„Ich vermisse vor allem meine Kindheit“ – ehemalige Mitarbeiterinnen des Frauenbildungszentrums in Afghanistan über ihr Leben in Deutschland

Schwarz-Weiß Bilder von Afganischen Frauen © TERRE DES FEMMESIm Rahmen des frauenrechtlichen Afghanistan Workshops Anfang August 2022 konnte TERRE DES FEMMES (TDF) mit einigen ehemaligen Mitarbeiterinnen des Frauenbildungszentrums Neswan über ihre aktuelle Situation, ihre Sicht auf Afghanistan ein Jahr nach der Machübernahme der Taliban und ihre bisherige Zeit in Deutschland seit der Evakuierung sprechen.

 

 

 

 

 

 

Laura Schneider, TDF: Möchtet ihr euch kurz vorstellen? Wie lange seid ihr schon in Deutschland und seid ihr mit eurer Familie oder allein nach Deutschland gekommen?

Ich heiße Sediqa Mozaffari, ich war Computerlehrerin im Frauenbildungszentrum und bin seit acht Monaten mit meiner Familie in Deutschland.

Ich heiße Najibeh Alizadeh. Ich habe öffentliche Verwaltung studiert und als Assistentin der Geschäftsführung im Frauenbildungszentrum gearbeitet. Ich bin im Dezember 2021 mit der Hälfte meiner Familie nach Deutschland gekommen.

Ich heiße Roqia Haidari und war Englischlehrerin im Frauenbildungszentrum. Seit neun Monaten bin ich in Deutschland mit meiner Familie.

Ich heiße Narges Rahmati, war Englischlehrerin im Frauenbildungszentrum und bin seit neun Monaten in Deutschland mit meiner Familie.

Laura, TDF: Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, sein Heimatland so plötzlich verlassen zu müssen, ohne die Aussicht, bald zurückkehren zu können. Ihr musstet eure Heimat, eure Familien und FreundInnen verlassen – praktisch eure komplette gewohnte Umgebung. In Deutschland, einem neuen Land mit ganz anderen kulturellen Eigenheiten, habt ihr bestimmt unterschiedliche Erfahrungen gemacht und lebt auch jetzt an ganz unterschiedlichen Orten Deutschlands. Wie geht es euch damit?

Najibeh: Jetzt gerade geht es mir gut, aber ich habe schon verschiedene Situationen erlebt – gute und schlechte, weil mein Baby hier geboren wurde. Diese Zeit war besonders hart für mich. Aber ich habe versucht, es zu überstehen. Am Anfang, als wir hierherkamen, war es sehr schwer. Ich konnte zwar Englisch, aber man muss an den meisten Orten Deutsch sprechen können und nicht Englisch. Meine Familie dagegen kann nicht einmal Englisch und so musste ich sie bei allen Terminen begleiten, während ich hochschwanger war. Das war sehr anstrengend. Ich vermisse sehr viel von meinem Heimatland und ich denke die ganze Zeit an mein Heimatland, weil ich so viele Pläne dort hatte. Ich wollte zum Beispiel auch meinen eigenen Teeladen eröffnen und hatte viele Ideen für die Vermarktung meines Teeladens. Auch habe ich an einem Buch über Kinder gearbeitet. Aber dann sind die Taliban nach Afghanistan gekommen und alle meine Pläne wurden zerstört. Im Frauenbildungszentrum habe ich wieder Hoffnung bekommen. Dort konnte ich so viel gute Arbeit leisten. Es war genau mein Interessensgebiet. Aber jetzt lebe ich weit weg von meinen Eltern und meinen FreundInnen in Afghanistan. Sie haben mir erzählt, dass alle FreundInnen ins Ausland geflohen sind. Eine meiner Freundinnen fühlte sich so entmutigt, unglücklich und wütend, weil sie als Einzige in Afghanistan geblieben ist. Und ein paar meiner Verwandten haben auch das Land verlassen. Das ist sehr schwer zu ertragen. Und das Schlimmste für mich ist, dass all diese Leute, die gute Fähigkeiten und Wissen haben und gute Arbeit für mein Land verrichten können, all diese Leute sind ins Ausland geflohen. Nun leben weniger Menschen im Land. Und die junge Generation, sie sollte zur Schule gehen und eine gute Schulbildung bekommen, aber ohne gute LehrerInnen, ÄrtzInnen und ArbeiterInnen, was können wir für diese junge Generation dann noch tun?

