05.09.2006: Seyran Ates aufgrund von Bedrohungen zum Rücktritt gezwungen

Die Frauenrechtsaktivistin und Juristin Seyran Ates hat ihre Zulassung als Anwältin abgegeben - aufgrund einer akuten Bedrohungssituation. Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES drückt ihr großes Bedauern über den Rücktritt aus und fordert gleichzeitig eine Verbesserung des Schutzes für Betroffene und deren UnterstützerInnen.

Im August 2006 hat Seyran Ates ihre Zulassung als Rechtsanwältin abgegeben und ihre Kanzlei in Berlin geschlossen. Als Begründung gibt sie an: "Aufgrund einer akuten Bedrohungssituation ist mir mal wieder allzu deutlich vor Augen geführt worden, wie gefährlich die Arbeit als Rechtsanwältin war und wie wenig ich als Einzelperson geschützt bin." Seyran Ates ist in der Vergangenheit mehrmals angegriffen und bedroht worden, 1984 überlebte sie schwer verletzt ein Attentat.

"Wir sind bestürzt, dass eine der mutigsten und engagiertesten Frauenrechtlerinnen in Deutschland zu diesem Schritt gezwungen ist", so Christa Stolle, Geschäftsführerin von TERRE DES FEMMES. Seyran Ates hat sich wie kaum eine andere für die Rechte von Migrantinnen in Deutschland eingesetzt. Sie hat nicht nur viele Migrantinnen vertreten, die von häuslicher Gewalt oder Zwangsheirat betroffen waren. Engagierten Frauen wie ihr ist es zu verdanken, dass Themen wie Integration, Zwangsheirat und "Ehrenmord" überhaupt öffentlich diskutiert werden. "Umso tragischer ist es, dass Frauen wie Seyran Ates in Deutschland nicht geschützt werden, damit sie ihre dringend notwenige Arbeit fortsetzen können."

Nach Auffassung von TERRE DES FEMMES gibt es einen akuten Mangel an Schutzmaßnahmen für Betroffene wie auch für Personen, die den Opfern direkte Hilfe anbieten wie RechtsanwältInnen oder MitarbeiterInnen von Beratungsstellen- und Zufluchtshäusern. "Mädchen und Frauen werden oft allein gelassen, wenn sie sich vor den Bedrohungen durch nahe Familienangehörige schützen wollen. Die Polizei greift häufig erst ein, wenn etwas passiert ist, dann aber kann es schon zu spät sein. Spezieller Opferschutz wird selten gewährt, da die Kosten zu hoch seien", so Stolle.

Daher fordert TERRE DES FEMMES seit langem, den Opfern von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat, Ehrenmordgefahr durch spezielle Programme Schutz zu garantieren, sowie sicherzustellen, dass RechtsanwältInnen und andere Unterstützerinnen ihrer Arbeit gefahrlos nachgehen können: "Der deutsche Staat hat die Aufgabe, die Frauenrechte und erst recht die Vertreterinnen und KämpferInnen allgemein für Menschenrechte zu schützen", so Stolle. "Es darf nicht zugelassen werden, dass in einem Rechtsstaat die männliche Gewaltbereitschaft und Frauenverachtung derartig überhand nimmt, dass einzelne Personen nicht mehr ihrer Arbeit für die Demokratie nachgehen können. Denn dies wäre ein Armutszeugnis für den deutschen Staat."

Bei Nachfragen und Interviewwünschen wenden Sie sich bitte an:
TERRE DES FEMMES, Sibylle Schreiber oder Myria Böhmecke,
E-Mail: info@frauenrechte.de, Tel. 07071/79 73-0