„Mädchen- und Frauenleben schützen. Jetzt!“ Stellungnahme zur Lage der Mädchen und Frauen in Afghanistan

Wir sind schockiert über die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan. Wir fürchten um das selbstbestimmte Leben aller Frauen und Mädchen unter der islamistischen Terrorherrschaft.

TERRE DES FEMMES steht täglich mit gefährdeten Frauen in Afghanistan in Kontakt und arbeitet mit Hochdruck daran, alle MitarbeiterInnen unserer Partnerorganisation außer Landes in Sicherheit zu bringen.
Die 16 Frauen und zwei Männer haben die Bildungsarbeit für Frauen in Herat eingestellt und sind in Nachbarländer geflüchtet oder haben sich in der Hoffnung auf internationale Hilfe auf den gefährlichen Weg nach Kabul gemacht. Wir sind sehr besorgt.

Es ist durchschaubar, dass es sich bei den öffentlichen Verlautbarungen der vermeintlichen Mäßigung um strategische PR-Botschaften der Taliban handelt. Ziel ist es, den eigenen Rückhalt in der afghanischen Bevölkerung auszuweiten sowie die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft zu gewinnen und dadurch die humanitäre-, Wirtschafts- und Finanzierungslage in Afghanistan zu stabilisieren. Noch während sich die alliierten Streitkräfte auf afghanischem Boden befanden und in Kabul Evakuierungsflüge durchführten, brachen die Taliban mit ihrer Mär von der Modernisierung der Gotteskrieger.

Wie die betroffenen Frauen vor Ort, gehen auch wir davon aus, dass Frauen in Afghanistan unter der Herrschaft der Islamisten zukünftig landesweit keinen Zugang zu Bildung, Berufen ihrer Wahl, wirtschaftlicher Unabhängigkeit und politischer Mitbestimmung haben werden. Frauen werden wieder nur mit Tschador oder Burka und im schlimmsten Fall nur in männlicher Begleitung das Haus verlassen dürfen. Früh- und Zwangsverheiratung von Frauen werden wieder Einzug halten ebenso wie andere Rechtsverletzungen gegenüber Frauen durch die ausschließliche Anwendung und Auslegung der Scharia. Völlig unabsehbar ist, wie die Taliban mit Frauen verfahren werden, die öffentlich für ihre eigenen und die Rechte anderer Frauen eingetreten sind. Das Gleiche gilt für Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Sportlerinnen, die LGBTIQ-Community und Angehörige ethnischer Minderheiten.

Die Frauen, mit denen wir in Kontakt stehen, haben große Angst und schlimme Befürchtungen. Es besteht keinerlei Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Taliban, die Enttäuschung über die internationale Gemeinschaft ist groß. Es ist bereits zu beobachten, dass internationale Hilfsorganisationen vor Ort die sichtbare Arbeit ihrer Mitarbeiterinnen einstellen oder diese ganz entlassen, um weiterhin Verhandlungspartner für die misogynen Taliban zu bleiben.

Nach dem Ende der Luftbrücke wollen wir nicht die in Afghanistan zurückbleibenden Mädchen und Frauen ihrem Schicksal überlassen. Wir wollen nicht die hehren Pläne und Verbesserungen der vergangen 20 Jahre in den Wind schlagen. Wir wollen nicht, dass Frauen Unterdrückung, Zwangsverheiratung, sexueller Gewalt und schlimmstenfalls wieder öffentlichen Hinrichtungen ausgesetzt sind.

Diejenigen Frauen, die in den vergangenen Jahren zivilgesellschaftlich engagiert waren und für Frauen- und Mädchenrechte, für ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben frei von Gewalt gekämpft haben, sind besonders gefährdet.

Deshalb fordern wir von der Bundesregierung und der internationalen Gemeinschaft jetzt:

 - Weiterhin für die unverzügliche Evakuierung akut gefährdeter Frauen zu sorgen, die aufgrund ihrer Arbeit, ihres gesellschaftlichen Engagements, ihres Bekanntheitsgrads oder ihrer Lebensweise in Lebensgefahr schweben, wie Menschenrechtsaktivistinnen, Politikerinnen, Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Repräsentantinnen von ethnischen Minderheiten und der LGBTIQ-Community, unter Ausschöpfung aller Ressourcen und Möglichkeiten

 - Aufnahmegarantie für akut gefährdete Frauen durch Anrainerstaaten und Schaffung international abgesicherter Fluchtwege, die Frauen auf dem Luft- oder Landweg die Flucht aus Afghanistan ermöglichen

 - Unbedingte Sicherstellung des Zugangs aller afghanischer Mädchen und Frauen zu ihren Grundrechten, insbesondere zu ihren Grundrechten auf Bildung, Teilhabe und Gleichheit vor dem Gesetz

 - Unbedingte Sicherstellung des gleichberechtigten Zugangs afghanischer Mädchen und Frauen zu humanitären Hilfs- und Versorgungsleistungen

 - Ermöglichung der Fortführung laufender oder der Initiierung neuer zivilgesellschaftlicher Projekte der humanitären Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit durch, mit und für afghanische Mädchen und Frauen

 - Einhaltung frauenrechtlicher Standards bei humanitären und entwicklungsbezogen Organisationen vor Ort – kein Einknicken vor den frauenverachtenden Islamisten!

 - Schaffung einer internationalen, unabhängigen Menschenrechtskommission zur Überwachung der Einhaltung der Frauen- und Menschenrechte sowie der Verfolgung und Bestrafung von Gewalt an Frauen in Afghanistan

Wir fordern die deutsche Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft nachdrücklich dazu auf, die Führung der Taliban (Islamisches Emirat Afghanistan) nicht als Regierung anzuerkennen sowie von jedweder monetären und nicht-monetären Unterstützung der Taliban abzusehen. Die radikalislamische, zutiefst frauenfeindliche ideologische Ausrichtung der Taliban ist nicht mit den internationalen Menschenrechten sowie den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und der Gleichberechtigung der Geschlechter vereinbar. Dies muss klar kommuniziert und danach muss konsequent politisch gehandelt werden.

Wir fordern außerdem angesichts der bereits stattfindenden Verhandlungen die Priorisierung der Sicherheit, Einhaltung der Menschenrechte und vollständigen politischen wie gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen sowie wirksame Konsequenzen bei Nichteinhaltung verhandelter Vereinbarungen!

Stand: 01.09.2021