Roqia: Für mich war das Ankommen hier in Deutschland etwas völlig Neues, weil es ein komplett anderes Land war mit einer völlig anderen Sprache. Wir (Anmerkung der Redaktion: Roqia und der Teil ihrer Familie, der mit ihr nach Deutschland gekommen ist) konnten überhaupt kein Deutsch. Es war eine neue Kultur und noch dazu war es sehr belastend, dass wir keine FreundInnen und Verwandte hier hatten. Aber jetzt fühlen wir uns sehr viel wohler in Deutschland, weil wir schon in ein paar Städte gereist, in eine größere Stadt gezogen sind und die Situation jetzt viel besser ist. Jetzt können wir ein bisschen Deutsch sprechen und wissen, wie man mit dem Jobcenter und anderen öffentlichen Verwaltungen kommuniziert. Jetzt wird es leichter und es wird noch leichter werden, wenn wir noch besser Deutsch können.

Laura, TDF: Welche Erfahrungen in Deutschland haben euer Leben hier bislang besonders geprägt?

Narges: Weißt du, jeder Mensch, der in ein anderes Land oder eine andere Stadt zieht, hat viele Probleme. Als ich zum Beispiel nach Deutschland kam, war alles für mich sehr fremd. Mir wurde gesagt, dass ich zum Jobcenter gehen soll. Im Jobcenter haben sie uns eine Menge Papiere gegeben. Mit diesen Papieren war ich sehr frustriert, weil ich nicht Deutsch sprechen und schreiben kann. Und von Tag zu Tag wurde ich deprimierter, weil ich keinen Deutschkurs besuchen konnte, im „Heim“ (Anmerkung der Redaktion: mit „Heim“ ist ein Aufnahmezentrum für Geflüchtete gemeint) wohnte und nichts Anderes hatte. Bis jetzt lebe ich mit meiner Familie im "Heim". Wir haben kein eigenes Zuhause, weil wir acht Personen sind, und uns wurde gesagt, dass man für acht Personen nicht so leicht eine Wohnung findet. Die jetzige Unterkunft hat nur zwei Zimmer. Das ist so schwierig. Es ist zu klein! Ich bin mit meinen Eltern in Deutschland, mit zwei älteren Brüdern und zwei jüngeren Schwestern.

Laura, TDF: Ihr alle habt Familie und FreundInnen in Afghanistan. Seid ihr in regelmäßigem Austausch mit ihnen?

Sediqa: Ja, jeden Tag, denn meine Tanten leben noch dort, und meine Mutter will immer mit ihrer Mutter und ihren Schwestern sprechen. Es ist so schwer für sie. Jetzt geht es ihr gut, aber zu Beginn, als wir nach Deutschland gekommen sind, war sie sehr deprimiert und es ging ihr gar nicht gut. Aber von Tag zu Tag wird es besser.

Laura, TDF: Erfahrt ihr etwas von ihnen über das Leben unter den Taliban?

Narges: Ja natürlich bin ich in Kontakt mit ihnen! Einer meiner Brüder lebt in der Stadt Herat, in Afghanistan. Wir sind ansonsten alle nach Deutschland gekommen, aber leider ist er als einziger von meiner Familie noch in Afghanistan. Jeden Abend rufen meine Eltern meinen Bruder an - täglich.Mein Bruder ist verheiratet und hat jetzt zwei Kinder. Wir lieben sie so sehr, und wir hoffen sehr, dass es irgendeine Möglichkeit gibt, dass mein Bruder kommen kann. Denn er ist der Einzige meiner engen Familie, der mit seiner Familie in Afghanistan geblieben ist. Es ist so schwer!

Meine Brüder sagen, dass die Taliban jeden Tag andere Regeln haben. An einem Tag sagen sie zum Beispiel: "Ja, die Mädchen können zur Schule gehen." Und an einem anderen Tag: "Nein, das haben wir nie gesagt." Das sind Lügen! Sie spielen mit dem Leben der Menschen!

Mein Bruder sagt auch, dass das afghanische Volk, vor allem die Bevölkerungszahl in Herat, immer weiter sinkt. Und warum? Weil alle Menschen Angst vor den Taliban haben. Die einen gehen in den Iran, die anderen gehen zum Beispiel nach Pakistan. Immer weniger Menschen leben in Herat und mein Bruder sagt, dass wir keine Hoffnung auf ein Leben in der Stadt Herat haben.

Laura, TDF: Was erzählen euch eure Verwandten und FreundInnen über die aktuelle Situation der Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan?

