Pakistan

Fallbeispiel

Razia (Name geändert) ist eine 19-jährige Pakistanerin aus Thatta, die im Alter von 12 Jahren verheiratet worden ist. Grund für ihre frühe Vermählung war das so genannte watta satta (zu Deutsch: Geben und Nehmen), ein Ritual, bei dem Bruder und Schwester in dieselbe Familie einheiraten. Der Bruder von Razia wollte eine Frau heiraten, dessen Familie im Gegenzug um die Hand von Razia für den eigenen Sohn anhielt. Das Einverständnis für diesen Brauttausch gaben die Eltern, die sich dadurch weniger finanzielle Probleme erhofften. Razia wurde nicht nach ihrer Meinung oder ihren Wünschen gefragt und musste die Schule, damals war sie in der dritten Klasse, abbrechen. Auch in der Familie des Bräutigams lebte Razia in bitterer Armut und musste trotz baldiger Schwangerschaft harte körperliche Arbeit verrichten. Folgen waren eine Frühgeburt des Kindes, das aufgrund von Unterernährung starb. Kurze Zeit später verstarb auch ihr Ehemann aufgrund eines Überfalls auf offener Straße. Daraufhin wurde Razia von ihren Schwiegereltern verstoßen und musste wieder zurück in ihr Elternhaus ziehen. Die Organisation Adolescent Friendly Centres (AFCs) wurde auf Razia aufmerksam und verhalf ihr durch Unterstützung, Bildung und Aufklärung zu einem neuen und selbstständigeren Leben. Durch ihr Engagement beim Early Childhood Care and Development (ECCD) versucht Razia heutzutage Millionen anderen Mädchen, die von Früh- und Zwangsehen betroffen sind, zu helfen.[i]

 

Statistik

  • Bevölkerung: 185 Millionen EinwohnerInnen[ii]
  • Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen(Wohlstandsindikator, der die Dimensionen Bildungsindex, Lebensstandard und -erwartung einbezieht): Platz 147 von insgesamt 187 [iii]
  • Bruttoinlandsprodukt: 269,9 Milliarden US$[iv]
  • 40% der Bevölkerung sind AnalphabetInnen[v]
  • 3% der Kinder heiraten im Alter bis 15 Jahren, 21% im Alter bis 18[vi]
  • schätzungsweise 1.000 „Ehren“-Morde pro Jahr[vii]

 

Landesüberblick

Pakistan, auch die Islamische Republik Pakistan, liegt in Südasien und wurde im Jahr 1956 für einen unabhängigen Staat erklärt. Neben dem Parlament hat zudem das Militär großen Einfluss auf die Politik. Der Islam ist als Staatsreligion in der Verfassung manifestiert, sodass 96% der Bevölkerung Muslime sind. Zu den religiösen Minderheiten zählen unter anderem ca. 2,8 Millionen Christen und 3 Millionen Hindus. Ihnen räumt die Verfassung zwar Rechte ein (wie z.B. durch den Christian Marriage Act aus dem Jahr1872[viii]), nichtsdestotrotz sind sie häufig Opfer von Diskriminierungen und Gewaltakten.

Laut dem Bericht Education for All Global Monitoring Report 2014 der UNESCO können nur 60% der Bevölkerung richtig lesen und schreiben, 47% davon sind Frauen. Zudem bleiben etwa 5,5 Millionen Kinder im Alter von fünf bis neun Jahren dem Schulunterricht fern. Pakistan hat somit eine der niedrigsten Einschulungs- und Alphabetisierungsquoten weltweit.[ix]

 

Vorkommen

In den ersten sechs Monaten des Jahres 2013 sind 506 Fälle von Frühehen und Zwangsverheiratung bei den pakistanischen Behörden eingegangen. Die Statistik Pakistan Demographic and Health Survey 2012-13 des National Institute of Population Studies Islamabad belegt, dass 44 von tausend Frauen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren Kinder bekommen, von denen allerdings nur 7% Zugang zu Verhütungsmitteln hatten. Eine von 89 Frauen stirbt bei der Geburt, darunter auch viele Minderjährige.[x] Schätzungen zufolge sind jährlich 100 – 700 Frauen christlichen und 300 Frauen hinduistischen Glaubens zwischen 12-25 Jahren von Zwangsehen und -konversion betroffen.[xi]

Die Meinungen der Frauen bzw. Mädchen werden bei der Beschließung einer Ehe nicht eingeholt oder schlichtweg ignoriert. Jegliche Auflehnung gegen das bestehende patriarchale System wird meist gewalttätig unterdrückt und führt im schlimmsten Fall zur Ermordung der Frau – auch „Ehren“-Mord genannt (siehe weiter unten). In Pakistan müssen Frauen bei der eigentlichen Hochzeitszeremonie nicht einmal anwesend seien. So genannte Handschuh-Ehen legitimieren Eheschließung in Abwesenheit der Ehepartner, sofern je ein Vertreter beider Parteien anwesend ist und der Ehe zustimmt, auch wenn sich die zu Vermählenden nicht einmal kennen.

