Was ist häusliche Gewalt?

Foto: © Fotolia-OllyFoto: © Fotolia-OllyEs existiert keine einheitliche Definition von häuslicher Gewalt, doch meistens ist damit die Gewalt gemeint, die von einem (ehemaligen) Beziehungspartner an seiner oder ihrer PartnerIn ausgeübt wird. In 82% der Fälle sind die Täter männlich und Frauen die Betroffenen – häufig auch zusammen mit ihren Kindern.

Laut einer 2004 von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen repräsentativen Studie haben bereits 25% der Frauen in Deutschland Formen körperlicher oder sexualisierter Gewalt oder beides durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt. Damit hat jede Vierte Frau in Deutschland schon mal körperliche oder sexualisierte Gewalt erfahren.

Ursachen häuslicher Gewalt

Häusliche Gewalt ist ein Mittel, um Kontrolle über die Partnerin zu erlangen und den eigenen Willen sowie einen Machtanspruch durchzusetzen. Sie ist ein erlerntes, beabsichtigtes Verhalten und nicht die Konsequenz aus Stress, psychopathologischen Besonderheiten, Alkohol- und Drogenkonsum oder einer "schlecht laufenden" Beziehung. Studien zeigen, dass häusliche Gewalt häufig ausgelöst wird durch die Eifersucht und das Verlangen des Täters, die Frau zu besitzen; außerdem von dem Wunsch nach einwandfreien "Hausfrauendiensten" (wozu auch die sexuelle Verfügbarkeit der Frau zählt) und nicht zuletzt, um die männliche Überlegenheit zu demonstrieren.

Häusliche Gewalt kann daher als Konsequenz der strukturellen Ungleichheiten zwischen Mann und Frau verstanden werden. Diese wurzeln in patriarchalen Traditionen, die auch in heutigen - modernen - Gesellschaften noch immer wirken. Darin enthalten sind Männer- und Frauenbilder, die Männlichkeit als Macht, Stärke, Dominanz definieren und Weiblichkeit mit Duldsamkeit, Passivität, Unterlegenheit verbinden.

Auf der individuellen Ebene spielen Konfliktlösungsmuster und individuelle Erfahrungen eine ursächliche Rolle. Denn Gewalt wird gelernt. Wer in der eigenen Kindheit nur gewalttätiges Verhalten und Dominanz des Stärkeren erlebt hat, wird auch als Erwachsener sehr wahrscheinlich dieses Verhalten zeigen. Gewalttätiges Verhalten ist oft auch Ausdruck von Fehlentwicklungen und Traumatisierung in der Lebensgeschichte der Täter. Manche der misshandelnden Männer sind emotional von ihren Partnerinnen abhängig und besessen von der Angst, sie zu verlieren. Dies versuchen sie mit totaler Kontrolle, mit psychischer und physischer Gewalt zu verhindern. Dennoch kann die Verantwortung für die Gewalt nicht auf gesellschaftliche Gegebenheiten oder die individuelle Biographie abgewälzt werden.

Formen und Ausmaße

Häusliche Gewalt ist definiert als Gewalt zwischen Erwachsenen in der Familie oder Paarbeziehung. Sie umfasst körperliche, psychische, sexuelle, soziale und finanzielle Gewalt, die innerhalb einer Intim- oder Familienbeziehung ausgeübt wird und Kontrolle und Machtausübung zum Ziel hat. Sowohl Kriminalstatistiken als auch wissenschaftliche Studien zeigen, dass Häusliche Gewalt geschlechtsgebunden ist - in 81,9% der Fälle sind die Betroffenen weiblich. Es gibt verschiedene Ausprägungen der Gewalt:

  • Physische Gewalt: Ohrfeigen, Faustschläge, Tritte, Stöße, Würgen, Fesseln, Angriffe mit Waffen aller Art oder mit Gegenständen, Morddrohungen und Mord.
  • Psychische Gewalt: Drohungen, sich selbst, der Partnerin, den Kindern etwas anzutun. Drohen, die Kinder wegzunehmen. Beleidigungen, Demütigungen, Lächerlichmachen in der Öffentlichkeit.
  • Sexualisierte Gewalt: Nötigung, Vergewaltigung oder Zwangsprostitution.
  • Soziale Gewalt: Die Isolation des Opfers von Familie und Freundeskreis, die Kontrolle der Kontakte, Verbot von Kontakten, Einsperren.
  • Finanzielle Gewalt: Arbeitsverbote oder Arbeitszwang, alleiniger Kontrolle der Finanzen durch den Täter, also: Das Erzeugen von finanzieller Abhängigkeit.