Narges: Ich bin immer in Kontakt mit meinem Bruder und meiner Schwägerin. Sie erzählen, dass die Situation der Mädchen immer schwieriger wird. Die Mädchen sollten nicht ohne einen Mann aus dem Haus gehen. Das heißt, wenn sie irgendwo hingehen wollen, zum Beispiel in eine andere Stadt, sollten sie einen Mann dabeihaben (ihren Bruder, Vater, Ehemann oder einen anderen Mann). Eine Frau darf nicht allein draußen herumlaufen. Und die Taliban schreiben vor, dass man den Hijab so tragen muss, dass nur die Augen zu sehen sind. Selbst deine Lippen oder dein Gesicht sollten nicht vor einem Mann zu sehen sein, weil wir dann von ihnen vielleicht als attraktiv wahrgenommen werden könnten. Früher sind wir zur Uni gegangen und hatten bunte Kleidung an. Jeden Tag hatten wir Klamotten in verschiedenen Farben an. Aber die Taliban sagen: "Nein, die Mädchen sollen nur schwarz tragen. Die Mädchen sollen keine bunten Kleider tragen." Aber weißt du, für eine junge Frau ist es so schwer, immer schwarz zu tragen. Schwarz ist eine traurige Farbe.

Sediqa: Und die Kleider müssen auch immer ganz lang sein.

Laura, TDF: Verfolgt ihr die deutsche oder internationale Berichterstattung über Afghanistan? Wie wird die Situation der Frauen in den Medien im Gegensatz zu Berichten aus euerem Familien- und Freundeskreis dargestellt? Wird die Situation in der Presse eurer Meinung nach richtig dargestellt?

Roqia: Ja, das ist völlig anders, denn sie (Anmerkung der Redaktion: die Taliban) haben zum Beispiel 50 Menschen getötet, aber in den Medien heißt es, sie hätten nur 15 oder 10 Menschen getötet. Die Zahl der Morde ist leider sehr hoch. Was die Bildung und die Wirtschaft betrifft, so ist sie sehr niedrig und schwach. Denn wie wir bereits gesagt haben, können Mädchen nicht zur Schule gehen - nur bis zur sechsten Klasse. Und die meisten Menschen haben ihre Arbeit verloren. Die Situation in Afghanistan ist wirklich schwierig.

Sediqa: Leider heißt es in den Medien, dass die Schulen und Universitäten offen sind und jeder hingehen kann. Aber in Wirklichkeit dürfen die Mädchen nicht zur Schule gehen. Ich war mit meiner Tante in Kontakt. Sie ist Finanzmanagerin an der Oberschule in unserem Ort und sagte, dass unsere Schule in der Nähe der Polizeistation liegt. Und dort sind die Taliban. Die Mädchen müssen andere Kleidung als die Schuluniform tragen, damit die Taliban denken, es gäbe keine Schule. Wenn sie wissen, dass es dort heimlich eine Schule gibt, werden sie sie sehr schlecht behandeln.

Roqia: Es ist wie vor 20 Jahren. Wir sind alle während des ersten Taliban-Regimes geboren. Die Taliban waren damals noch an der Macht.

Laura, TDF: Es muss also sehr schwer für eure Eltern gewesen sein, jetzt zu sehen, dass die Taliban erneut die Macht übernommen haben.

Sediqa: Ja, sie sprechen immer über ihre Erinnerungen an die Zeit der ersten Herrschaft der Taliban. Sie sind alle sehr besorgt.

Narges: Ja, natürlich! Meine Mutter sagt immer, dass vor 20 Jahren, als die Taliban zum ersten Mal nach Afghanistan kamen, sie alle Männer gefangen genommen haben. Sogar meinen Vater haben sie gefangen genommen. Und sie sagen, als sie gefangen genommen wurden, mussten sie für die Zeit im Gefängnis Zwangsarbeit leisten. Es gibt einen Ort in Herat, der تخت سفر („Tachtsafar“) heißt. Und mein Vater sagt, dass alle Männer, die in diesem Gefängnis waren, von den Taliban gezwungen wurden, ohne Geld zu arbeiten. Und sie haben ihn immer angegriffen, das bedeutet, dass sie ihn geschlagen haben. Es war so schlimm. Und sie sagen: Wir hatten kein Brot zu essen. Wir hatten nur ein Brot und haben es geteilt.

Laura, TDF: Hört ihr etwas Ähnliches aktuell von euren Familien und FreundInnen?

Sediqa: Noch nicht und wir hoffen, dass wir das auch nicht werden!

Laura, TDF: Was würdet ihr gerne in Deutschland in der nächsten Zeit machen? Was sind eure Pläne für die kommenden Monate oder Jahre?

Sediqa: Ich würde gerne mein Studium hier fortsetzen, wenn es möglich ist, weil ich mein Studium in Afghanistan sehr geliebt habe. Erst einmal müssen wir Deutsch lernen. Das Jobcenter sagt, dass man zuerst die Sprache lernen muss und danach kann man sich aussuchen, was man machen möchte, eine Ausbildung oder ein Studium.

Laura, TDF: Was sind eure Wünsche für die Zukunft?

