Die Nordsyrische Delegation zu Besuch in der TDF-Geschäftsstelle.

v.l.n.r.: Jamila Hami, Avin Seiwad, Christa Stolle, Daphne Wiegers, Nazire Gourie. Foto: © TERRE DES FEMMESv.l.n.r.: Jamila Hami, Avin Seiwad, Christa Stolle, Daphne Wiegers, Nazire Gourie. Foto: © TERRE DES FEMMESNordsyrien ist nach Abzug des Islamischen Staats immer noch im Schockzustand. Viele Frauen tragen tiefe Traumata davon, die ihnen in Form von physischen sowie psychischen Missbräuchen widerfahren sind. Der Schmerz sitzt tief und deswegen ist es von großer Wichtigkeit, den Frauen und Mädchen dieser Region Hilfe in Form von psychologischer Unterstützung zu gewährleisten, um ihnen ein angstfreies Leben zu ermöglichen. Für dieses Ziel kämpfen die mutigen Frauen der Delegation aus Rojava, die sich am 10. Oktober 2018 mit Frau Christa Stolle und Frau Dr. Abir Alhaj Mawas, Referentin für Gleichberechtigung und Integration, in der TDF-Bundesgeschäftsstelle ausgetauscht haben.

Die Delegation bestand aus der Co-Vorsitzenden von Kongreya Star: Avin Seiwad, der Co-Vorsitzenden des Exekutivrats der Lokalen Selbstverwaltung und Mitbegründerin der Union der Assyrischen Frauen: Nazira Goreya, der  Co-Vorsitzenden von Heyva Sor: Jamila Hami sowie Khawla Alissa Alhammoud, Vorsitzende des Arabischen Frauenrats in Rakka. Daphne Wiegers von der Stiftung Freie Frau Rojava fungierte als Dolmetscherin.

Ziel war es, sich über die aktuellen Missstände in Syrien auszutauschen und neue Erfahrungsberichte der Situation vor Ort zu erhalten. Jede der Anwesenden setzt sich aktiv für die Rechte der Frauen in Nordsyrien ein. Zusammen mit anderen AktivistInnen konnten sie bereits einige Verbesserungen des nordsyrischen Rechtssystems erwirken, das bisher noch starke demokratische Defizite aufweist und eine Gleichstellung der Frau unterwandert.

So konnten Awin Seiwad und die anderen Frauen durchsetzen, dass ein Mindestalter für die Eheschließung eingeführt wird, um Frühehen zu verhindern und die Kinder vor der Unterdrückung durch den Ehemann zu schützen. Zusätzlich ist es den Frauen der Delegation zu verdanken, dass das einseitige Scheidungsverfahren abgeschafft wurde, welches den Frauen ein Recht auf Beendigung ihrer Ehe versagte.

Die AktivistInnen und ihre Organisationen haben auch die Einordnung der Kinderarbeit als Straftat sowie die gleichberechtigte Stimmengewichtung von Männern und Frauen vor Gericht erwirkt. Zuvor wurde die Stimme eines männlichen Zeugens doppelt so stark gewichtet wie die einer Frau.

All diese Veränderungen können zweifelsfrei als wichtiger Schritt bezüglich einer Ankurbelung des Demokratisierungsprozesses und der Gleichstellung von Männern und Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen angesehen werden.

Die Anwältin Khawla Allissa Alhamoud, die selbst unter der Schreckensherrschaft des IS gelebt hat, berichtete über ihre Erfahrung bezüglich der Folterung von Frauen durch IS-Kämpfer innerhalb ihrer Community in Rakka. Die Frauen, die Opfer von Gewalt, sexuellem Missbrauch und Zwangsehe geworden sind, haben das Geschehene bislang noch nicht verarbeiten können und stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Frau Alhamoud versucht deswegen couragierte HelferInnen zu akquirieren, die sich der Frauen annehmen und ihnen psychologische und juristische Unterstützung gewährleisten, um ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und der Abwärtsspirale, in der sie sich befinden, zu entkommen.

Jamila Hami fokussiert sich auf die Lage der jesidischen Frauen in Efrin und Shehba, von denen 141 junge Frauen und Mädchen sowie 70 Kleinkinder aus den Händen des IS befreit werden konnten.

Besonders schockierend waren Frau Hamis Erfahrungen mit jungen Müttern, die aufgrund von Zwangsehe oder Vergewaltigungen der IS Kämpfer schwanger geworden sind. Wegen all der traumatischen Umstände, sehen sich die Frauen nicht in der Lage, die Kinder ihres Peinigers großzuziehen und legen die Babys in Müllcontainern ab. Dies hat nicht nur zur Folge, dass die Kinder, sollten sie überleben, ohne elterliche oder professionelle Betreuung aufwachsen, sondern fördert auch ein Wachstum von Kinderhandel und Missbrauch in der nordsyrischen Region. Jamila und ihre Kolleginnen versuchen dies zu verhindern und den Kindern ein Dach über dem Kopf zu geben. Hierfür werden, soweit es das Budget ermöglicht, Kinderheime errichtet, um die Kinder vor einem Leben auf der Straße zu schützen.

Die Perspektiven christlicher Frauen in der assyrischen Gemeinde beschrieb Nazira Goreya. Wir waren sehr betroffen zu hören, dass viele christliche Frauen auch nach Abzug des IS das Kopftuch, das ihnen aufgezwungen wurde, freiwillig weitertragen. Grund dafür ist, dass sie immer noch stark traumatisiert sind und Angst haben, aktiv verfolgt zu werden, sollten sie sich gegen die Vorgaben des politischen Islams richten.

Der Konsens der Teilnehmerinnen war, dass der Weg der nordsyrischen Frauen in Richtung eines selbstbestimmen, gleichberechtigten und freien Lebens noch sehr steinig ist, da zu wenig Hilfsmaßnahmen wie Gesundheitszentren mit psychologischer Betreuung, finanziert und angeboten werden können.

Die Arbeit der Delegation lässt jedoch hoffen, dass eine Sensibilisierung bezüglich dieser Problematik bei Staat und Gesellschaft stattfinden kann, um eine Veränderung der Situation zu erwirken und den Frauen und Mädchen den Weg in ein gleichberechtigtes, selbstbestimmtes und freies Leben zu ebnen.

 

Stand: 10/2018

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