Pakistan hat eine der höchsten „Ehren“-Mordraten weltweit. Jedes Jahr werden hunderte bis tausende Pakistanerinnen ermordet oder entstellt, weil sie mit ihrem Verhalten angeblich die Familienehre „beschmutzt“ haben.[xii] Für die meisten Morde wurden die Täter bis jetzt jedoch nicht zur Rechenschaft gezogen. In einigen Provinzen Pakistans muss die „verlorene“ Ehre des Mannes öffentlich wiederhergestellt werden, um einen noch größeren Ehrverlust zu vermeiden. Sollte sich der Mann dieser Aufgabe widersetzen, wird auch er als „ehrlos“ abgestempelt und von der Gesellschaft ausgegrenzt - auch Männer sind demnach von Gewalt im Namen der Ehre betroffen.[xiii] Die einzelnen Provinzen haben zudem auch eigene Bezeichnungen für die so genannten Ehrenmorde. In Sindh beispielsweise, wo 359 der insgesamt 869 „Ehren“-Morde im Jahr 2013 registriert worden sind[xiv], werden sie karo-kari genannt, was soviel wie „schwarze Frau“ und „schwarzer Mann“ bedeutet.[xv]

Die Zahl der registrierten „Ehren“-Morde für das Jahr 2015 liegt bei 1096, in der ersten Hälfte diesen Jahres waren es 300, obwohl eine sehr viel höhere Dunkelziffer zu vermuten ist.[xvi] [xvii] Diese Annahme bestätigt sich dadurch, dass die Pakistaner „Ehren“-Morde nicht als eine Angelegenheit des Staates ansehen, sondern als Familienangelegenheit, bei der es keiner Strafverfolgung bedarf.

 

Beweggründe

Neben dem oben genannten Brauch des watta satta (Brauttausch) ist es in Pakistan zudem möglich, eine langjährige Familienfehde durch Hochzeiten zu beenden. Dies geschieht durch die Einheiratung der Tochter der einen Familie in die des verfeindeten Stammes. Bei diesem Austausch, auch als swara bezeichnet, müssen die Mädchen trotz offizieller Beilegung des Konflikts der Schikane und Demütigung der vormals verfeindeten Familie erdulden.[xviii]

Abgesehen von den zahlreichen tradierten Bräuchen, die Frühehen begünstigen, gibt es individuelle Gründe dafür, warum Eltern ihre Kinder früh vermählen. Einerseits wird die Familie entlastet, da für ein Kind weniger gesorgt werden muss. Andererseits verdient sich die Familie mit dem Brautgeld etwas zum Unterhalt dazu. Zudem ist eine frühe Vermählung meistens eine Garantie für die „Reinheit“ und „Unberührtheit“ der Tochter. Die vielen vor allem gesundheitlichen Risiken der Mädchen, wie beispielsweise eine frühe Schwangerschaft, werden dabei allerdings ausgeblendet.

 

Gesetzliche Lage

Das Mindestheiratsalter liegt laut dem Child Marriage Restraint Act von 1929 für Jungen bei 18 Jahren, für Mädchen aber bei 16 Jahren. Trotz dieser gesetzlichen Regelung können Mädchen mit dem Einverständnis ihrer Eltern noch vor ihrem 16. Geburtstag heiraten, so dass immerhin 3% der Mädchen im Alter bis 15 Jahren vermählt werden.[xix]

Wie bereits erwähnt wurde, werden „Ehren“-Morde als Familienangelegenheit betrachtet. Zu einer Strafverfolgung kam es im Grunde kaum. Kam es bis vor Kurzem doch zu einer Verhandlung, bestand die Möglichkeit, den Täter freizusprechen, wenn die Familie des Opfers (die auch meist die Familie des Täters ist) ihm offiziell verzieh.[xx]

Das könnte sich jetzt jedoch ändern: Anfang Oktober diesen Jahres hat das pakistanische Parlament einstimmig ein Gesetz gegen „Ehren“-Morde verabschiedet. Damit wurde die Gesetzeslücke geschlossen, die es möglich gemacht hatte, dass Täter keinerlei Strafe für das Verbrechen verbüßen mussten. Das neue Gesetz sieht für Täter nun eine lebenslange Haftstrafe vor. Eine Vergebung sei jetzt nur noch möglich, wenn die Todesstrafe gegen den Täter verhängt wird. Dadurch könne er heute zwar der Todesstrafe entgehen, müsse aber dennoch eine mehrjährige Haftstrafe verbüßen. Unterschiedlichen Quellen zufolge beläuft sich die Strafe auf zwischen 12,5 bis 25 Jahre.[xxi] [xxii] [xxiii] Problematisch ist jedoch auch nach Erlass des neuen Gesetzes, dass die Entscheidung, ob es sich um einen „Ehren“-Mord handelt, im Ermessen des zuständigen Richters liegt.[xxiv]

Premierminister Nawaz Sharif sprach sich für den Erlass des neuen Gesetzes gegen „Ehren“-Morde aus und betonte, dass nichts Ehrenhaftes an einem „Ehren“-Mord sei. Außerdem werde sich die Regierung dafür einsetzen, dass das neue Gesetz auch tatsächlich durchgesetzt wird. [xxv]

Gleichzeitig wurde vom Parlament ein Gesetz gegen Vergewaltigung verabschiedet, das nun die Verwendung von DNA-Analysen als Beweismittel zulässt.[xxvi] Außerdem müssen Urteile innerhalb von drei Monaten gesprochen werden und im Falle einer Verurteilung belaufe sich die Haftstrafe auf 25 Jahre. [xxvii]

 

Interventionsbeispiele

  • Anfang des Jahres 2013 wurde der Gesetzesentwurf Child Marriage Restraint (Amendment) Bill in Khyber Pakhtunkhwa vorgestellt, wodurch das Mindestheiratsalter von Mädchen auf 18 Jahre erhöht werden sollte. Allerdings wurde dieser von der Mehrheit der Stimmen abgelehnt.[xxviii]
  • Die Organisationen Human Healing International und Hope Development Organziation starteten gemeinsam eine große Kampagne gegen „Ehren“-Morde. Neben einer Unterschriftenaktion und dem Erbau eines Frauenhauses (House of Hope) wurden insgesamt 500 Frauen ausgebildet (auch: Women Community Agents), um bedrohte Frauen auf kommunaler Ebene psychologischen und vor allem juristischen Beistand zu leisten.[xxix]

 

Stand: 12/2016

 

Quellen: