Niger

Fallbeispiel (Quelle)

Die Kindheit war ihr plötzlich genommen, als Hadjo Garbo aus Niger schon mit 13 Jahren mit einem älteren Mann verheiratet wurde. Statt in die Schule zu gehen, wurde sie nach kurzer Zeit schwanger. Wie bei vielen Mädchen in Niger war die Geburt für ihren unausgereiften Körper aber zu viel und es kam nach drei Tagen Geburtswehen zu einer Stillgeburt und Geburtsfisteln, die psychische und körperliche Schäden hinterlassen haben. Schlussendlich hat ihr Mann sie deswegen verbannt und Hadjo musste sich wegen dieser Schande vor der Familie und Freunden zurückziehen. So eine Geschichte ist nicht ungewöhnlich in Niger, in dem Land mit der höchsten Rate von Frühehen auf der Welt.

Statistik

  • Bevölkerung: ca. 17 Millionen
  • UNDP Human Development Index: 187 von 187 Ländern
  • Über 80 % der Frauen sind noch Analphabetinnen
  • Alle zwei Stunden stirbt eine Frau bei der Geburt
  • 75% der Mädchen werden vor 18 Jahren verheiratet

Landesüberblick

Frühehen kommen im west-afrikanischen Land im Rahmen von sehr schwerer Armut vor. Niger steht auf dem letzen Platz von 187 Ländern im UNDP Human Development Index. Stets durch Dürren gefährdet und mit nur 3 % fruchtbarem Land muss das auch politisch instabile Land hartnäckig ums Überleben bei Nahrungsmittelkrisen kämpfen. Dazu wächst die Bevölkerung, die schon bei 17 Millionen Menschen liegt, wie kein anderes Land auf der Erde: pro Frau kommen etwa 7 Kinder zur Welt.  

Vorkommen

In Niger werden 75% der Mädchen vor der Volljährigkeit verheiratet und ein Drittel schon vor dem 15. Lebensjahr. Es sind die Mädchen aus ländlichen armen Gebieten mit niedriger Bildung, bei denen das größte Risiko besteht. Oft werden die Mädchen von den Eltern oder anderen Familienangehörigen den Männern gegen einen Brautpreis versprochen. Die Männer sind im Durchschnitt 10 Jahre älter, oft sogar noch mehr. Frühehen in Niger sind auch mit Polygamie und Sklaverei verbunden. Polygamie ist in Niger üblich und trägt daher viel zu der hohen Rate von Frühehen bei. Manche Mädchen müssen die noch schlimmere Sklaverei erleiden. Reiche Männer kaufen oft zusätzliche Frauen als Sklavinnen oder „wahaya“ (PDF-Datei)

Die Frühehe hat gravierende Folgen für das weitere Leben der Mädchen in Niger. Viele Mädchen sterben bei der Geburt oder leiden jahrelang unter Gesundheitsproblemen. Minderjährige Frauen in Niger sind auch sehr häufig von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffen.

Die Eheschließung bedeutet in der Regel auch, dass Mädchen nie eine Chance auf Bildung haben werden.

Beweggründe

Das hohe Vorkommen in Niger entsteht aus einer Mischung von schwerer Armut und traditionellen Weltvorstellungen, die Ehe als Absicherung der Ehre und Frauen vor allem als Gebärende betrachten. Obwohl ein Brautpreis für das Mädchen bezahlt wird, ist es oft eher die finanzielle Entlastung, die Mädchen nicht mehr ernähren zu müssen, die eine langfristige Rolle spielt. Der Islam, die Religion von 98% der Bevölkerung, wird oft benutzt, die traditionelle Sitte zu rechtfertigen. Auch weil es oft noch geringe Bildungsmöglichkeiten für Mädchen gibt, halten die Eltern die Ehe für einen Schutz vor außerehelicher Schwangerschaft, die auch oft wegen Vergewaltigung vorkommt, wenn die Mädchen nicht zur Schule gehen.

Gesetzliche Lage

Nach dem Zivilrecht ist 15 das Mindestheiratsalter für Mädchen. In Niger sieht die Lage aber ziemlich verwirrend aus, da es noch Scharia und Gewohnheitsrecht gibt, die kleine klare Altersgrenze vorschreiben. Obwohl „wahaya“ seit 2003 verboten ist, kommt es immer noch vor. In 2008 hat das Gericht von der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) festgelegt, dass die Sitte gegen das eigene Strafrecht und internationales Recht verstößt, und dass der Staat den Schutz des betroffenen Mädchens vernachlässigt hat. Auch beim Scheidungsrecht  (PDF-Datei) spielt das Gewohnheitsrecht eine diskriminierende Rolle: der Mann darf sich einseitig ohne Registrierung scheiden lassen, wobei die Frau auch kein Sorgerecht für die Kinder bekommt. Die Frau muss aber, wenn sie sich scheiden lassen möchte, vor dem Gericht eine Genehmigung erhalten.

Auf der internationalen Ebene hat Niger das afrikanische MAPUTO Protocol zu Frauenrechten, in dem Kinderheirat verboten ist, noch nicht ratifiziert. Bezüglich der Auswirkungen vom Gewohnheitsrecht auf Frauenrechte hat Niger auch noch Vorbehalte zur UN Frauenrechtskonvention CEDAW.

Interventionsbeispiele

Niger braucht dringend Hilfe in allen Entwicklungsbereichen, um das Leben der Bevölkerung  zu verbessern. Es haben sich schon einige spezifische Initiativen gegen Kinderheirat und dessen Folgen gebildet:

Quellen

http://www.girlsnotbrides.org/child-marriage/niger/
http://www.girlsnotbrides.org/wp-content/uploads/2013/10/Ford-Foundation-CM-West-Africa-2013_09.pdf
http://www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de/2014/01/die-fuenfte-frau-das-wahaya-system-im-heutigen-niger/
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/soziales/psfra511.html
http://www.irinnews.org/report/75720/niger-rape-and-beatings-of-women-seen-as-normal
http://www.refworld.org/pdfid/4d9ea2122.pdf
http://www.unicef.org/publications/files/Early_Marriage_12.lo.pdf

Abd-el Kader Boye, Kathleen Hill, Stephen Isaacs and Deborah Gordis „Marriage Law and Practice in the Sahel“ (1991) 22(6) Studies in Family Planning 343.