Gespräch mit weiblicher Delegation von den Malediven

Am 03. Juli 2015 traf sich Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von TERRE DES FEMMES, mit einer weiblichen Delegation von den Malediven, um über Frauen- und Menschenrechte sowie Gewalt gegen Frauen zu sprechen. Die Gruppe von sieben Politikerinnen, die allesamt der maledivischen Opposition angehören, besuchte Deutschland für einige Tage, um sich mit VertreterInnen aus Politik und Zivilgesellschaft auszutauschen. Der Besuch stand unter dem Motto „Stärkung der Frauenrechte durch Stärkung der parlamentarischen Arbeit“. Begleitet wurden die Frauen von Karin Köller des Parlaments- und Kabinettsreferats und Leiterin des Gästeprogramms der Bundesrepublik Deutschland.

Christa Stolle stellte zunächst in einem Vortrag die Entstehung und die Arbeit von TERRE DES FEMMES vor. Sie ging dabei insbesondere auf häusliche und sexualisierte Gewalt und die gesetzlichen Regelungen hierzu in Deutschland ein. Sie verwies dabei unter anderem auf die Schutzlücken im §177, der eine Verurteilung von Vergewaltigern erschwert und für deren Schließung sich TERRE DES FEMMES einsetzt.

Delegation von den Malediven mit Christa Stolle, TERRE DES FEMMES. Foto: © TERRE DES FEMMESDelegation von den Malediven mit Christa Stolle, TERRE DES FEMMES. Foto: © TERRE DES FEMMES

Im darauf folgenden Gespräch und Austausch zwischen TERRE DES FEMMES und der Delegationsgruppe wurde deutlich, dass Gewalt gegen Frauen auch auf den Malediven ein großes Problem darstellt und die betroffenen Frauen dort kaum Möglichkeiten haben, sich Hilfe zu holen oder gegen diese Verletzung ihrer Rechte vorzugehen. So berichtete Mariya Ahmed Didi, dass vor einigen Jahren zwar durch eine NGO eine Hilfe-Hotline für von Gewalt betroffene Frauen eingerichtet wurde, diese aber mittlerweile nicht mehr betrieben wird. Außerdem verwiesen die maledivischen Politikerinnen darauf, dass auch die Polizei den Opfern von häuslicher Gewalt meist nicht hilft, sondern stattdessen den gewalttätigen Ehemann einlädt, um eine Versöhnung zwischen Opfer und Gewalttäter zu erzwingen. Die Vergewaltigung in der Ehe steht außerdem nach maledivischem Recht nicht unter Strafe. Frauenhäuser, welche den betroffenen Frauen Schutz und Sicherheit bieten könnten, gibt es auf den Malediven kaum. Zwar sind vier solcher Einrichtungen vorhanden, diese seien jedoch nicht ausreichend gesichert und es mangelt an Kapazitäten und Personal.

Die Frauen machten außerdem deutlich, dass die Benachteiligung und Schlechterstellung von Frauen auf den Malediven sich auch in der Rechtssprechung, die sich nach dem islamischen Recht der Scharia richtet, äußert. So werden beispielsweise beim vorehelichen Geschlechtsverkehr, der nach der maledivischen Gesetzeslage verboten ist, meist nur Frauen bestraft, da diesen der Geschlechtsverkehr z.B. durch eine entstandene Schwangerschaft nachgewiesen werden kann. Bestraft werden diese Frauen mit Auspeitschung und anschließendem Hausarrest.

Shahindha Ismail, Geschäftsführerin des maledivischen demokratischen Netzwerkes, verwies auf die fortschreitende Islamisierung und Radikalisierung ihres Landes, die den Kampf für Menschen- und Frauenrechte erschwert und behindert, jedoch erst recht erfordert. Es gibt inzwischen Inseln, auf denen Frauen nur mit schwarzer Vollverschleierung (Burkas) die Häuser verlassen können. Polygamie ist weit verbreitet.

Die aktuelle islamische Regierungspartei sei äußerst konservativ und stehe in Vorbereitungen dafür, die bisher seit 60 Jahren nicht mehr umgesetzte Todesstrafe wieder durchzuführen. Shahindha Ismail betonte, dass neben politischen Veränderungen vor allem auch ein gesellschaftliches Umdenken statt finden müsse, um die Situation von Frauen zu verbessern. So beschreibt sie, dass z.B. das Tragen eines Kopftuches nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, eine Frau jedoch mit Ächtung seitens der Gesellschaft konfrontiert wird, wenn sie ohne Kopftuch das Haus verlässt.

Das demokratische Netzwerk führt daher, gefördert durch verschiedenste nationale und internationale UnterstützerInnen, Deradikalisierungsprogramme durch. Shahindha Ismail ist bei diesen Gruppendiskussionen und Gesprächen meist die einzige Frau und klärt die anwesenden Männer vor allem über Menschenrechte auf. Sie berichtet, dass die islamistischen Extremisten die Abgeschiedenheit der kleinen maledivischen Inselgemeinden ausnutzen. Denn oft sind sie die ersten und einzigen, welche die verstreuten Gemeinden besuchen und über gesellschaftspolitische Themen sprechen, um so ihr radikales Gedankengut zu verbreiten. Durch ihre Arbeit eröffnet Shahindha Ismail den Menschen daher ganz neue, bis dahin unbekannte Blickwinkel und Perspektiven abseits des radikalisierten Islams. Obwohl sie bei ihrer Arbeit meist positive Rückmeldungen und Interesse der Gemeindevertreter erfährt, ist ihr Einsatz für Demokratie auch mit Gefahren verbunden. Regelmäßig erhält sie Drohungen per Telefon oder im Internet. Doch dadurch lässt Shahindha Ismail sich nicht einschüchtern: „Ich ignoriere diese Drohungen einfach, denn es besteht keine andere Möglichkeit, als weiterhin für Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen!“.

Fazit:

Die Benachteiligung von Frauen wird durch die gesetzlichen Regelungen und durch die Umsetzung dieser durch die Gerichte verfestigt. Außerdem gibt es für von Gewalt betroffene Frauen kaum Hilfsangebote und Möglichkeiten, der Situation zu entkommen, Täter anzuzeigen und zu bestrafen. Die konservative Ausrichtung der aktuellen Regierungspartei scheint es zu erschweren, die Situation von Frauen zu verbessern, Gleichstellung von Männern und Frauen voranzutreiben und Menschenrechte umzusetzen. Der Einsatz für Demokratie sowie Menschen- und Frauenrechte erscheint daher umso wichtiger!

 

Stand 07/2015

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