„Wider die Norm leben!“ –Eine junge Modedesignerin über weibliche Selbstbestimmung in Nicaragua

Dank MIRIAM ist Lanusa nun selbstständig und finanziell unabhängig. Foto: © Itzel ChavarríaDank MIRIAM ist Lanusa nun selbstständig und finanziell unabhängig. Foto: © Itzel ChavarríaMit glänzenden Augen fährt sie über das neue Markenschild, das an dem Top in ihrer Hand baumelt. Noch ist es kein eingenähtes Label, sondern nur ein Stück Glanzpapier mit Aufdruck. Befestigt an einer Sicherheitsnadel und einem dünnen Faden. ARTE COSTURA LANGUTIE (zu Deutsch: Schneiderkunst LANGUTIE) steht in großen weißen Lettern darauf. Darunter die Adresse ihres Ateliers. Das befindet sich in Estelí, einer Stadt im Norden Nicaraguas. Mitten in Zentralamerika. Darís Lanusa grinst: „Wer Nicaragua und seine Infrastruktur nicht kennt, würde es wohl kaum als Atelier bezeichnen“. Tatsächlich ist Lanusa’s Haus einfach, böse Stimmen würden vermutlich von einem „Bretterverschlag“ sprechen. Hier entwirft und näht sie seit über einem Jahr Mode. Achtzig Prozent ihrer Kundschaft sind Frauen zwischen 20 und 45 Jahren. Männer- und Kinderkleidung macht sie auch, nur seltener.

2016 hat die 26-Jährige ihre Ausbildung in Schnittkonstruktion und Schneiderei bei der TDF-Partnerorganisation MIRIAM abgeschlossen. MIRIAM unterstützt Frauen mit Bildungsangeboten und Beratung, ihre Rechte einzufordern und sich finanziell unabhängig von ihren Partnern zu machen. Denn: finanziell unabhängige Frauen schaffen es signifikant häufiger, sich aus gewaltvollen Beziehungen zu lösen.

Darís Lanusa vor ihrem Atelier in Estelí. Foto: © Itzel ChavarríaDarís Lanusa vor ihrem Atelier in Estelí. Foto: © Itzel ChavarríaGewalt gegen Frauen ist in Nicaragua nach wie vor weit verbreitet – über alle Schichten hinweg. Repräsentativen Umfragen zufolge hat jede zweite verheiratete Frau Gewalt in ihrer Ehe erlebt. Im Jahr 2017 wurden 51 Frauen getötet, Nicaragua hat die höchste Rate an Teenager-Schwangerschaften in Lateinamerika und landesweit gilt ein komplettes Abtreibungsverbot, auch bei Gefahr für das Leben der Frau. Hintergründe dafür sind der fest verwurzelte „Machismo“, demzufolge Frauen als das „schwache Geschlecht“ und Männern untergeordnet gelten, aber auch die Allianz aus einflussreichen Institutionen wie Staat und Kirche, die konservative Rollenbilder propagieren. Das Gesetz zum Schutz von Frauen vor Gewalt (Ley 779) wurde nach seiner Einführung im Jahr 2012 immer wieder zu Ungunsten der Frauen reformiert. Die meisten gewaltbetroffenen Frauen müssen sich nun erneut einer Mediation mit dem Täter stellen, bevor ihr Fall polizeilich erfasst wird. „Frauenmord“ gilt nur noch dann als eigener Straftatbestand, wenn er in einer partnerschaftlichen Beziehung begangen wird. Beide Reformen dienen auch dazu, die Statistik zu schönen.

Spricht man mit der kreativen Lanusa, kann man sich kaum vorstellen, dass sie Unterstützung gebraucht haben könnte, um ihren eigenen Weg zu gehen.  Doch auf die Frage, was sie vorher gemacht habe, reagiert sie einsilbig. Sie habe studiert. Und danach? Ein Studium ist weit mehr als die anderen Auszubildenden vorweisen können. Sie habe Malkurse für Kinder gegeben. Bis sie Allergien bekommen habe. Viele verschiedene, die schlimmste sei aber die gegen Farbe gewesen. Ihre Arbeit habe sie nicht fortsetzen können. „Zu Hause wurde es fast unerträglich: meine Eltern haben mich gedrängt, mir einen Mann zu suchen, der mich versorgt.“  Lanusa’s Zustand verschlimmerte sich: ein Krankenhausaufenthalt jagte den nächsten. Während ihrer Genesung hörte sie von MIRIAM und den günstigen Ausbildungskursen, die diese für Frauen aus armen Verhältnissen anbieten.

Stolz fährt Lanusa über ihr neues Markenschild. Foto: © Itzel ChavarríaStolz fährt Lanusa über ihr neues Markenschild. Foto: © Itzel Chavarría„Wichtiger als die Ausbildung selbst waren für mich aber die frauenrechtlichen Kurse“, erinnert sich die Modedesignerin. „Ich hatte schreckliche Angst, dass meine Kleidung den Leuten nicht gefallen könnte. Das hat mich richtig gelähmt.“ In den Kursen habe sie gelernt, sich selbst und ihrem Geschmack zu vertrauen. „Auch habe ich realisiert, dass ich mich nicht von einem Mann abhängig zu machen brauche, um als Frau Ziele zu erreichen. Das kann ich ganz alleine.“ Was hierzulande wie eine Selbstverständlichkeit klingen mag, ist für viele Frauen in Nicaragua keineswegs Alltag. Nicht Talent oder Fähigkeit fehle den Frauen, so Lanusa, sondern das Wissen um den eigenen Wert und um das Recht auf ein eigenes Leben jenseits von gesellschaftlich erwarteter Fürsorge für Familie und Haushalt. Das sei auch bei Frauen so, die wie sie studiert hätten.

Die Kleinunternehmerin verdient heute zwischen 150 und 250 US-Dollar pro Monat. Davon kann sie sich selbst gut versorgen und sogar die teuren Medikamente kaufen, die sie benötigt. Gerade ist sie dabei, ein eigenes Stück Land zu erwerben, um bei ihrer Familie ausziehen zu können und langfristig unabhängig zu bleiben. Ihre Mode präsentiert sie zweimal im Monat auf Messen im ganzen Land. Läden in Estelí wenden sich mit „Upcycling“-Aufträgen an sie: die dort vertriebene Billigmode aus China passt sie an den nicaraguanischen Markt an und verleiht ihr einen individuellen Touch. Über Mund-zu-Mund Propaganda gewinnt sie vor allem nicaraguanische KundInnen, ihrem Facebook-Auftritt sind aber auch erste Bestellungen aus den USA und Peru zu verdanken. Wie sie sich die Zukunft vorstellt? Die 26-Jährige will ihr Label bekannter machen und neue Techniken ausprobieren. Ihr jüngstes Projekt sind komplett recycelte, z.B. rein aus Fadenresten zusammengefügte, Kleidungsstücke. Auch originelle Nicaragua-Motive für TouristInnen hat Lanusa als Marktlücke identifiziert.

Auch TouristInnen hat Lanusa als KundInnen ins Auge gefasst. Foto: © Itzel ChavarríaAuch TouristInnen hat Lanusa als KundInnen ins Auge gefasst.
Foto: © Itzel Chavarría
Was würde sie anderen Frauen in Nicaragua raten, die sich finanziell unabhängig machen wollen? „Wider die Norm leben! Sich gegenseitig unterstützen anstatt um die Bestätigung von Männern zu buhlen. Vor allem aber mutig sein und herausfinden: wer bin ich, was kann ich und wohin will ich? Je genauer Frauen sich und ihre Rechte kennen, desto kleiner ist der Schritt in ein selbstbestimmtes Leben. Das habe ich bei MIRIAM gelernt.“

Unterstützen auch Sie die wichtige Arbeit von MIRIAM – spenden Sie jetzt für die Selbstbestimmung von Frauen in Nicaragua!