32 - Besonderheit Ehe

1. Seit 1997. Artikel 36 des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) definiert eine Vergewaltigung als das nicht einverständliche, sexuell bestimmte vaginale, anale oder orale Eindringen in den Körper einer anderen Person. Die juristische Bewertung ist weltweit unterschiedlich, obwohl eine Vergewaltigung immer das Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung verletzt. In Deutschland wurde dennoch bis 1997 nur der Zwang zum außerehelichen Beischlaf als Vergewaltigung bezeichnet, sexuelle Gewalt in der Ehe konnte demnach höchstens als Nötigung verfolgt und bestraft werden. Eine Frau, die sich in Deutschland vor 1997 an die Polizei wandte, um eine Vergewaltigung anzuzeigen, musste zuerst Auskunft erteilen, in welchem Verhältnis sie zur Tatperson stand. Gab sie an, mit der Tatperson verheiratet zu sein, wurde sie nach Hause geschickt. Ein Trauschein stellte also einen Freibrief dar.

In mehreren Ländern wird eine Vergewaltigung durch den Ehemann, anders als in Deutschland, sogar als strafverschärfend angesehen. Aus Sicht von TERRE DES FEMMES zu Recht, denn Studien belegen, dass Sexualstraftaten sehr selten von Fremden begangen werden. Meist findet sexualisierte Gewalt im häuslichen Bereich statt und wird überwiegend vom Ehemann oder Lebensgefährten ausgeübt. Von einer Vergewaltigung betroffen kann natürlich auch ein Mann sein - das Gesetz ist durchgehend geschlechtsneutral formuliert. Statistiken belegen allerdings, dass Frauen und Mädchen v.a. von sexualisierter Gewalt weit häufiger betroffen sind als Männer und Jungen.

2. Von den aktuell 27 EU-Ländern taten dies 15 Länder früher als Deutschland. Das erste EU-Land war Schweden 1965 (Deutscher Bundestag 2008), doch auch Länder wie Italien (1976), Frankreich (1980) und Spanien (1992) waren Deutschland weit voraus.

Weltweit gilt Vergewaltigung in der Ehe in nur 4 von 10 Ländern als Straftat. In vielen Ländern bleibt Vergewaltigung in der Ehe im Strafrecht unerwähnt. Dazu gehören u.a. Marokko, Haiti, Afghanistan und Saudi-Arabien. In anderen Staaten ist Vergewaltigung in der Ehe sogar explizit von einer strafrechtlichen Verfolgung ausgeschlossen, so etwa auf den Bahamas, in Indien, Äthiopien und im Iran.  In 12 Ländern bleiben Männer nach einer verübten Vergewaltigung straffrei, wenn sie die Betroffene heiraten.