84 - Wessen Problem?

Bei Ablehnung: Wie lautet eure These?

Die Istanbul-Konvention gilt als Meilenstein für die Rechte von Frauen in Europa: Häusliche Gewalt wird erstmals in allen Dimensionen und als strukturelles Gesellschaftsproblem anstatt als persönliche oder familiäre Schwierigkeit benannt. Seit dem Inkrafttreten 2018 muss Deutschland Gewalt an Frauen per Gesetz und faktisch verhindern, verfolgen und beseitigen. Aber: Gleichstellung und Aufklärung über Gewalt an Frauen sind immer noch kein Teil der Lehrpläne und Schutzunterkünfte nicht verlässlich finanziert (djb 2020). Im Corona-Jahr 2020 stieg häusliche Gewalt in 14 von 16 Bundesländern, um bis zu 23,7 % (WamS 2021). Häusliche Gewalt wurde und wird vor diesem Hintergrund auch als Schattenpandemie bezeichnet. Frauen blieben zudem noch öfter für Home-Schooling und Care-Arbeit zu Hause.

Auch weltweit bleibt noch sehr viel zu tun. Eine Weltbank-Studie von 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass über eine Million Frauen gesetzlich nicht vor sexualisierter Gewalt geschützt sind. Jede 3. Frau weltweit ist von häuslicher Gewalt betroffen. 25.000 Frauen fallen jedes Jahr allein in Indien Mitgift-Morden zum Opfer. Zum Teil werden sie bei lebendigem Leib verbrannt. In infrastrukturell schwachen Ländern wie z.B. in Ghana müssen vergewaltigte Frauen in ländlichen Regionen tagelang auf einen Bus warten, um sich untersuchen lassen und die Tatperson ggf. anzeigen zu können. Auch das Geld für die Aufnahme eines Gerichtsprozesses haben die Wenigsten. Nach einer Vergewaltigung gelten Frauen in vielen Ländern immer noch als beschmutzt oder Schänderinnen der vermeintlichen Familienehre - aus diesen Gründen können sie vom Ehepartner, ihrer Herkunfts- oder Schwiegerfamilie verstoßen werden. Die meisten Menschen denken, dass die Sklaverei bereits vor langer Zeit abgeschafft worden sei. Leider besteht sie jedoch fort und ist in etlichen Regionen der Welt weiterverbreitet als vor Jahrhunderten. Betroffen sind v.a. Frauen und Mädchen, meist im Kontext der sexuellen Ausbeutung.

Frauen haben weltweit stark aufgeholt bei ihrer Schul- und Berufsbildung bzw. der Qualität ihrer Bildungsabschlüsse, nach der Geburt des ersten Kindes setzt aber sehr häufig eine Retraditionalisierung der Geschlechterrollen ein - so auch in Deutschland. Fehlende Kitaplätze, unflexible Arbeitsmodelle und Rollenstereotype zu Ungunsten der Frauen verhindern eine gleichberechtigte Teilhabe am Erwerbsleben und eine faire Verteilung der unbezahlten Haushalts- und Care-Arbeit. Auch heute ist die Mehrheit der Frauen weltweit finanziell von Männern abhängig. Frauen verfügen im weltweiten Durchschnitt nur über 19 % des Grundbesitzes. Nur 19 Regierungschefinnen von insgesamt 193 Staaten weltweit sind Frauen.

Um die Gleichstellung der Geschlechter weltweit zu beschleunigen und dabei insbesondere Männer in die Verantwortung zu nehmen, hat UN Women die Solidaritätskampagne HeForShe gestartet. Ihr Ziel ist es, Männer und Jungen als Unterstützer für einen Wandel zur Verwirklichung von Geschlechtergerechtigkeit zu gewinnen, sie zu ermutigen, für mehr Frauenrechte zu kämpfen, und aktiv gegen Ungleichheiten vorzugehen. Dahinter stehen zwei Grundgedanken:

  1. Es ist nur fair, dass alle Menschen die gleichen Verwirklichungschancen haben.
  2. Wir haben alle etwas davon, wenn wir wir selbst sein können, anstatt in ein starres Korsett von geschlechterspezifischen Erwartungen gezwängt zu werden.