Laut einer repräsentativen Studie des BMFSFJ haben rund 25% aller in Deutschland lebenden Frauen schon einmal Formen körperlicher oder sexueller Gewalt (oder beides) durch aktuelle oder frühere BeziehungspartnerInnen erlebt. Das ist, statistisch gesehen, jede vierte Frau. Jährlich werden in Deutschland etwa 60.000 Fälle häuslicher Gewalt der Polizei gemeldet. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen belegt, dass zwei Drittel der Gewalttaten gegen Frauen im sozialen Nahraum erfolgen.

Folgen

Die Folgen häuslicher Gewalt sind fatal. Sie sind sowohl akut als auch langfristig, und körperlicher und psychischer Natur. Neben den unmittelbaren physischen Verletzungen sind Betroffene häuslicher Gewalt langfristig traumatisiert.

Zudem ist häusliche Gewalt keine Privatangelegenheit ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Jährlich flüchten rund 40 000 Frauen und Kinder in eines der 360 Frauenhäuser bundesweit, deren Finanzierung bis heute nicht gesichert ist. Weitere Kosten entstehen durch Polizeieinsätze und Gerichtsverfahren, aber auch Arbeitsausfälle, ärztliche Behandlungen und psychologische Betreuungen.

Hier einige Zahlen zu den möglichen Folgen:

  • 64% der Frauen, die körperliche oder sexuelle Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erleben, werden durch diese Übergriffe körperlich verletzt.
  • Die Frauen, die über psychische Folgebeschwerden häuslicher Gewalt berichten, nennen im Durchschnitt drei bis vier unterschiedliche psychische Beschwerden, unter denen sie leiden.
  • Frauen, die körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt erlebt haben, zeigen einen deutlich höheren Alkohol-, Tabak- und/oder Medikamentenkonsum.
  • Frauen, die körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt erleiden mussten, müssen vier bis fünf Mal häufiger als andere Frauen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen.
  • 29% der Frauen, die einen Suizidversuch unternehmen, waren vorher Opfer von Gewalt geworden, 37% der Frauen mit Gewalterfahrungen leiden unter Depressionen, 46% unter Angst- und Panikattacken und 45% unter posttraumatischen Belastungsstörungen.
  • Eine repräsentative Studie des BMFSFJ zeigt, dass Frauen, die in der Herkunftsfamilie Gewalt erlebt haben, wesentlich häufiger Gewalt in späteren Beziehungen erleben. Jungen, die in gewaltaffinen Familien aufwachsen, haben ein größeres Risiko, später selbst zu Tätern zu werden.
  • 2011 wurden in Deutschland 313 Frauen ermordet, etwa die Hälfte von ihnen, 154 Frauen, hatten zum ermittelten Täter eine Vorbeziehung.

Quellen:

Literaturüberblick

BMFSFJ / Ursula Müller, Monika Schröttle (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Zusammenfassung zentraler Studienergebnisse, Bonn.

HAGEMANN-WHITE, Carol/ COUNCIL OF EUROPE (2006): Combating Violence Against Women. Stocktaking-Study On The Measures And Actions Taken In Council Of Europe Member States, Strasbourg.

SCHWEIKERT, Birgit (2000): Gewalt ist kein Schicksal. Ausgangsbedingungen, Praxis und Möglichkeiten einer rechtlichen Intervention bei Häuslicher Gewalt gegen Frauen unter besonderer Berücksichtigung von polizei- und zivilrechtlichen Befugnissen, Baden-Baden.

MASCHEWSKY-SCHNEIDER, Ulrike/ HELLBERND, Hildegard et al. (2004): Häusliche Gewalt gegen Frauen: Gesundheitliche Versorgung. Das S.I.G.N.A.L.- Interventionsprogramm. Handbuch für die Praxis, Wissenschaftlicher Bericht, Berlin.

MÜLLER-MÜNCHEN, Ingrid (2006): Er riss an mir und riss und riss, in: FR aktuell, 10.01.2006

UNFPA - United Nations Population Fund (2000): The State Of World Population - Lives together, Worlds apart. Men and Women in a Time of Change

WHO/ Hugh Waters et al. (2004): The Economic Dimensions Of Interpersonal Violence,Geneva.

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