65 - Selbstbestimmung

Bei Ablehnung: Wie müsste eure These lauten?

Aus Sicht von TERRE DES FEMMES geht es bei Prostitution nur um die sexuellen Wünsche der Sexkaufenden, nicht um die der Frau, die sich prostituiert. Die meisten Prostituierten empfinden ihre Tätigkeit nicht als Sex, sondern als Missbrauch. Sie versetzen sich dabei in einen Zustand, der ihre Empfindungen von dem Geschehen abkoppelt, um es ertragen zu können (Dissoziation). Dieses mentale Abspalten wird zunächst bewusst angewendet, um sich zu schützen, es kann jedoch zu langfristigen psychischen Problemen führen und das Verhältnis zum eigenen Körper und zur eigenen Sexualität beeinträchtigen (Farley 2003). Prostitution führt häufig zu zahlreichen, teils chronischen körperlichen Beschwerden und zu einem massiven Gebrauch von Alkohol, Drogen oder Psychopharmaka, um den Prostitutionsalltag ertragen zu können (u.a. Heide 2016). Dazu kommen psychische Probleme: Depressionen, Burnout und Traumata (Gugel 2010). Bestehende Traumata aus der Vergangenheit – ein Großteil der Prostituierten hat schon als Kind oder Jugendliche Misshandlungen und sexuelle Gewalt erlebt (u.a. Farley 2003) – werden bei der Prostitution wiederholt reinszeniert (wiedererlebt) und verstärkt (u.a. Besser 2010).

Der Alltag in der Prostitution ist für die meisten Frauen traumatisch.

Laut einer Studie der Fondation Scelles (2016) über die Lage von Prostituierten in 38 Ländern, u.a. in Deutschland, sind die Frauen und Mädchen in der Prostitution oft Angehörige von Minderheiten, Geflüchtete ohne Aufenthaltstitel oder Betroffene von sexualisierter Gewalt sowie drogen- und alkoholabhängig – also besonders verletzlich. 85 % bis 95 % dieser Frauen würden gerne aussteigen; 68 % leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Sterberate in der Prostitution liegt 10- bis 40-mal über dem Durchschnitt (EFL 2014). Es mag vereinzelt Ausnahmen geben und doch legt der Bericht offen, dass Prostitution kein Beruf wie jeder andere ist oder zu sexueller Freiheit und Selbstbestimmung der Frau führt. Es ist ein Menschenrecht, frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt über die eigene Sexualität zu bestimmen. Dieses Recht wird durch Prostitution nicht gefördert, sondern verhindert.

Lageberichten von Bundeskriminalamt und Europol zufolge ist Deutschland in den letzten 20 Jahren zu einer Drehscheibe für den internationalen Frauenhandel, die Zwangsprostitution in Europa und den Sextourismus aus Nachbarländern geworden. Eine Studie des Alfred-Weber-Instituts für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg von 2013 bestätigt, dass Menschenhandel in Ländern ohne gesetzliches Prostitutionsverbot in erheblich größerem Umfang erfasst wird als in Staaten, die Prostitution gesetzlich verboten haben. Es wird oft angenommen, dass legaler käuflicher Sex den Menschenhandel reduzieren könnte, da dann mehr legal in einem Land lebende Prostituierte zur Verfügung stehen. Unsere Studie deutet jedoch auf das Gegenteil, erläutert Prof. Dr. Axel Dreher von der Universität Heidelberg. Die Gewerkschaft Verdi schätzt, dass 14,5 Milliarden Euro jährlich im Rotlichtgewerbe in Deutschland umgesetzt werden.