Hierbei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Lippen teilweise oder vollständig entfernt. Bei 24% der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) wurde Typ I (Klitoridektomie) vollzogen. Dabei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und/ oder die Klitorisvorhaut teilweise oder vollständig entfernt. 6% der Genitalverstümmelungen sind eine Infibulation (Typ III). Das heißt, das gesamte äußerlich sichtbare Genital wird herausgeschnitten und die offene Wunde bis auf ein kleines Loch zugenäht.

Begründungsmuster

Über die Begründungsmuster in der Zentralafrikanischen Republik liegen uns bisher keine ausreichenden Informationen vor.

Gesetzliche Lage

1996 erließ der Präsident der Zentralafrikanischen Republik eine Verordnung, die weibliche Genitalverstümmelung unter Strafe stellte. Seither muss jede Person, die sich an dieser Menschenrechtsverletzung beteiligt, mit einer Gefängnisstrafe von einem Monat bis zu zwei Jahren und einer Geldbuße von 5100 bis 100.000 Francs (ca. 5-120 Euro) rechnen. Ob dieses Gesetz bereits zur Anwendung kam ist uns nicht bekannt.

Haltung und Tendenzen

In der zentralafrikanischen Republik geht sowohl die Befürwortung als auch die Verbreitung der Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung kontinuierlich zurück. Je nach Region verlaufen diese Fortschritte schneller oder langsamer, im gesamten Land ist seit vierzig bis fünfzig Jahren eine langsame Abkehr von FGM zu beobachten. Allein in den letzten 20 Jahren wurde die Zahl der Betroffenen von 43% (Jahr 1994) um fast 20 Prozentpunkte auf 24% (Jahr 2010) gesenkt. Zudem sind 75% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) der Meinung, FGM müsse aufhören.

 

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Stand 12/2019

Sierra Leone

© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Sierra Leone.© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Sierra Leone.

Vorkommen

Mit Ausnahme eines kleinen Gebietes im Westen von Sierra Leone liegt die Quote für weibliche Genitalverstümmelung (FGM-Female Genital Mutilation) bei durchschnittlich 86%. Das Thema wird so kontrovers diskutiert, dass die öffentlichen Debatten dazu üblicherweise nicht in Wahljahren stattfinden. Es gibt viele AktivistInnen im Land, die sehr gute Aufklärungsarbeit leisten, aber die PolitikerInnen scheuen sich, selbst Initiative zu ergreifen. Ihrer Meinung nach würde eine kritische Haltung zu diesem Thema oder gar ein Gesetz gegen diese Praktik die Stimmen der Frauen bei der nächsten Wahl gefährden.

Mitunter ist die Gründung von Geheimgesellschaften (Bondo/Sande) im Zuge der Praktik üblich. Der Eingriff ist Teil des Initiationsritus. Mädchen gleichen Alters erleben diesen Eingriff, alle damit zusammenhängenden Folgen sowie den ‚Eintritt ins Erwachsenenleben‘ gemeinsam. Dieses Ereignis schweißt sie für den Rest ihres Lebens zu einem „Schwesternzirkel“ zusammen. Sie verbringen während und nach der Genitalverstümmelung mehrere Wochen gemeinsam –losgelöst von ihren FreundInnen und ihrer Familie – an einem für ihre ethnische Gruppe heiligen Ort. Nach der Genitalverstümmelung lernen die Mädchen, welche Rechte und Pflichten ihnen als erwachsene Frauen zuteilwerden und werden in die Geheimnisse einer ‚guten Ehefrau‘ eingeweiht. Ihr Schweigen über das Erlebte festigt diesen Bund.

Die Region mit der höchsten Prävalenzrate ist Kambia im Norden mit 97% Betroffenen (15-49 Jahre). Die niedrigste Prävalenzrate hat Urban im Westen mit 74%. In ländlichen Gebieten ist FGM weiter verbreitet (94%) als in urbanen Gebieten (81%). Die Prävalenz hängt mit dem Bildungsstand der Frau zusammen, doch sind die sozioökonomischen Verhältnisse nicht unbedingt relevant.

