88 - Falscher Kontext

Alle 3 Tage stirbt in Deutschland eine Frau durch Paargewalt. Das sind jährlich mehr als 100 Frauen (BKA 2020). Trotzdem sieht jede Siebte in der EU häusliche Gewalt als Privatsache an. Jede Fünfte greift nicht ein, wenn sie davon erfährt – u.a. aus Beweismangel oder um Ärger zu vermeiden. Nur 12 % rufen die Polizei (FRA 2014). Aber: häusliche Gewalt ist keine Privatsache! Ihr zugrunde liegt ein schädliches Verständnis von Männlich- und Weiblichkeit sowie eine gesellschaftliche Sozialisation, die Gewalt häufig noch immer als zentralen Teil des Mannseins akzeptiert.

Damit sich wirklich etwas ändert, müssen Männer Teil des Diskurses sein – nicht, weil alle Männer Gewalt ausüben, sondern weil alle Männer Verantwortung tragen für ein gerechtes Miteinander der Geschlechter. In einem Interview mit BR 24 Wissen erklärte die Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle, dass häusliche Gewalt vor allem mit patriarchalen Denkmustern zusammenhänge. Manche Männer betrachten Frauen als etwas, das ihnen gehört – als Bestätigung ihres Egos und ihrer männlichen Identität. Wenn die Frau sie dann verlassen will, werten diese Männer das als Kontrollverlust und haben das Gefühl, dass ihnen ihr rechtmäßiger Besitz weggenommen wird. Oft wird sogar noch Verständnis gezeigt, wenn Männer bei Machtverlust besitzergreifend und gewalttätig werden. Dabei wird häusliche Gewalt fast nie im Affekt verübt, sondern in vielen Fällen geplant und oft auch gegenüber Dritten angekündigt. In Gerichtsverhandlungen wird dennoch geprüft, ob kurz vor der Tat eine Trennung stattgefunden hat oder die Tatperson sich von der Betroffenen gekränkt fühlte. Ist das der Fall, werden oft mildernde Umstände angeführt. Umgekehrt ließen sich Gewalt und Tötungen aus Eifersucht oder dem Drang nach Kontrolle über die Partnerin aber auch als besonders niederes Motiv werten. Unsere kulturellen Vorstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit und Geschlechterhierarchien führen jedoch dazu, dass wir im Fall von Macht- und Kontrollverlust eher mit der Tatperson fühlen.

Auch auf staatlicher Ebene manifestiert sich laut Monika Schröttle häufig patriarchales Denken: oft sei bereits bekannt, dass von einem Mann Gefahr ausgehe, die Behörden leiteten aber dennoch nicht sofortige Schutzmaßnahmen ein oder ordneten ein verpflichtendes Anti-Gewalt-Training an. Auch fehle es immer noch an Angeboten in diesem Bereich. Aus diesem Grund setze sich die Gewalt oft fort, bis noch Schlimmeres passiere. Außerdem bekämen viele Betroffene nicht zeitnah einen Platz im Frauenhaus.