90 - Alltagskultur?

Eine Rape Culture ruft nicht offen zu sexualisierter Gewalt auf. Sie wirkt implizit über Stereotype und kulturelle Praktiken, die sexualisierte Gewalt normalisieren.

Eine Rape Culture mahnt Frauen, gesunden Menschenverstand zu lernen, verantwortungsvoller zu sein, nicht nachts alleine um die Häuser zu ziehen, sich der Risiken in Bars bewusst zu sein, diese Orte zu meiden oder sich nicht auf diese Art zu kleiden, anstatt von Männern zu fordern, Frauen nicht zu vergewaltigen. Sie ermutigt Frauen, Selbstverteidigungskurse zu besuchen, als wäre nur das nötig, um Vergewaltigungen zu unterbinden. Eine Rape Culture ist die Vorstellung, dass Prostituierte nicht vergewaltigt werden können, die Behauptung, dass Vergewaltigung nicht in der Ehe stattfinden könnte; oder dass nur junge, hübsche oder nette Mädchen vergewaltigt werden würden. Eine Rape Culture ist ein Gerichtsurteil, das bestätigt, dass Frauen nach Beginn des Sex ihre Einwilligung nicht mehr zurückziehen können. Sie ist die allgegenwärtige Warnung vor falschen Beschuldigungen, die Behauptungen, dass Frauen einfach so Vergewaltigungsvorwürfe machen, obwohl tatsächlich 61 % der Vergewaltigungen ungemeldet bleiben (Doyle 2019) und Statistiken zeigen, dass nur ein minimaler Anteil der tatsächlich vorgebrachten Anzeigen Falschmeldungen sind.

Laut einer EU-Studie im Auftrag von Daphne und der Child and Woman Abuse Studies Unit bewegt sich der Anteil von Falschbeschuldigungen bei Vergewaltigungsdelikten zwischen 1-9 %. Die Untersuchung besteht aus zwei Teilstudien, wobei sich ein Teil auf die Statistiken der 33 beteiligten europäischen Länder konzentriert. Dieser Teil beachtet die Meldung, Strafverfolgung und Verurteilung von Vergewaltigungen. Für den zweiten Teil wurden in 11 ausgewählten Ländern je 100 Akten von Vergewaltigungsfällen untersucht, u.a. in Deutschland.

Statistisch ist es - mit Blick auf das Hellfeld - übrigens so, dass Männer häufiger selbst von sexuellen Übergriffen betroffen sind, als dass sie fälschlicherweise eines sexuellen Übergriffs beschuldigt werden (SWR3 2021).

Eine Rape Culture sind Krankenhäuser, die keine Beweise sichern, zweifelnde Strafverfolgungsbehörden, voreingenommene und feindselige Geschworene oder Richterinnen, unmotivierte und unvorbereitete Staatsanwältinnen, sowie zu seltene und unzureichende Strafen für Tatpersonen. Eine Rape Culture ist das Schweigen zum Thema sexualisierte Gewalt, sowohl im nationalen Diskurs als auch bei Betroffenen zu Hause. Sie suggeriert auch, dass Betroffene sich für eine Vergewaltigung schämen müssten. Eine Rape Culture ist die Behandlung von weiblichen Körpern wie öffentliches Eigentum, Belästigung auf offener Straße und Angrabschen in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Das Benennen von sexualisierter Gewalt ist in einer Rape Culture ein Tabu. Damit Betroffene darüber schweigen, wird ihnen suggeriert, selbst schuld zu sein. Hättest du dich nicht so oder so verhalten, wäre dir das nicht passiert. U.a. aufgrund von bestimmter Kleidung wird Frauen immer wieder eine Mitschuld an Vergewaltigungen zugeschrieben. Als ob ein sexueller Übergriff oder eine Vergewaltigung dann (z.B. wenn die Betroffene am Tattag einen kurzen Rock trug) gerechtfertigt wäre! Das ist grundlegend falsch, denn NICHTS rechtfertigt sexualisierte Gewalt. Die Entscheidung, Gewalt auszuüben, hat allein die Tatperson getroffen, und nur sie trägt dafür auch die Verantwortung.

Auch Vergewaltigungsmythen wie Frauen meinen eigentlich ‚Ja‘, wenn sie ‚Nein‘ sagen, sollen Gewalt rechtfertigen und die Glaubwürdigkeit der Betroffenen senken. Sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen werden in der Folge z.B. oft geleugnet, nicht ernst genommen, ignoriert, bagatellisiert, normalisiert oder durch Witze lächerlich gemacht. Bei der Aktion #ichhabnichtangezeigt in Deutschland aus dem Jahr 2012 waren Betroffene aufgerufen, zu erzählen, warum sie sexualisierte Gewalt nicht angezeigt hatten. Innerhalb von sechs Wochen teilten 1.105 Betroffene ihre Erfahrungen. Der am häufigsten genannte Grund für eine Nichtanzeige war die Verantwortung für den Schutz und den Fortbestand von Familie, Freundeskreis, Arbeitsplatz und anderer wichtiger sozialer Gefüge. Dabei sollten es gerade soziale Gefüge sein, die Menschen schützen und in denen sie sich sicher fühlen können!