Narges: Ich möchte meine Ausbildung abschließen, deutsche junge Leute kennenlernen und ihnen von Afghanistan und der aktuellen Situation erzählen. Ich bin mir sicher, wenn mehr Menschen wissen, was in Afghanistan aktuell passiert, werden sie helfen. Oder ich kann von Familien erzählen, von denen ich persönlich weiß, dass es ihnen so schlecht geht, weil sie so arm sind und sie dadurch viele Probleme haben. Vielleicht wird ihnen dann dadurch auch besser geholfen.

Roqia: Ja genau! Denn AfghanInnen brauchen wirklich Hilfe und Unterstützung von anderen Ländern, Großmächten und Regierungen. Viele können nicht mehr arbeiten, weil es nicht viele Arbeitsmöglichkeiten gibt und Büros geschlossen worden sind. Über 50 Prozent der AfghanInnen haben ihren Arbeitsplatz verloren. Das ist nicht normal und somit sind die Lebensumstände in Afghanistan sehr schwer.

Narges: Ich glaube es war in Ghazni oder einer anderen Provinz, über die ich auf Youtube ein Video gesehen habe. Dort sind die meisten Kinder so dünn, weil sie nichts zu essen haben. Einige von ihnen sterben sogar. Und warum? Weil ihre Familien sie nicht ernähren können. Dadurch werden sie ihr Leben verlieren.

Laura, TDF: Was vermisst ihr am meisten an Afghanistan, vor allem in eurem alltäglichen Leben?

Sediqa: Meine FreundInnen und meine Familie. Vor allem meine Tanten, ja. Und deshalb bin ich den ganzen Tag mit ihnen in Austausch. Gerade eben habe ich mit ihnen geschrieben. Ich habe zwei Neffen. Sie sind noch so klein, ein Jahr und zwei Jahre alt, und ich vermisse sie so sehr! Und auch die meisten meiner FreundInnen mussten wie wir das Land verlassen. Sie flüchteten zum Beispiel in den Iran oder nach Pakistan. Aber die Arbeitsplatzsituation ist auch dort schwierig. Denn auch im Iran gibt es aufgrund der Wirtschaft Probleme mit den Arbeitsplätzen, vor allem aber für die AfghanInnen. Es ist so schwer. Meine Familie und meine FreundInnen sprechen immer von Depressionen. Wenn ich sie anrufe, sind sie so traurig.

Narges: Was mich angeht, so vermisse ich vor allem meine Kindheit. Das heißt, die Erinnerung an meine Kindheit. Denn ich hatte eine gute Kindheit in meinem Heimatland. Am meisten vermisse ich meinen Bruder und meinen Neffen. Und natürlich vermisse ich auch meine FreundInnen. Weißt du, an dem Ort, an dem man aufwächst, dort hat man viele FreundInnen. Jetzt habe ich mein Handy verloren und ich habe die Nummer von einigen FreundInnen nicht mehr. Ich habe sie auch nicht auf Facebook oder Instagram gefunden. Ich vermisse sie sehr.

Sediqa: In den 20 Jahren, die wir dort gelebt haben, haben wir uns sehr gut kennengelernt. Es ist so schwer, hierher zu kommen, ohne zu wissen, wie es ihnen geht.

Laura, TDF: Was vermisst ihr besonders an der afghanischen Kultur oder den afghanischen Traditionen?

Roqia: Wenn wir essen, feiern wir meistens mit der ganzen Familie und den Verwandten. Wir feiern besondere Ereignisse, die in Deutschland nicht gefeiert werden. Wir gehen dann zueinander nach Hause und feiern, und es gibt sehr viel Essen und Nüsse. Wir reden viel und lachen. Aber hier in Deutschland sind wir allein.

Narges: Ein Ereignis ist die Yalda-Nacht. Das ist die berühmteste Nacht in Afghanistan. Es ist die längste Nacht des Jahres. Wenn wir diese Nacht feiern, laden wir immer unsere Eltern und Großeltern und jede Familie ein, die in unserem Teil der Stadt lebt, zum Beispiel Tanten, Onkel, einfach jede Person. Und wir essen nicht an einem großen Tisch. In Afghanistan haben wir eine "Decke" und wir essen auf dem Boden. Wir kochen verschiedene Gerichte und jeder, der kommt, bringt etwas mit. Wir haben Musik, wir tanzen sogar und wir reden viel. Es ist so schön! Und letztes Jahr, als ich nach Deutschland gekommen bin, war ich allein in der Yalda-Nacht. Ich habe mich erinnert: Oh mein Gott, letztes Jahr habe ich die Yalda-Nacht gefeiert, aber jetzt habe ich keine FreundInnen, meine Familie ist nicht hier, wie kann ich das überleben?

Laura, TDF: Vielen Dank für das Interview!

Stand 08/2022