Polygamie in Deutschland - Hintergrundinformationen

von TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V.

Positionspapier zu Polygamie in Deutschland

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Welche Rolle spielen bei Polygamie gesellschaftliche und familiäre Strukturen, sowie Religion?

Zwangsverheiratung, arrangierte Ehe, Polygamie, Kinderehe, sind von gesellschaftlichen Strukturen abhängig. Islamische Gesellschaften sind geprägt von Traditionen und patriarchalisch-dominiertem Denken. Die Familie und der Islam haben einen hohen Stellenwert im Leben muslimischer Familien. Für viele strenggläubige Muslime hat die Scharia und die Lehre der Imame mehr Gewicht als staatliche Gesetze. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Gleichberichtigung von Frauen in diesen Gesellschaften.

Während in unserer Gesellschaft Common Sense darüber herrscht und durch die Grundrechte gesichert ist, dass Jede/ Jeder selbstständig entscheiden kann, wann, wen und vor allem ob er/sie heiraten will, kennen viele islamisch geprägte Familien dieses Grundrecht nicht. Die Struktur der islamischen Familientradition lässt eine gleichberechtigte Stellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft nicht zu. Im Islam obliegt es allein der Familie, d. h. dem Vater, der Mutter oder dem Familienoberhaupt, bzw. Vormund, den Sohn und die Tochter zu verheiraten. Dieser islamische Brauch wird durch den Quran legitimiert:

„Die Männer stehen in Verantwortung für die Frauen wegen dessen, womit Allah die einen von ihnen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Besitz (für sie) ausgeben. Darum sind die rechtschaffenen Frauen (Allah) demütig ergeben und hüten das zu Verbergende, weil Allah (es) hütet. Und diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr befürchtet, – ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie. Wenn sie euch aber gehorchen, dann sucht kein Mittel gegen sie. Allah ist Erhaben und Groß.“1

Legitimierung der Polygamie durch die Scharia

Für viele gläubige Muslime in patriarchalischen Gesellschaften ist Polygamie ein wichtiger Bestandteil des Islams. In einer traditionellen islamischen Gesellschaft ist die Sexualität auf den Mann zentriert und hierarchisch bestimmt. Der Mann ist dazu berechtigt, im Sinne der Ausübung seiner Sexualität zu handeln, während die Frau in einer Ehe zum sexuellen Gehorsam verpflichtet ist. Die Vorstellung einer gleichberechtigten Partnerschaft ohne Gehorsamsprinzip ist dem islamischen Eherecht und der traditionellen islamischen Gesellschaft fremd. Das Ehe- und Familienrecht ist Bestandteil der Scharia. Daher umfasst die Gestaltung der Sexualität in der Ehe auch rechtliche Aspekte in der Scharia.2

Sure 4:3 An-Nisa ist die Grundlage für die islamische Polygamie, die dem Mann erlaubt, bis zu vier Frauen zu heiraten, so lange er glaubt, dass er fähig sei, sie alle "gerecht zu behandeln": „Und wenn ihr befürchtet, nicht gerecht hinsichtlich der Waisen zu handeln, dann heiratet, was euch an Frauen gut scheint, zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber befürchtet, nicht gerecht zu handeln, dann (nur) eine oder was eure rechte Hand besitzt. Das ist eher geeignet, daß ihr nicht ungerecht seid“3

Dies bedeutet, die finanzielle und sogar emotionale Gleichbehandlung aller Frauen muss nach dem Quran gewährleistet sein. Wer keine zweite Ehefrau ernähren kann und trotzdem heiratet, begeht eine Sünde. Auch kann ein Mann, wenn er bereits vier Ehefrauen hat, erst nach einer Scheidung erneut eine weitere Frau heiraten.4

Muslimische Theologen sind der Meinung, dass Polygamie gesellschaftlich sinnvoll sei, weil:

Erstens: Sie stellen den Propheten Mohammed als Vorbild dar: weil er mehr als vier Ehefrauen zur gleichen Zeit hatte. Im Koran (Sure An-Nisa „Frauen“: 2, 3, 127, 129) wird Polygamie befürwortet um etwa besitzlose Kriegswitwen mit Kindern zu unterstützen, da diese ohne einen Ehemann hilflos und verletzlich seien. Dies sei auch Mohammeds vorrangiges Motiv bei seinen Eheschließungen gewesen. Denn ohne Mann könnten sich Frauen und ihre Kinder nicht ernähren und zudem Opfer von sexueller Gewalt durch Männer werden.

