Zwischen Schrecken und Hoffnung – „We will stop femicides“-Bericht zu Gewalt gegen Frauen in der Türkei

Die 23-jährige Studentin Sulet Cet fiel am 29. Mai 2018 unter mysteriösen Umständen vom 20. Stockwerk eines Hochhauses in Ankara und starb.In Protesten solidarisieren sich türkische Frauen gegen geschlechterspezifische Gewalt. © YAKA-KOOPIn Protesten solidarisieren sich türkische Frauen gegen geschlechterspezifische Gewalt. © YAKA-KOOP

Die 32-jährige Esra Kosker wurde im Juni 2018 in der türkischen Stadt Sirnak von ihrem Ehemann umgebracht, weil sie sich von ihm scheiden lassen wollte.

Die 17-jährige Aylin Kekik wurde von ihrem Partner in ihrer Heimatstadt Burdur erstochen.

Traurige Einzelfälle? Von wegen! 440 Frauen wurden 2018 in der Türkei von gewalttätigen Ehemännern, Freunden oder männlichen Verwandten getötet

– so der jüngste Jahresbericht der türkischen Plattform „We will stop femicides“. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, öffentlich über Femizide in der Türkei aufzuklären und diese zu verhindern. Für 2018 hat die Plattform erneut Bilanz aus allen polizeilich erfassten oder medial veröffentlichten Morden an Frauen gezogen. Die Dunkelziffer gilt als weit höher.

 

Warum mussten all diese Frauen sterben? Nach Recherchen von „We will stop femicides“ wurden 105 der 440 Frauen umgebracht, weil sie über ihr eigenes Leben entscheiden wollten. 16 wurden ermordet, weil sie sich scheiden lassen wollten. 131 starben unter ungeklärten Umständen und 134 Frauen konnten bisher nicht identifiziert werden.

Die Situation für Frauen in der Türkei ist unverändert prekär: Femizide werden vertuscht, als Selbstmorde abgetan oder nicht aufgeklärt. Präventive Gesetze, wie z. B. No. 6284, das nach Aussage der Regierung als „Schutzmantel für Frauen“ wirken soll, werden nicht effizient durchgesetzt. Im Jahr 2018 waren 317 Frauen von sexualisierter Gewalt betroffen – zumeist im öffentlichen Raum. Aktive Frauen, die sichtbar für ihre Rechte einstehen, müssen verstärkt mit Widerständen und Diskriminierung rechnen. Dies zeigt auch der Global Gender Gap Report 2018, publiziert vom World Economic Forum, in dem die Türkei Platz 130 von 149 Ländern belegt.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es trotz dieser düsteren Bilanz: 2018 war auch ein Jahr, in dem sich Frauen gemeinsam struktureller Diskriminierung widersetzten.YAKA-KOOP bietet Frauen die Möglichkeit für eine Ausbildung. © YAKA-KOOPYAKA-KOOP bietet Frauen die Möglichkeit für eine Ausbildung. © YAKA-KOOP

Im Oktober 2018 boykottierten alle SchülerInnen der Kadriye Moroglu High-School den Unterricht eines übergriffigen Lehrers, die Sängerin Sila Gencoglu brach ein Tabu, indem sie öffentlich machte, von Gewalt durch ihren Partner betroffen zu sein, und gegen ihn prozessierte. In Istanbul machten über 500 Frauen am Frauentag für ihre Rechte mobil und auch der Fall Sulet Cet zog Großdemonstrationen nach sich.

Die Frauen in der Türkei wehren sich mit vereinten Kräften gegen das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern und machen die Missstände öffentlich.  Zentral für die Überwindung von Gewaltstrukturen sind Aufklärungsarbeit zu Frauenrechten, Bildung und finanzielle Unabhängigkeit. Diese Aktivitäten realisieren Frauenrechtsorganisationen wie unsere türkische Partnerorganisation YAKA-KOOP. YAKA-KOOP bietet Rechtsberatung für gewaltbetroffene Frauen an und setzt sich u. a. durch Nebenklägerschaft in Gerichtsverfahren dafür ein, dass Täter angemessen bestraft werden. Außerdem klärt YAKA-KOOP in Seminaren und Kampagnen über Gewalt an Frauen auf.

Durch die Unterstützung von YAKA-KOOP haben auch wir hier in Deutschland die Möglichkeit, uns mit den aktiven Frauen in der Türkei zu solidarisieren und ihre Rechte zu stärken.

 

Stand 06/2019