Sierra Leone

© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Sierra Leone.© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Sierra Leone.

Vorkommen

Mit Ausnahme eines kleinen Gebietes im Westen von Sierra Leone liegt die Quote für weibliche Genitalverstümmelung (FGM-Female Genital Mutilation) bei durchschnittlich 86%. Das Thema wird so kontrovers diskutiert, dass die öffentlichen Debatten dazu üblicherweise nicht in Wahljahren stattfinden. Es gibt viele AktivistInnen im Land, die sehr gute Aufklärungsarbeit leisten, aber die PolitikerInnen scheuen sich, selbst Initiative zu ergreifen. Ihrer Meinung nach würde eine kritische Haltung zu diesem Thema oder gar ein Gesetz gegen diese Praktik die Stimmen der Frauen bei der nächsten Wahl gefährden.

Mitunter ist die Gründung von Geheimgesellschaften (Bondo/Sande) im Zuge der Praktik üblich. Der Eingriff ist Teil des Initiationsritus. Mädchen gleichen Alters erleben diesen Eingriff, alle damit zusammenhängenden Folgen sowie den ‚Eintritt ins Erwachsenenleben‘ gemeinsam. Dieses Ereignis schweißt sie für den Rest ihres Lebens zu einem „Schwesternzirkel“ zusammen. Sie verbringen während und nach der Genitalverstümmelung mehrere Wochen gemeinsam –losgelöst von ihren FreundInnen und ihrer Familie – an einem für ihre ethnische Gruppe heiligen Ort. Nach der Genitalverstümmelung lernen die Mädchen, welche Rechte und Pflichten ihnen als erwachsene Frauen zuteilwerden und werden in die Geheimnisse einer ‚guten Ehefrau‘ eingeweiht. Ihr Schweigen über das Erlebte festigt diesen Bund.

Die Region mit der höchsten Prävalenzrate ist Kambia im Norden mit 97% Betroffenen (15-49 Jahre). Die niedrigste Prävalenzrate hat Urban im Westen mit 74%. In ländlichen Gebieten ist FGM weiter verbreitet (94%) als in urbanen Gebieten (81%). Die Prävalenz hängt mit dem Bildungsstand der Frau zusammen, doch sind die sozioökonomischen Verhältnisse nicht unbedingt relevant.

Zahlen

Betroffene: 86% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 68% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Alter: 4% von FGM wurde vor dem 4. Lebensjahr durchgeführt, 33% zwischen dem 5. und 9., 26% zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr und nochmals 19% bei Mädchen, die älter als 15 Jahre sind

99% der Eingriffe werden von traditionellen Beschneiderinnen vorgenommen.

Formen

Bei 89% der beschnittenen Frauen wurde eine Exzision (Typ II) vorgenommen. Das heißt, dass der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Labien teilweise oder vollständig entfernt werden. 9% der Beschneidungen ist eine Infibulation (Typ III). Das heißt, dass das gesamte äußerlich sichtbare Genital herausgeschnitten und die offene Wunde bis auf ein kleines Loch vollständig zugenäht wird, wodurch Menstruationsblut und Urin abfließen soll. Die Wunde verheilt und hinterlässt Narbengewebe, welches die Vagina verschließt. Dieses Narbengewebe wird für Geschlechtsverkehr, meist nach der Heirat, aufgeschnitten (Deinfibulation). Erneut wird es im Falle einer Geburt aufgeschnitten. Es kommt dazu, dass Mädchen und Frauen nach einer Geburt oft wieder zugenäht werden (Reinfibulation), und vor jedem Geburtsvorgang wieder aufgeschnitten werden. Durch wiederholte Öffnungs- und Schließungsvorgänge werden die unmittelbaren- sowie Langzeitrisiken erhöht.

Begründungsmuster

Soziale Akzeptanz und Anerkennung in der Gesellschaft sind die wichtigsten Gründe für die Praktizierenden. Ohne weibliche Genitalverstümmelung fehle die Akzeptanz. Diese Überzeugung führt so weit, dass sich z.B. ehemalige Kindersoldatinnen freiwillig diesem Ritual unterziehen, um im Bondo-Kreis eine neue „Familie“ und lebenslange Unterstützung zu finden. Ohne die Genitalverstümmelung und vor allem ohne die Teilnahme am Initiationsritus gelten die Mädchen nicht als Frauen und können sich weniger zuverlässig auf ihr Netzwerk anderer Frauen verlassen.

22% sehen die Genitalverstümmelung als unerlässlich für die spirituelle Reinheit und die körperliche Hygiene an, bei jeder fünften steht die Hoffnung auf verbesserte Heiratschancen im Vordergrund und 10% glauben, FGM sichere die Jungfräulichkeit der Mädchen.

56% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) und 47% der Jungen und Männer (15-49 Jahre) glauben außerdem, dass ihre Religion weibliche Genitalverstümmelung vorschreibt.

Gesetzliche Lage

Sierra Leone hat kein eigenes Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung. Es gibt lediglich einen Paragraphen, der es verbietet, dass Mädchen unter 18 Jahren an den Initiationszeremonien teilnehmen. Sie sollen dadurch solange unversehrt bleiben, bis sie reif genug sind, eine selbstständige Entscheidung darüber treffen zu können.

Haltung und Tendenzen

Weibliche Genitalverstümmelung wird mit 68% unter Frauen weitgehend befürwortet. Das ist nach Guinea und Mali die dritthöchste Anzahl an Befürworterinnen. Selbst unter gebildeten, sozioökonomisch starken Gesellschaftsschichten sprechen sich 47% für eine Fortführung aus. Nur 27% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) sprechen sich gegen FGM aus. Bei den Jungen und Männern in der gleichen Altersklasse sind es 40%.

Die Anzahl der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) ist leicht gesunken: von 94% im Jahr 2005 auf 86% im Jahr 2017. Die Befürwortungsquote sank von 86% (2005) auf 68% (2017).

27% der Frauen und 40% der Männer äußerten, dass FGM ihrer Meinung nach aufhören sollte.

 

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Stand 12/2019