Der bekannte, ägyptische Theologe Ahmad Hasan Karzun, verteidigt Polygamie in seinem Buch „Vorteile des muslimischen Familiensystems“ und schreibt „der Islam biete Ehefrauen gute Bedingungen. Wenn der Ehemann eine neue Frau heiraten möchte, kann er seine erste Ehefrau behalten und eine neue Ehefrau heiraten. Die erste Ehefrau kann zu Hause unter der Obhut ihres Ehemannes bleiben“. Er stellt die kritische Frage: „Wir fragen uns, was das Beste für die erste Ehefrau ist, wenn ein Mann eine weitere Frau heiraten möchte. Dass sie bei ihrem Ehemann bleibt oder sie von ihm verstoßen wird?“5

Nach Scharia Recht hat allein der Ehemann die Macht sich scheiden zu lassen und deswegen sollte die Frau bei ihrem Mann bleiben, um die Kinder zu erziehen und ein gesellschaftlich anerkanntes Leben zu führen. Die Polygamie sieht er als Chance für die Frau, um bei ihrem Mann und ihren Kindern bleiben zu können.6

Polygamie bewahre aus dieser Perspektive sozusagen die Ehefrauen vor der Gefahr einer Scheidung, welche in islamischen Ländern den sozialen und finanziellen Ruin darstellt. 7

Zweitens: Nach einem traditionellen islamischen Gesellschaftsbild hat der Mann einen stärkeren Sexualtrieb als die Frau. Dieses starke Verlangen könne von einer Frau alleine nicht befriedigt werden, weshalb er nach seinem Ideologischen Verständnis des Qurans, das Recht habe, mehrere Frauen zu ehelichen. Selbstverständlich ist, dass der Mann seine Sexualität lebt wie der Koran es ihm erlaubt8 . Die Vorschriften der Scharia, insbesondere die der Polygamie, stützen sich hierbei auf ein Bild der männlichen Natur, gemäß welcher sich der Mann stets darauf besinnt, seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen und dies immerfort mit neuen Sexualpartnerinnen. Aufgrund dieses natürlichen Verlangens des Mannes soll Polygamie die einzig verantwortungsbewusste Antwort sein9.

Neben dieser frauenfeindlichen Darstellung, in welcher die Ehefrau nur zur Befriedigung der männlichen Triebe dient, ist auch das vertretene Männerbild in der Scharia sehr negativ; der Mann wird auf seine sexuellen Triebe reduziert und ihm wird seine Vernunft sowie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle abgesprochen.

Als weitere Rechtfertigungsgründe für Polygamie gelten die sexuelle Unverfügbarkeit der Frau während und nach einer Schwangerschaft sowie zu „unreinen Zeiten“, also während ihrer Monatsblutung. Während der Menstruation verbietet der Quran nämlich den Geschlechtsverkehr mit der Ehefrau. Aus diesen Gründen können angeblich die sexuellen Bedürfnisse eines Mannes nicht von seiner Ehefrau allein befriedigt werden. 10

