Somalia

© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Somalia© UNICEF Data: Monitoring the situation of children and women. 2019. Country Profile Somalia

Verbreitung

Somalia weist weltweit die höchste Rate von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) auf. 98% der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sind genitalverstümmelt. Der Unterschied zwischen urbanen und ländlichen Gebieten sowie zwischen arm und reich hat in Somalia so gut wie keine Auswirkungen auf die Verbreitungssrate.

FGM markiert in Somalia den Übergang von der Kindheit zum Frausein und wird in der Regel von traditionellen Beschneiderinnen bzw. Guddaays ausgeführt. Seit der Unabhängigkeit Somalias wird weibliche Genitalverstümmelung zunehmend medikalisiert und entsprechend häufiger von medizinischem Personal ausgeführt.

Zahlen

Betroffene: 98% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 65% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Alter: 6%von FGM wird vor dem 4. Lebensjahr der Mädchen vollzogen, 79%zwischen dem 5. und 9. und nochmals 10% nach dem 10.

Sowohl medizinisches Personal als auch traditionelle Beschneiderinnen praktizieren FGM.

Formen

In Somalia wird mit 63% Typ III (Infibulation) von FGM am häufigsten praktiziert. Das heißt, das gesamte äußerlich sichtbare Genital wird herausgeschnitten und die offene Wunde bis auf ein kleines Loch vollständig zugenäht.

Bei 25% der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) wurde Typ II (Exzision) vollzogen. Hierbei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Lippen teilweise oder vollständig entfernt.

5% der Genitalverstümmelungen sind eine Klitoridektomie (Typ I). Dabei wird der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und/ oder die Klitorisvorhaut teilweise oder vollständig entfernt. Bei 7% der Befragten wurde der Typ nicht ermittelt und/ oder sie waren sich nicht des Types sicher.

Begründungsmuster

Eins der populärsten Argumente für FGM ist religiös begründet. Trotz wiederholter Erklärungen der religiösen Führer des Landes, dass der Islam seine Töchter keineswegs zu FGM verpflichte – vielmehr stehe die weibliche Genitalverstümmelung sogar im Widerspruch zum Islam – setzen die Menschen die Praktik FGM im Namen des Islams fort. Auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen sehen in den jeweiligen Religionen die Verpflichtung zur weiblichen Genitalverstümmelung.

Es wird geglaubt, durch die Infibulation (Typ III) schütze man die Mädchen vor erwünschtem und unerwünschtem Geschlechtsverkehr und könne ihre ‚Reinheit‘ und Jungfräulichkeit aufrechterhalten und damit ihre Position auf dem Heiratsmarkt verbessern. Frauen, die nicht beschnitten wurden, sind in der somalischen Gesellschaft schwerwiegenden Stigmatisierungen, wie geringeren Heiratschancen ausgesetzt.

Diese sozialen Normen greifen so tief, dass sich die Mütter sogar, wenn sie über die Folgen von FGM aufgeklärt sind, für die Genitalverstümmelung ihrer Töchter entscheiden, um die soziale Integration und die wirtschaftliche Sicherheit ihrer Töchter (durch Heirat) nicht zu gefährden.

FGM ist außerdem durch die Vorstellung von Schönheit und Ästhetik motiviert. Die beschnittene Vulva entspricht dem in der Gesellschaft bestehenden Schönheitsideal einer glatten, geschlossenen, unauffälligen Scham.

Gesetzliche Lage

Somalia hat nie die internationale Konvention zur Abschaffung der Diskriminierung von Frauen (CEDAW) unterschrieben. Die Kinderrechtskonvention wurde im Jahr 2002 unterzeichnet und 2013 ratifiziert.

Laut der provisorischen Verfassung von 2012 ist „Genitalbeschneidung eine grausame und herabwürdigende gängige Praktik, die mit Folter gleichgesetzt werden kann. Die Beschneidung von Mädchen ist verboten“. Doch die Regierung setzt das Gesetz nicht durch. Lokale Behörden sind dabei, Rechtsvorschriften zur vollständigen Beendung von FGM zu erlassen. In Puntland (Nordosten Somalias) verhängte das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten eine Fatwa gegen alle FGM-Formen. Im November 2011 hat die Regierung von Puntland ein Gesetz gegen FGM verabschiedet. Laut Lifos (Swedish Country of origin information, Oktober 2013) verbietet Al Shabaab FGM in den von ihnen kontrollierten Gebieten.

Haltung und Tendenzen

Die jüngste Studie von UNICEF hat unter Mitwirkung von somalischen NGOs ergeben, dass in den nördlichen Teilen Somalias – Puntland und Somaliland – die Verbreitung von FGM abgenommen hat. Die Ursache dafür wird darin vermutet, dass diese zwei Regionen zwanzig Jahre lang eine relative Stabilität genossen haben, da sie sich im Verlauf des somalischen Bürgerkrieges einseitig von dem Staat Somalia abgespalten haben. Die anderen Regionen des Landes befinden sich hingegen seit 1991 im Bürgerkrieg, weshalb dort keine Kampagnen gegen FGM möglich waren.

Es gibt Hinweise, dass manche Familien die Infibulation (Typ III) aufgeben und sich für eine ‚schwächere‘ Form von FGM (sunna genannt) wie Typ I, II oder IV entscheiden. Dies ist besonders in urbanen Regionen verbreitet.

Obwohl die Prävalenzrate sehr leicht zurückgeht, sind wenig Veränderungen sichtbar. Somit sind Regierung und Milizgruppen in den andauernden bürgerkriegsähnlichen Zuständen nicht in der Lage, die Unterbindung dieser Praktik durchzusetzen. Mädchen sind weiterhin der Fortführung der Praktik ausgesetzt.

 

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Stand 12/2019