85 - Schweigen ist (kein) Gold

2019 wurden in Deutschland 69.881 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verübt, 8.541 davon Vergewaltigungen (BKA 2020). Aber: das Dunkelfeld gilt als weitaus größer, denn nur 5 % bis 15 % der Betroffenen zeigen die Taten an. Als Hauptgrund, warum Frauen sexualisierte Gewalt so selten anzeigen, wird in Deutschland v.a. die emotionale Belastung durch Scham und vermeintliche (Mit)schuld genannt, gefolgt von Angst, den abwehrenden und ungläubigen Reaktionen des Umfelds, mangelndem Vertrauen in Behörden, Polizei und Justiz sowie die eigene Erziehung. Scham und die Befürchtung, eine (Mit)schuld an der Tat gehabt haben zu können - oft bedingt durch den gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt in patriarchalen Systemen, z.B. im Kontext von Victim Blaming - stellt das größte Hemmnis dar. Es kostet viel Kraft, mit fremden Menschen über Erlebtes zu sprechen, für das man sich schämt. Insbesondere, wenn es mit der eigenen Sexualität zusammenhängt und die Befürchtung besteht, dass man evtl. etwas falsch gemacht haben könnte, z.B. aufgrund von anfänglichem Flirten, Kleidung, Alkoholkonsum oder nicht ausreichender Gegenwehr. Betroffene von sexualisierter Gewalt erleben sich während der Tat oft in einem Zustand äußerster Ohnmacht, Hilflosigkeit und Demütigung. Meist fühlen sie sich noch lange Zeit danach macht- und wertlos, zerstört oder sogar verrückt. Der Kraftaufwand für wiederholte Befragungen, gerichtsmedizinische Untersuchungen oder gar einen Gerichtsprozess kann in einer solchen Situation als überfordernd empfunden werden.

Weitere Gründe kommen teils in Deutschland, noch stärker aber in anderen Ländern, z.B. auf dem lateinamerikanischen Kontinent, hinzu: häufig fürchten Betroffene Rache- oder Vergeltungsakte der Tatpersonen gegenüber ihrer Person, ihren Kindern oder anderen Angehörigen. Auch wissen viele Frauen nicht, dass sie die erlittene Gewalt überhaupt anzeigen können, geschweige denn, wo und wie; oder sie haben keinen Zugang zu Behörden, weil sie z.B. weit von der nächsten Stadt entfernt wohnen, kein Geld für den Transport dorthin haben oder ausschließlich eine indigene Sprache sprechen.

Sehr viele Frauen gerade in ausgeprägt machistischen Kontexten, in denen Gewalt gegen Frauen gesellschaftlich stark akzeptiert oder zumindest toleriert wird, halten ihre eigene Gewalterfahrung außerdem für so alltäglich und normal, dass sie es weder als relevant noch erfolgsversprechend beurteilen, ihren Fall zur Anzeige zu bringen. Das Vertrauen in die Schutzfunktion und Reaktionsbereitschaft der Behörden ist meist ausgesprochen gering, Schuldzuweisungen oder Retraumatisierungen bei Befragungen, Ermittlungen oder vor Gericht sind gängig.

Forschungsergebnisse zeigen, dass die Anzeigebereitschaft mit den Merkmalen der Tat und Tatumstände, deren Bewertung durch die Betroffenen sowie dem Handeln des privaten und professionellen Umfelds zusammenhängt und somit beeinflussbar ist. So steigt die Anzeigebereitschaft etwa, wenn Tatperson und Betroffene sich nicht kennen sowie mit der Schwere der Verletzung. Sie nimmt auch dann zu, wenn Betroffene Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit haben, sich nach der Tat rasch jemandem anvertrauen und Unterstützung vermittelt werden kann (Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg 2015).

Fehlendes Vertrauen in Polizei und Justiz liegt u.a. darin begründet, dass die Verurteilungsrate von sexualisierter Gewalt in Deutschland sehr gering ist. Zwar ist die Zahl der Ermittlungsverfahren von 2015 bis 2019 von 50.000 auf 82.000 gestiegen, die der Verurteilungen aber nicht: 2019 wurden 66 % alle Verfahren eingestellt, nur 20 % endeten mit einer Verurteilung (rbb24 2020). Die meisten Beschuldigten mussten sich nicht verantworten! Organisationen der Betroffenenhilfe sehen Defizite im Strafverfolgungsapparat als ursächlich für die ernüchternde Verurteilungsrate: es gebe nicht ausreichend qualifizierte, zuweilen unsensible Polizistinnen und Staatsanwältinnen, deren Interesse an einer effizienten Strafverfolgung nicht immer ausgeprägt sei. Oft bringe ein kontinuierlich wachsendes Arbeitsaufkommen für viele Beamtinnen eine Überlastung mit sich. Kriminologinnen bemängeln, dass die große Mehrzahl der Tatpersonen sich unantastbar erlebe, da sie weder angeklagt noch verurteilt würden. Sexualstraftaten werden meist nicht von Unbekannten begangen, sondern erfolgen in der Mehrzahl in der Familie oder im Bekanntenkreis. In vielen Fällen gibt es weder gerichtlich verwertbare Beweismittel noch Zeuginnen. Steht aber Aussage gegen Aussage steht, gilt die Unschuldsvermutung. Ermittlerinnen müssen Betroffene in solchen Fällen so befragen, als ob diese lügen würden (Unwahrheitshypothese). Das erzeugt Stress und das Risiko einer Retraumatisierung.

Polizei und Justiz müssten besser geschult werden, Betroffene psychosoziale Prozessbegleitung erhalten, Videovernehmungen quälende Mehrfachbefragungen verhindern und sexualisierte Gewalt konsequent geächtet werden. Letztlich braucht es ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein für sexualisierte Gewalt und frühe sexuelle Aufklärung, u.a. zu Themen wie Konsens, Flirten oder Verständnis von Körpersprache.