45 - Keine Frage der Ehre

1. B ist richtig (BKA 2011). Gewalt im Namen der Ehre wird zur Erhaltung oder Wiederherstellung der sogenannten Familienehre eingesetzt. Die meisten Betroffenen von Ehrenmorden sind jung, konkret zwischen 18 und 29 Jahren alt, 7 % sogar noch minderjährig. Als zentrales Motiv gilt die Unterwerfung der weiblichen Sexualität und Selbstbestimmung. Lebt eine Frau in bestimmten Kontexten nach ihren eigenen Vorstellungen, sehen sich ihre männlichen Verwandten in ihrer Vormachtstellung gefährdet und haben Angst, die Kontrolle zu verlieren. Die Wahl eines passenden Ehemanns etwa wird als Recht und Aufgabe der Familie betrachtet. Auch vermeintliche Untreue oder Trennungsabsichten der Frau in einer legitimen Partnerschaft, ein zu westlicher Lebensstil oder sogar in manchen Fällen eine erlittene Vergewaltigung, die als Schande für die Familienehre gewertet wird, zählen zu den Motiven.

Die Tatpersonen sind zum Großteil Männer zwischen 40 und 49 Jahren. Frauen als alleinige Tatpersonen kommen so gut wie nie vor, allerdings spielen sie als Tatbeteiligte eine Rolle. Knapp 10 % der ermittelten Tatpersonen wurden in Deutschland geboren. Migrantinnen der zweiten und dritten Generation sind hingegen kaum unter den Tatpersonen zu finden. Mit Blick auf den sozialen Status gelten die meisten Tatpersonen als bildungsfern, ein Drittel ging vor der Tat keiner Arbeit nach. Nach den Herkunftsländern der Tatpersonen dominieren die Türkei mit 63,3 %, arabische Länder mit 14,2 %, Länder des ehemaligen Jugoslawiens (inklusive Kosovo) und Albanien zusammen mit 7.5 %, Deutschland mit 9,2 % sowie Pakistan und Afghanistan zusammen mit 5.8 %.

Auch Männer fallen Ehrenmorden zum Opfer – häufig sind sie die neuen Partner der Frauen. Als solche oder als Vater eines unehelichen Kindes sind sie nicht tragbar. Auch andere Verstöße gegen Sexualnormen, z.B. Homosexualität, widersprechen den propagierten Wertvorstellungen. Oder aber die Männer verweigerten ihrerseits den Ehrenmord an einer weiblichen Verwandten. Die Ehrkultur hat keine religiösen Hintergründe, sondern ist ein stammesgesellschaftliches Phänomen, das schon länger existiert als der Islam oder das Christentum.

2. Weltweit ca. 5.000 Frauen und Mädchen mit einer hohen Dunkelziffer. Viele Frauen werden z.B. in den Selbstmord getrieben, diese Verbrechen aber nicht als Ehrenmorde erfasst. Die Verstöße können von vermuteten oder tatsächlichen Blickkontakten und Unterhaltungen mit nicht-verwandten Männern über die Weigerung, eine Zwangsehe einzugehen, bis hin zu Sex und Schwangerschaft außerhalb der Ehe reichen – auch im Fall einer Vergewaltigung.

Besonders weit verbreitet sind Ehrverbrechen in Südasien, im Mittleren Osten und in Nordafrika. Fast die Hälfte aller Ehrenmorde werden in Indien und Pakistan verübt. In vielen Ländern kommen die Strafverfolgung und das Strafmaß für diese Verbrechen deutlich zu kurz, in wenigen Fällen stehen Ehrverbrechen gar nicht unter Strafe. Wenn Männer für ein Ehrverbrechen vor Gericht gebracht werden, steht dann oft das Verhalten der Frau im Vordergrund, nicht die Gewalt, die ihr angetan wurde. Bei einem Schuldspruch sorgt die Begründung, mit der Tat die vermeintliche Familienehre wiederhergestellt haben zu wollen, oft für eine Strafminderung. Erst 2017 schaffte z.B. das jordanische Parlament § 98 des Strafgesetzbuchs ab, der ein milderes Strafmaß für Männer vorsah, die eine weibliche Verwandte aus Wut über ungesetzliches oder gefährliches Verhalten ermordet hatten. § 340 blieb jedoch in Kraft. Danach kann ein Mann, der seine Frau oder ein anderes weibliches Familienmitglied ermordet hat, nachdem er sie in einer ehebrecherischen Situation erwischt hat, mit einer geringeren Strafe rechnen.