Drittens: Polygamie solle eine Lösung für Männer darstellen, die sich mehr Kinder wünschen. In der islamischen patriarchalischen Gesellschaft bedeuten viele Kinder Sicherheit und Wohlstand „Alsanad“. Außerdem ist eine Familie mächtiger, je größer sie ist. So können Besitztümer in der Familie bleiben und nach außen hin unabhängig und stark wirken. Eine weitere biologische Begründung stellt die Fortpflanzungsfähigkeit der Frau dar. Diese beginnt mit etwa 15 Jahren und endet mit ihrer Menopause, die zwischen dem 47. und 51. Lebensjahr stattfindet. Ein Mann kann jedoch mit über 70 Jahren noch Kinder zeugen11. Polygamie wird ebenso als Lösung betrachtet, wenn sich die erste Ehefrau als „unfruchtbar“ herausstellt. So kann der Ehemann mit einer weiteren Frau Kinder zeugen, ohne seine erste Ehefrau zu verstoßen.12

Viertens: Die islamische Scharia erlaubt dem Mann Polygamie, damit er seine sexuellen Bedürfnisse nicht in außerehelichen Beziehungen sowie Prostitution auslebt. Dies solle klare gesellschaftliche Vorteile mit sich bringen; beispielsweise wird argumentiert, dass sich sexuell übertragbare Krankheiten und Viren wie HIV und Herpes schneller in Gesellschaften verbreiten, die außerehelichen Geschlechtsverkehr erlauben und in denen Prostitution besonders verbreitet ist. Polygame Ehen sollen so Prostitution beseitigen und sich positiv auf die Moral innerhalb islamischer Gesellschaften auswirken.13

Ursachen der Polygamie im Kontext von Flucht & Krieg

In unteren sozialen Schichten werden Frauen und Mädchen aufgrund ihrer Armut ausgebeutet. Reiche Männer heiraten wiederum oft aus Prestige- und Machtgründen mehrere Frauen. Eine polygame Ehe wird oft aus wirtschaftlichen Gründen eingegangen, vor allem während Bürgerkriegen. Häufig befinden sich die Familien in einer finanziellen Notlage: Viele Familien haben kriegsbedingt ihre Arbeit, Wohnung oder ihr Hab und Gut verloren. Um sich aus dieser finanziellen Notlage zu befreien, versuchen die Familien, die Verantwortung für ihre Töchter durch eine Vermählung an den Ehemann und dessen Familie abzugeben.14

Hinzu kommt, dass die Eltern hoffen, ihre Töchter so vor Vergewaltigungen und Entführungen schützen zu können. Häufig werden Mädchen auch verheiratet, geschieden und erneut verheiratet, wenn sich herausstellt, dass der Ehemann nicht in der Lage ist, seine Familie finanziell zu unterhalten, oder sich verantwortungslos gegenüber den Frauen und Kindern verhält. Das in islamischen Gesellschaften sehr verbreitete Sprichwort „Kinder kommen zur Welt und Allah wird sich schon um sie kümmern“, verleitet viele Männer dazu, keine Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen.

Polygamie weltweit

In einigen Staaten in Afrika und Asien werden polygame Ehen gesetzlich anerkannt oder zumindest nicht als rechtswidrig eingestuft. Aber auch in Ländern die Polygamie verbieten, wie beispielsweise die Türkei, kann es zu polygamen Ehegemeinschaften kommen, wenn die Missachtungen der Gesetzte strafrechtlich nicht verfolgt werden. In vorwiegend muslimischen Ländern ist die Vielehe bis heute noch erlaubt.

Es existieren kaum verlässliche Zahlen. In 2009 war in 74 Ländern in Afrika und Asien Polygamie für alle oder einen bestimmten Teil der Bevölkerung.15

In Marokko wurde eine Regelung eingeführt, die der Erstehefrau das Recht gibt, eine Zweitfrau abzulehnen. Dadurch wurde die Polygamie in Marokko weitestgehend eingedämmt. Tunesien hat sogar schon 1956 Polygamie verboten. Viele Länder, in denen Polygamie erlaubt ist, haben Regelungen erlassen, wie beispielsweise die Überprüfung der finanziellen Verhältnisse des zukünftigen Ehegatten. Damit sollen willkürliche Vielehen verhindert werden. Polygamie ist kein reines islamisches Phänomen. Auch in christlichen Mormonen-Sekten wird Polygamie gelebt, wie etwa der Fall des Kanadiers Winston Blackmore zeigt, der mit 24 Ehefrauen 146 Kinder gezeugt hat und deswegen verurteilt wurde (146-facher Vater wegen Polygamie verurteilt, 2017). In Kanada ist Polygamie wie in vielen anderen westlichen Staaten verboten.16

