Internationaler Gast aus Indien zu Besuch bei TERRE DES FEMMES

Am 25. Juni 2013 hat die indische Botschafterin a.D., Ms Neelam Deo als ausländischer Gast der Bundesregierung TERRE DES FEMMES besucht. Ein Austausch über das gesellschaftspolitische Thema der Gewalt in der Familie, insbesondere gegen Frauen und Kinder, stand auf der Agenda.

Unser gemeinsames Ziel: die Rolle von Frauen stärken und Gewalt gegen Frauen beenden

Frau Deo stellte zunächst sich und ihre Arbeit ausführlich vor, wobei sie insbesondere auf ihre Rolle als Frauenrechtlerin einging: Sie hat über 30 Jahre für den Indian Foreign Service als Botschafterin in Europa, Afrika und New York gearbeitet und ist Mitgründerin des Think Tanks Gateway House: Indian Council on Global Relations, den sie als Direktorin leitet. Zudem ist Frau Deo auch Mitglied des Vorstandes von Oxfam India sowie von Breakthrough, einer Menschenrechtsorganisation mit Sitz in New York und Delhi, die sich für Menschenrechte und die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen einsetzt. Insbesondere durch ihre Arbeit bei Oxfam und Gateway setzt sich Frau Deo aktiv für Mädchen- und Frauenrechte ein. Zu den Erfolgen von Breakthrough zählt die Kampagne „Ring The Bell“, welche über Fernsehen, Radio und Presse bereits über 130 Millionen Menschen in Indien erreicht hat:  „bell bajao“ fordert Männer dazu auf, Stellung zu beziehen und sich für die Beendigung der Gewalt gegen Frauen einzusetzen (die Kampagne geht von 08. März 2013 bis 08. März 2014, http://www.bellbajao.org)

Nachdem Christa Stolle, Geschäftsführerin von TERRE DES FEMMES, und Renate Staudenmeyer aus dem Referat für internationale Entwicklungszusammenarbeit, die Schwerpunkte der Arbeit von TERRE DES FEMMES im In- und Ausland dargelegt hatten, ging es in die gemeinsame Diskussion. Frau Neelam Deo hat dabei die Berichte von TERRE DES FEMMES auf die Erfahrungen ihres Landes bezogen: in Indien gibt es die Thematik der weiblichen Genitalverstümmelung zum Beispiel nicht, aber „Ehren“-Morde und insbesondere Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt sind ein weit verbreitetes Problem, welches bis vor kurzem in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. In dem Zusammenhang fand Frau Deo auch die Arbeit von TERRE DES FEMMES zur „Workplace Policy“ besonders interessant: ein Konzept zur Einführung von unternehmerischen Strategien, um sich am Arbeitsplatz gegen Gewalt zu engagieren? -  so etwas sollte es auch in Indien geben.

Anmerkungen zum tödlichen Vergewaltigungsfall des 16. Dezember 2012

Die schweren Vergewaltigungsfälle und Vorfälle extremer Gewalt gegen Mädchen und Frauen in Indien wurden ebenso debattiert. Sarina Bansal von der Indischen Gemeinschaft Berlin, die am 29. Januar 2013 die ebenfalls von TERRE DES FEMMES unterzeichnete Petition der Indischen Gemeinschaft Berlin an den indischen Außenminister Salman Khurshid übergeben hatte, bereicherte unsere Runde. Sie berichtete aus der Sicht einer jungen Frau mit indischen Wurzeln, wie die Geschehnisse in Indien auf sie wirkten.

Frau Deo nahm darauf Bezug: die anhaltenden Proteste und Demonstrationen im ganzen Land hat sie einerseits als positiv bewertet, da die Problematik der Gewalt gegen Frauen in die öffentliche Debatte gerückt sei und dabei problematische Aspekte der indischen Gesellschaft und Kultur problematisiert wurden. Andererseits hätten diese Proteste und die damit verbundene Aufmerksamkeit der Medien einen wichtigen Aspekt verschleiert: Die Öffentlichkeit hat sich so stark empört, weil das Mädchen eine „normale Inderin“ der Mittelschicht war, d.h. sie war nicht Mitglied der untersten Kaste oder einer „tribal group“. Mit dieser Bemerkung unterstrich Frau Deo, dass die Lage der Frauen, welche der untersten Kaste angehören, noch schlimmer ist, als die vieler anderer Frauen und dass diese Frauen tagtäglich einem größeren Ausmaß an Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt sind.

