Bauen in Mali gegen Gewalt an Frauen

Ein Gewaltschutzzentrum wie dieses von APDF in Bamako soll nun im Norden Malis gebaut werden. Foto: © TERRE DES FEMMESEin Gewaltschutzzentrum wie dieses von APDF in Bamako soll nun im Norden Malis gebaut werden.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Ein Interview mit einem deutschen Architekten, der beim Bau des zukünftigen Gewaltschutzzentrums für Frauen in Gao, Mali beratend zur Seite steht.

TERRE DES FEMMES (TDF) arbeitet seit 2009 mit der Frauenrechtsorganisation APDF (Association pour le Progès et la Défense des Droits des Femmes) in Bamako, Mali zusammen. Dort wurde ein Jahr später das erste Gewaltschutzzentrum unter der Mitarbeit des deutschen Architekten gebaut. Finanziert von einem privaten Kölner Investor, betreute TDF dieses Bauvorhaben. Seit 2016 hat TDF die Zusammenarbeit mit APDF intensiviert und plant seitdem ein weiteres Gebäude im Norden Malis, in der Region Gao. Der Architekt wird erneut die Beratung beim Bau des neuen Gewaltschutzzentrums übernehmen.

Nicht nur für TDF auch für die APDF-Frauen ist es eine Besonderheit, wenn sich Männer für Frauenrechte einsetzen. Warum er sich gerade für dieses Projekt engagiert und welche Besonderheiten er vor Ort antrifft, schildert er im Interview mit TDF.

Gao liegt im Norden von Mali und ist mit einer Einwohnerzahl von knapp 53.000 eine Kleinstadt. Sie liegt weit entfernt von den zwei bestehenden Gewaltschutzhäusern von APDF in Bamako und Mopti. Daher ist es notwendig, dort ein Gewaltschutzzentrum zu bauen, damit bedrohte Mädchen und Frauen auch in dieser Region Zuflucht finden können. Frauen, die zwangsverheiratet wurden, davon bedroht sind oder unter häuslicher Gewalt leiden, können im Frauenhaus psychologisch und medizinisch betreut werden, aber auch Frauen, die vergewaltigt wurden oder Opfer anderer Gewaltverbrechen wurden.

Die Sicherheitslage im Nordmali ist äußerst angespannt. Es kommt immer wieder zu Anschlägen und militärischen Kampfhandlungen. Darüber hinaus nimmt die Gewaltkriminalität zu. Dieser Konflikt wirkt sich auch auf die Arbeit am Gewaltschutzzentrum aus. Die Lieferwege sind unsicher. Die Baustoffe müssen zu einem großen Teil aus der mehr als 1000 Kilometer entfernten Hauptstadt Bamako geliefert werden. Lastwagen werden oft überfallen oder verbrannt. Dadurch steigen die Transportkosten oder es kommt zu erheblichen Verspätungen bei Warenlieferungen.

Politische Unruhen

Seit 2013 ist der malische Staat im Norden kaum präsent und Rebellen sowie Schmugglerbanden nutzen die chaotische Lage aus, um ihren illegalen Geschäften nachzugehen. Drogen und Waffen zählen zu den am häufigsten geschmuggelten Waren. Aber auch einer der Hauptwege für Migranten führt durch Gao. Die unübersichtliche Lage lässt es nicht zu, auszumachen wer für welches Verbrechen verantwortlich gemacht werden kann. Oftmals arbeiten die kriminellen Gruppen Hand in Hand, weshalb die Sicherheitslage in Nordmali äußerst instabil ist. Das deutsche Auswärtige Amt stuft die Lage bereits seit 2009 als kritisch ein. Aktuell warnt es insbesondere im Norden Malis vor Anschlägen und militärischen Kampfhandlungen. In der Region Mopti, aber auch in anderen Landesteilen, operieren Terrorgruppen, die zu einzelnen Anschlägen oder auch zu Entführungen in der Lage sind. Das hat auch zur Folge, dass keine reguläre Fluglinie mehr Gao anfliegt. Lediglich mit der UN und ihrem Humanitären Flugdienst UNAHS (UN Air Humanitarian Service) gelangen Ausländer auf sicherem Wege nach Gao. Dies erschwert die Überwachung eines Projekts wie der Bau des Frauenhauses erheblich.