Zahlen

Betroffene: 86% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 68% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Alter: 4% von FGM wurde vor dem 4. Lebensjahr durchgeführt, 33% zwischen dem 5. und 9., 26% zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr und nochmals 19% bei Mädchen, die älter als 15 Jahre sind

99% der Eingriffe werden von traditionellen Beschneiderinnen vorgenommen.

Formen

Bei 89% der beschnittenen Frauen wurde eine Exzision (Typ II) vorgenommen. Das heißt, dass der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Labien teilweise oder vollständig entfernt werden. 9% der Beschneidungen ist eine Infibulation (Typ III). Das heißt, dass das gesamte äußerlich sichtbare Genital herausgeschnitten und die offene Wunde bis auf ein kleines Loch vollständig zugenäht wird, wodurch Menstruationsblut und Urin abfließen soll. Die Wunde verheilt und hinterlässt Narbengewebe, welches die Vagina verschließt. Dieses Narbengewebe wird für Geschlechtsverkehr, meist nach der Heirat, aufgeschnitten (Deinfibulation). Erneut wird es im Falle einer Geburt aufgeschnitten. Es kommt dazu, dass Mädchen und Frauen nach einer Geburt oft wieder zugenäht werden (Reinfibulation), und vor jedem Geburtsvorgang wieder aufgeschnitten werden. Durch wiederholte Öffnungs- und Schließungsvorgänge werden die unmittelbaren- sowie Langzeitrisiken erhöht.

Begründungsmuster

Soziale Akzeptanz und Anerkennung in der Gesellschaft sind die wichtigsten Gründe für die Praktizierenden. Ohne weibliche Genitalverstümmelung fehle die Akzeptanz. Diese Überzeugung führt so weit, dass sich z.B. ehemalige Kindersoldatinnen freiwillig diesem Ritual unterziehen, um im Bondo-Kreis eine neue „Familie“ und lebenslange Unterstützung zu finden. Ohne die Genitalverstümmelung und vor allem ohne die Teilnahme am Initiationsritus gelten die Mädchen nicht als Frauen und können sich weniger zuverlässig auf ihr Netzwerk anderer Frauen verlassen.

22% sehen die Genitalverstümmelung als unerlässlich für die spirituelle Reinheit und die körperliche Hygiene an, bei jeder fünften steht die Hoffnung auf verbesserte Heiratschancen im Vordergrund und 10% glauben, FGM sichere die Jungfräulichkeit der Mädchen.

56% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) und 47% der Jungen und Männer (15-49 Jahre) glauben außerdem, dass ihre Religion weibliche Genitalverstümmelung vorschreibt.

Gesetzliche Lage

Sierra Leone hat kein eigenes Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung. Es gibt lediglich einen Paragraphen, der es verbietet, dass Mädchen unter 18 Jahren an den Initiationszeremonien teilnehmen. Sie sollen dadurch solange unversehrt bleiben, bis sie reif genug sind, eine selbstständige Entscheidung darüber treffen zu können.

Haltung und Tendenzen

Weibliche Genitalverstümmelung wird mit 68% unter Frauen weitgehend befürwortet. Das ist nach Guinea und Mali die dritthöchste Anzahl an Befürworterinnen. Selbst unter gebildeten, sozioökonomisch starken Gesellschaftsschichten sprechen sich 47% für eine Fortführung aus. Nur 27% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) sprechen sich gegen FGM aus. Bei den Jungen und Männern in der gleichen Altersklasse sind es 40%.

Die Anzahl der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) ist leicht gesunken: von 94% im Jahr 2005 auf 86% im Jahr 2017. Die Befürwortungsquote sank von 86% (2005) auf 68% (2017).

27% der Frauen und 40% der Männer äußerten, dass FGM ihrer Meinung nach aufhören sollte.

 

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Stand 12/2019