30 - Unbekannte Gefahr

1. B ist richtig. Female Genital Mutilation/Cutting heißt auf Deutsch Weibliche Genitalverstümmelung/Beschneidung. Der Begriff Weibliche Genitalverstümmelung wird verwendet, um zu betonen, dass die Beschneidung der äußeren Geschlechtsorgane von Mädchen bzw. Frauen eine (Teil-)Amputation ist und damit weit schwerwiegender als die Beschneidung der Penisvorhaut von Jungen bzw. Männern. Der Begriff Beschneidung wird im Gespräch mit Betroffenen verwendet, um sie nicht zusätzlich zu stigmatisieren. Mitunter wird weibliche Genitalverstümmelung als barbarisch oder herzlos bezeichnet. Diese Attribute tragen dazu bei, dass die praktizierenden Gesellschaften abgewertet werden und ihren Repräsentantinnen ein Teil ihrer Menschlichkeit abgesprochen wird, während den Lesenden die Illusion vermittelt wird, sie dürften nicht nur über die Handlung, sondern auch über die Motivation urteilen. Diese Sichtweise produziert rassistische Stereotype und zeugt von einer eurozentrischen Sichtweise.

Weibliche Genitalverstümmelung ist Ausdruck eines frauenfeindlichen Systems, in dem Mädchen und Frauen auf vielfältige Art geschädigt, diskriminiert und gefährdet werden. Allein die Körperverletzung als Problem darzustellen und dabei z.B. die zugrunde liegenden Mythen und die frauenfeindlichen Mechanismen zu ignorieren, greift zu kurz und kann sogar die Abschaffungsbemühungen behindern. FGM/C wird meist durchgeführt, um den Frauen ihre Lust, ihr Begehren und ihre Freude am Sex zu nehmen. Dem liegt die Annahme zugrunde bzw. darin spiegeln sich die (männlichen) Ängste, dass die weibliche Sexualität mächtiger ist als der Wille der Frauen, dass sich eine unversehrte Frau jedem Mann anbietet und dass der Wunsch nach selbstbestimmter, erfüllender Sexualität Frauen nicht zusteht.

2. Seit 1998 erstellt und veröffentlicht TERRE DES FEMMES Hochrechnungen der Betroffenen und Gefährdeten von FGM/C in Deutschland. Damit soll gezeigt werden, dass die Menschenrechtsverletzung FGM/C in der eigenen Nachbarschaft, in jeder größeren Stadt, mitten in Europa präsent ist und dass es großen politischen Handlungsbedarf gibt. Zur Berechnung der Dunkelziffer der in Deutschland von FGM/C Gefährdeten und Betroffenen, wird die UNICEF-Prozentzahl der Betroffenen im Heimatland auf die Anzahl der hier lebenden Mädchen und Frauen angewendet. Die Daten zu den hier lebenden Mädchen und Frauen beruhen auf Angaben des Statistischen Bundesamtes. Gefährdete sind alle minderjährigen weiblichen Personen mit der jeweiligen Staatsbürgerschaft, die laut statistischem Bundesamt derzeit in der BRD leben, Betroffene sind die entsprechenden Volljährigen. TERRE DES FEMMES differenziert zweifach: zum einen anhand der Volljährigkeit der Mädchen und Frauen, zum anderen zwischen denen, die in Deutschland geboren wurden (2. Generation) und denen, die einen Teil ihres Lebens im Prävalenzland (Herkunftsland) verbracht haben (1. Generation).

Nach der Dunkelzifferstatistik von TERRE DES FEMMES waren 2020 fast 75.000 Frauen (74.899) in Deutschland von FGM/C betroffen und rund 20.000 Mädchen (20.182) von FGM/C bedroht. Wie in den Jahren zuvor verzeichnen die Zahlen der von FGM betroffenen und bedrohten Frauen und Mädchen auch 2020 einen deutlichen Anstieg. 2019 waren 70.218 in Deutschland lebende Frauen von FGM/C betroffen und 17.691 Mädchen liefen Gefahr, dem Eingriff unterzogen zu werden. Im Bundesland Berlin waren 2020 laut Dunkelzifferstatistik 12,3 % mehr Mädchen als 2019 gefährdet, FGM/C erleiden zu müssen, insgesamt 767. Von FGM/C betroffen waren in Berlin 4.360 Frauen, ein Anstieg von knapp 10 % im Vergleich zu 2019. In der längerfristigen Rückschau wird erkennbar, dass sich die Zahl der von FGM/C bedrohten Mädchen seit 2015 mehr als verdreifacht (2015: 5.956 versus 2020: 20.182) und die Zahl der von FGM/C betroffenen Frauen mehr als verdoppelt hat (2015: 35.715 versus 2020: 74.899). Auch mit Blick auf die Herkunftsländer der durch FGM/C Gefährdeten bzw. der von FGM/C Betroffenen hat sich das Bild verändert: 2015 waren deutschlandweit die meisten Mädchen ägyptischer Herkunft von FGM/C bedroht und die meisten Frauen indonesischer Herkunft von FGM/C betroffen. 2020 liefen v.a. Mädchen somalischer Herkunft Gefahr, FGM/C ausgesetzt zu sein. Die meisten im Jahr 2020 von FGM/C betroffenen Frauen waren eritreischer Herkunft.