Stand: 04.03.2019

 

Quellenverzeichnis:

1 Quran Sure An-Nisa, 4:34, Übersetzung Islam.De. Im Internet unter den Link: http://islam.de/13827.php?sura=4 (letzter Zugriff am 26.02.2019)

2 Alhaj Mawas, Abir (2011): Gewalt gegen Frauen in Syrien und Deutschland. Eine qualitativ vergleichende Studie. Dissertation TU Chemnitz https://d-nb.info/1012604748/34 (letzter Zugriff am 26.02.2019)

3 Quran Übersetzung Islam.De. Im Internet unter den Link: http://islam.de/13827.php?sura=4 (letzter Zugriff am 26.02.2019)

4 Alhaj Mawas, Abir (2011): Gewalt gegen Frauen in Syrien und Deutschland. Eine qualitativ vergleichende Studie. Dissertation TU Chemnitz https://d-nb.info/1012604748/34 (letzter Zugriff am 26.02.2019)

5 Karzun, Ahmad Hasan (1997): Die Vorteile des muslimischen Familiensystems, S. 215 Übersetzung Alhaj Mawas.

6 vgl. ebd.

7 Faiz, Ahmad: (2014)"Die Verfassung der Familie im Schatten des Quran, S. 182-183. Im Internet: https://ar.islamway.net/book/9989 (letzter Zugriff am 26.02.2019).

8 vgl. Alhaj Mawas (2011): Gewalt gegen Frauen in Syrien und Deutschland. Eine qualitativ vergleichende Studie.

9 vgl. Schmitt D.P. (2008): “Universal sex differences in the desire for sexual variety: Tests from 52 nations, 6 continents, and 13 islands,” Journal of Personality and Social Psychology, 85-104.  Im Internet unter den Link: https://www.islamreligion.com/de/articles/328/grunde-aus-denen-der-islam-polygamie-erlaubt/ (letzter Zugriff am 26.02.2019).

10 vgl. Alhaj Mawas (2011): Gewalt gegen Frauen in Syrien und Deutschland. Eine qualitativ vergleichende Studie.

11 vgl. Bower, Bruce (1991): “Darwin’s Minds”, S. 233-234, Science News Vol. 140 No. 15, October 12.

12 Alhaj Mawas (2011): Gewalt gegen Frauen in Syrien und Deutschland. Eine qualitativ vergleichende Studie.

13 vgl. Karzun, Ahmad Hasan (1997): Die Vorteile des muslimischen Familiensystems, S. 215-217, Übersetzung Alhaj Mawas.

14 Alhaj Mawas, Abir (2018): Polygamie im Kontext von Flucht: „Geflüchtete Syrerinnen flohen vorm Krieg und auf der Flucht waren Prostitution und Zwangs-Frühehen ihr Schicksal“. Im Internet unter den Link : unsere-arbeit/themen/gleichberechtigung-und-integration/aktuelles/3263-polygamie-im-kontext-von-flucht-gefluechtete-syrerinnen-flohen-vorm-krieg-und-auf-der-flucht-waren-prostitution-und-zwangs-fruehehen-ihr-schicksal (letzter Zugriff am 26.02.2019).

15 United Nations (2011): Population Facts. Department of Economic and Social Affairs. S. 4, Population Division. No. 2011/1.

16 Tagesschau (2017): 146-facher Vater wegen Polygamie verurteilt. (25.07.2017). Im Internet unter den Link: https://www.tagesschau.de/ausland/mormonen-polygamie-urteil-101.htmln (letzter Zugriff am 26.06.2018).

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