Empfang einer Delegation von Frauenrechtlerinnen aus Kurdistan-Irak

Am 10. September 2014 fand bei TERRE DES FEMMES ein Delegationstreffen mit Frauenrechtsaktivistinnen aus der Region Kurdistan-Irak statt. Beteiligt waren Mitglieder der Nichtregierungsorganisation Women Empowerment Organisation (WEO), Vertreterinnen aus Bereichen der Justiz und kurdische Politikerinnen sowie TeilnehmerInnen der Konrad-Adenauer-Stiftung, die das Delegationstreffen organisiert haben. Ziel des Treffens war es, sich über Inhalte und Erfahrungen der Frauenrechtsarbeit auszutauschen. Wir von TERRE DES FEMMES fragten uns, wie wir die Frauen momentan in der Kriegs- und Krisensituation unterstützen können? Schafft Öffentlichkeit, berichtet über uns, berichtet über die Lage von Mädchen und Frauen im Irak. Im Anschluss des Treffens führte Jennifer Tack (TDF) ein Interview, zu den Anforderungen der Frauenrechtsarbeit in Kurdistan, insbesondere im Hinblick auf den Terror des so genannten „Islamischen Staat“, der seit Wochen in Irak und Syrien ausgeübt wird.

TeilnehmerInnen der Delegation Kurdistan-Irak. Foto: © TERRE DES FEMMESTeilnehmerInnen der Delegation Kurdistan-Irak. Foto: © TERRE DES FEMMES

1) Was sind die gesellschaftlichen Bedingungen und Hürden Ihrer Frauenrechtsarbeit?

Die Religion erweist sich als ein großes Hindernis für die Rechte der Frauen. Im Irak wird der Islam beliebig interpretiert, wie es gerade dem eigenen Interesse gelegen kommt. Heute so, morgen so. Dadurch sind die Frauenrechte unter der Kontrolle der Männer, denn einzig der Mann hat die Möglichkeit, die Religion zu interpretieren und es gibt kaum eine Möglichkeit, das in Frage zu stellen oder darüber zu diskutieren.

Hinzu kommt, dass die Religion häufig mit der Tradition vermischt wird. Das heißt, viele Probleme im Irak rühren von gesellschaftlichen Traditionen, die aber mit dem Islam begründet werden, etwa bei der Genitalverstümmelung. Obwohl diese nichts mit Religion zu tun hat, sondern eine grausame Tradition darstellt. In Kurdistan gibt es ein Gesetz gegen Genitalverstümmelung, sowie viele weitere Gesetze im Sinne der Frauenrechte, aber durch den starken Einfluss der Religion, können die Rechte nicht in Anspruch genommen werden.

Ein weiteres großes Problem ist die verbreitete patriarchale Denkweise, die gegenläufig zu der Ausrichtung der Gesetze ist. Die Denkweise ist fest in den Familienstrukturen verankert und auch in Regierungsorganisationen. Egal ob Richter, Staatsanwalt oder Polizist, oft wird sich nicht nach den Gesetzen gerichtet, sondern nach dem eigenen Standpunkt. Sie handeln danach, was sie für richtig halten, zur Rechenschaft werden sie kaum gezogen. Das Problem ist aber nicht die gesetzliche Ebene, sondern die Umsetzung der bestehenden Gesetze.

2) Seit Wochen wütet der so genannte „Islamische Staat“ in Syrien und im Irak. Inwiefern sind Frauen von dem Terror betroffen?

Frauen werden instrumentalisiert, da sie als Beute und Besitz des Mannes betrachtet werden. Über 5.000 Frauen wurden verkauft, versklavt und vergewaltigt. Der Handel mit den Frauen und Mädchen läuft international. Sie sind Opfer des Krieges und werden sexuell ausgebeutet, das macht sie doppelt zum Opfer.

Viele Menschen flüchten nach Kurdistan und haben ihren Wohnsitz verloren, sie sind somit gezwungen, unter Brücken oder in Baustellen zu leben. Wir helfen den geflüchteten Menschen Nahrung und Medikamente zu bekommen. Die meisten von ihnen sind traumatisiert, daher bieten wir auch Hilfe, die traumatischen Erfahrungen aufzuarbeiten.

Wir schreiben Berichte über die Kriegsverbrechen, machen Lobbyarbeit und üben Druck auf die Regierung aus. Auch organisierten wir Demonstrationen vor dem UN-Gebäude, damit endlich gegen den IS vorgegangen wird.

3) Welche Anforderung stellt sich dabei für Ihre Organisation? Sind Sie selber gefährdet?

Wir sind großer Gefahr ausgesetzt. Zum Beispiel in Jemen und Syrien wurden Aktivistinnen ermordet. Wenn der IS noch einen Schritt weiter vorrückt, sind wir die ersten die gefährdet sind.

4) Erhalten sie Unterstützung aus dem Ausland? Was können wir für Sie tun?

Ja, wir erhalten internationale Unterstützung. Wir benötigen Lobbyarbeit und Solidarität. Uns ist es wichtig, dass in den internationalen Medien über die Verbrechen des IS berichtet wird und Druck ausgeübt wird.

Wir möchten zudem von Euren Strategien und Methoden erfahren, die wir für unsere Arbeit anwenden können. Welche Mechanismen gibt es, um gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Sensibilisierung zu erlangen? Wie gelingt es uns, dass die Gesetze umgesetzt werden?

Uns ist es wichtig, dass wir uns vernetzen und im Erfahrungsaustausch stehen. Wir haben viele gemeinsame Ziele wie die Bekämpfung von Genitalverstümmelung und Zwangsverheiratung.

In Kurdistan ist Suizid und Selbstverbrennung von Frauen ein wichtiges Thema, bei dem wir uns von Ihnen wünschen würden, dass Sie Ihr Augenmerk auch darauf richteten.

Wir haben in unserem Austausch festgestellt, dass Ihre und unsere Arbeit sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Wir möchten davon profitieren. Wichtig ist es, zusammen zu arbeiten, um eine gemeinsame Stimme zu haben. Ihre Fahnenaktion am Internationalen Tag „NEIN, zu Gewalt an Frauen“ am 25. November ist ein wichtiger Ansatz, dem wir uns in Kurdistan anschließen wollen.

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