Russland (Dagestan)

Vorkommen

Obgleich weibliche Genitalverstümmelung (FGM = Female Genital Mutilaton) in Dagestan offiziell illegal ist, sind einem Bericht der Russian Justice Initiative zufolge dennoch zehntausende Frauen davon betroffen. Die Praxis fußt vor allem auf der Annahme, dass damit die sexuelle Aktivität der Frauen gemäßigt werden könne. Außerdem gilt FGM als Initiationsritus der Frau und wird politisch kaum bis gar nicht verfolgt. Darüber hinaus werden die Menschen aktiv ermutigt, Frauen, die vorehelich sexuell aktiv sind, zu töten. Dieser Umstand dient einigen Familien als Rechtfertigung, ihre Töchter durch deren Genitalverstümmelung vor Ermordung zu schützen.

Der Mufti und Vorsitzende des muslimischen Koordinationszentrums vom Nord-Kaukasus, Ismail Berdiyev, ist der Auffassung, dass weibliche Genitalverstümmelung nicht dem Islam widerspräche und zudem nützlich sei, um überschüssige weibliche Energie zu bändigen. Seiner Meinung nach sollten alle Frauen genitalverstümmelt werden, sodass es keine Verderbtheit mehr auf der Erde gäbe. Diese stelle ein Problem da, um das man sich kümmern müsse. Bestärkt wird der muslimische Geistliche durch den in der Öffentlichkeit bekannten Priester der Russischen Orthodoxen Kirche, Vsevolod Chaplin. So zeigt sich, dass die Befürwortung weiblicher Genitalverstümmelung ein religionsübergreifendes Problem darstellt. Er erklärt zudem öffentlich, dass Genitalverstümmelung und das Gebären von Kindern in keinem Zusammenhang stünden. Es ist jedoch bekannt, dass die von FGM Betroffenen Frauen unter den zahlreichen Folgen des Eingriffs in ihren Körper leiden: Von physischen Schädigungen und Begleiterscheinungen, wie schlechte Wundheilung, Schmerzen, (chronische) Infektionen, Schmerzen beim Urinieren und der Menstruation, Verbluten oder Tod bei der Geburt u.v.m. bis zu psychischen Folgen wie Trauma oder Depression.

Formen

In Dagestan wird gemäß WHO-Klassifikation Typ I (Klitoridektomie), Typ II (Exzision) oder Typ IV von weiblicher Genitalverstümmelung praktiziert. Unter Klitoridektomie wird das Herausschneiden der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut verstanden. Bei der Exzision wird die Klitoris und/oder Klitorisvorhaut beschnitten sowie zusätzlich die inneren und ggfs. die äußeren Schamlippen. Mit Typ IV sind alle anderen schädlichen Praktiken am weiblichen Genital, wie z. B. Stechen, Verbrennen oder Ätzen, gemeint.

Begründungsmuster

Die Gründe für weibliche Genitalverstümmelung sind in Russland das Verringern der weiblichen Lust und das Beibehalten der Reinheit einer Frau. Es soll verhindert werden, dass sich eine Frau mit mehreren Männern einlässt. In der von RIJ geführten Studie gaben viele Teilnehmerinnen an, weibliche Genitalverstümmelung aus Gründen der Tradition zu praktizieren. Eine Frau, die an der Studie teilnahm sagte: „I had it done to me, but not everyone goes through it today. People in the towns or in the plains, for example, they don’t all do it. But we try to continue the tradition.“ [An mir wurde FGM praktiziert, aber heutzutage macht es nicht mehr jede. Zum Beispiel in den Städten oder dem Flachland wird es nicht mehr gemacht. Aber wir versuchen die Tradition aufrecht zu erhalten] Auch die Religion wird als Begründung für weibliche Genitalverstümmelung genannt. Eine weitere Teilnehmerin der Studie sagte: „All Muslims have to do it; you cannot be a Muslim woman otherwise. It’s essential; it’s in the Sunna. I went through it and I have put my children an grandchildren thorough it.“ [Alle Musliminnen müssen das machen; du kannst keine Muslimin sein, wenn du nicht beschnitten bist. Es ist notwendig; es steht in der Sunna. An mir wurde es gemacht und ich habe es auch bei meinen Kindern und Enkelinnen gemacht.]

Gesetzliche Lage

Artikel 21 der russischen Verfassung besagt: „A person’s dignity is protected by the state. Nothing may serve as a basis for its derogation; No one may be subjected to torture, violence or other humiliating treatment or punishment.“ In Russland ist es auch ein Straftatbestand die sexuelle Freiheit eines anderen Individuums einzuschränken. Alle Formen von weiblicher Genitalverstümmelung gem. WHO-Klassifikation verstoßen gegen diese Gesetze. Ein explizites Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung gibt es jedoch nicht. Bisher kam es in Russland weder zu einer Anklage noch zu einer Verurteilung wegen weiblicher Genitalverstümmelung.

 

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Stand: 12/2019