Sozio-kulturelle Aspekte hindern die Stärkung von Frauen in Indien

Indem sie die Lage der Frauen in Indien beschrieb, erklärte Frau Deo, dass insbesondere soziale Aspekte sowie kulturelle und religiöse Werte und Vorstellungen gegen die Interessen der Gleichberechtigung von Frauen wirken. Ergebnisse einer Studie belegen, dass 50% der indischen Frauen es in Ordnung finden, mit einem gewalttätigen Ehemann  zusammenzuleben. Gewalt in Ehe und Familie und Ehe stellen schwerwiegende aber auch alltägliche Probleme dar. Gleichzeitig wird in der indischen Gesellschaft eine Scheidung immer noch als „Sünde“ angesehen, weshalb viele Frauen gar nicht mit dem Gedanken spielen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und sich von ihren Männern zu trennen. Hier betonte Frau Deo auch, dass die Religionen - und hiermit meinte sie alle Religionen, die in Indien vertreten sind – stark patriarchalische Strukturen haben und in gewisser Hinsicht sogar aktiv gegen die Gleichberechtigung von Frauen vorgingen.

Frauenbewegung in Indien

Im Anschluss gab Frau Deo einen kurzen Überblick zur Entstehung und Arbeit der feministischen Bewegung in Indien. Obwohl es während des Unabhängigkeitskampfes viele engagierte Frauen gab, bildete sich erst in den 1970er Jahren aus dem Lager der Kongress-Partei eine Frauenbewegung heraus. Allerdings kritisierte Frau Deo die starke Nähe zur Parteipolitik und damit verbunden oft zum Problem von Korruption. Es sind viele NROs entstanden, die von Ehefrauen politischer Mandatsträger gegründet wurden, um an Gelder heranzukommen. Nichtregierungsorganisationen unterstützen heute die Arbeit für Frauenrechte. Aber eine Folge ihrer Entstehungsgeschichte ist, dass NROs stark rivalisieren und die Bildung von übergreifenden Netzwerken verhindert wird.
In Hinblick auf die indischen Frauenrechte betont Frau Deo außerdem, dass Gesetze zur Stärkung von Frauenrechten zwar existieren, in den seltensten Fällen allerdings umgesetzt werden. So gibt es zum Beispiel auf nationaler Ebene eine ganze Reihe an Gesetzgebungen, die Männer und Frauen einen gleichberechtigten Status zusprechen. Jedoch weigern sich viele indische Bundesstaaten, diese Gesetze umzusetzen. Da Frauen, besonders in den ländlichen Gegenden kaum Bildung erhalten, kennen viele ihre Rechte nicht, die sie gegenüber den Familien oder Behörden de facto geltend machen können. Im Allgemeinen, resümierte Frau Deo, werde noch einige Zeit verstreichen bis sich ein gleichberechtigtes Denken in den Köpfen der Menschen einstellt. Die Arbeit zur Stärkung der Frauenrechte bewege sich immer zwei Schritte vorwärts und einen Schritt zurück.

Zuletzt bedankte sich Frau Deo bei TERRE DES FEMMES, insbesondere für die Förderung des Indien-Projekts „Indira Social Welfare Organisation“ im Bundesstaat Orissa: „Diese Art von Unterstützung ist wichtig und effektiv, weil auf lokaler Ebene Frauen gefördert werden!“

... auch beim Abschlußfoto wird weiter diskutiert: Christa Stolle, Neelam Deo, Sarina Bansal, Renate Staudenmeyer (von links). Foto: © Archiv TDF... auch beim Abschlußfoto wird weiter diskutiert: Christa Stolle, Neelam Deo, Sarina Bansal, Renate Staudenmeyer (von links).
Foto: © TERRE DES FEMMES

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