Extreme Lücken im Bildungsniveau

Korruption und Misswirtschaft und die dauernde Gefahr gewaltsamer Unruhen und Übergriffe wirken sich negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. Viele junge Menschen in Mali sind sehr gut ausgebildet, finden aber aufgrund der instabilen Lage keine Arbeit. Gerade deshalb ist es wichtig, mit einheimischen IngenieurInnen, ArbeiterInnen und Unternehmen zusammenzuarbeiten.

Wie sieht die Lage der Frauen aus?

Die allgemeine Lage der Frauen in Mali hätte sich im Jahr 2011 durch ein neues Familiengesetz um einiges verbessern können. Doch das Gesetz wurde in letzter Minute gekippt. Der Druck der fundamentalistischen Gruppen und Religionsführer auf den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Touré wurde zu groß. Auch unter dem amtierenden Präsident Ibrahim Boubacar Keïta, der seit 2013 im Amt ist, stagniert die Gesetzeslage und es sieht schlecht aus um rechtliche Veränderungen zugunsten der malischen Frauen. Auffallend ist, dass auf der Straße viele verschleierte Mädchen und Frauen zu sehen sind, deutlich mehr als noch vor fünf Jahren. Die gut vernetzten fundamentalistischen Gruppen zwingen Mädchen und Frauen an Gebetskreisen teilzunehmen. Lehnen sie das ab, werden sie aus der Gesellschaft ausgestoßen. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen für die Mädchen und Frauen. Sie sind äußerst abhängig von ihrem engeren Umfeld. Ehen werden häufig nicht aus Liebe geschlossen, sondern dienen der finanziellen Absicherung und werden zu 55 Prozent vor dem 18. Lebensjahr des Mädchens erzwungen. Es gibt aber auch Positives zu berichten: Die jetzige Generation von Mädchen und Frauen lebt den Erfahrungen nach zumindest im nicht öffentlichen Bereich freier. Es bleibt abzuwarten, ob sich dies langfristig in eine positive Richtung weiterentwickeln wird.

Auch schon vor seiner Zusammenarbeit mit APDF und TDF kam der deutsche Architekt mit Frauenrechten in Berührung. So haben Frauenrechte bei Projekten der UN wie auch generell in der Entwicklungszusammenarbeit immer einen großen Stellenwert. In Äthiopien arbeitete mit zwei einheimischen Ingenieurinnen für ein Projekt der GIZ zusammen. Die Zusammenarbeit lief dabei ausgesprochen gut. Auch für den Bau des Gewaltschutzzentrums in Gao bemüht er sich, eine Ingenieurin im Team zu haben, die bereits beim ersten Projekt mitgearbeitet hat. Kulturelle Unterschiede sind hierbei auf der Baustelle nicht bemerkbar. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Eine Schwierigkeit jedoch stellt sich: Viele der Arbeiter können weder lesen noch schreiben.

Die Analphabetenquote bei Frauen liegt auf dem Land bei 80 Prozent und bei Männern bei 60 Prozent. Die unzureichende Bildung der Menschen stellt ein generelles Problem in Mali dar. Ungebildete Menschen neigten dazu, sich von fundamentalistischen Gruppierungen instrumentalisieren zu lassen. In Mali mache sich das auf politischer Ebene immer wieder bemerkbar. Um dem entgegenzuwirken, soll das neue Schutzzentrum die Gesellschaft für das Thema Gewalt an Frauen sensibilisieren sowie einkommensschaffende Maßnahmen ermöglichen. Im neuen Gewaltschutzzentrum wird es daher Werkstätten geben. Dort können Frauen Schmuck und Textilien herstellen. Der Verkaufserlös dient der Instandhaltung des Frauenhauses.

Die Motivation für den Architekten, die Betreuung des Baus des Gewaltschutzzentrums in Gao zu übernehmen ist einfach: Er möchte bei Projekten mitwirken, die sinnvoll für Menschen sind. So bot APDF in Bamako einer Frau aus seinem näheren Umfeld Schutz, als dieser drohte, zwangsverheiratet zu werden. „Sie war tatsächlich auch eine der ersten Frauen, denen im Gewaltschutzzentrum APDF Bamako geholfen wurde.“

Die Eröffnung des Schutzzentrums für Frauen in Gao ist für das erste Quartal 2018 geplant.

Das Gespräch führten Lena Wordel (Praktikantin PuÖ) und Joana Keller (Praktikantin IZ). Aus Sicherheitsgründen wurde auf den Namen des Architekten verzichtet.

Stand 04/2017