26.11.2004: Kampagne gegen Ehrverbrechen gestartet

TERRE DES FEMMES kämpft mit einem Theaterstück gegen Tabus

Die junge Kurdin Nermina wird von ihrem Vater zum Tode verurteilt. Der Familienrat trägt die Entscheidung mit. Ihr „Verbrechen“: Sie hat mit einem fremden, jungen Mann Blicke ausgetauscht. Nermina flieht vor der Gewalt der Familie und entkommt dem Tod. Diese Szene aus dem Theaterstück „Savage Rose“ ist zum Glück fiktiv, aber für viele Tausend Frauen weltweit ist sie bittere Realität – u.a. in der Türkei, Jordanien, Pakistan, Indien und Iran. Und auch in Deutschland sind Migrantinnen von Ehrverbrechen betroffen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass jährlich 5.000 Mädchen und Frauen von ihren Familienangehörigen im Namen der Ehre ermordet werden. Die Dunkelziffer ist weitaus größer.

Gegen diese Menschenrechtsverletzung kämpft die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES. Gestern – am Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen – fand im Bonner Haus der Geschichte die Auftaktveranstaltung zur zweijährigen Kampagne „NEIN zu Verbrechen im Namen der Ehre“ statt. Ziel der Kampagne ist, Mädchen und Frauen, die von Ehrverbrechen bedroht sind, zu helfen und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Neben dem Theaterstück, das eigens für die Kampagne geschrieben wurde, gibt es eine Wanderausstellung, die bei TERRE DES FEMMES ausgeliehen werden kann und den Sammelband „Tatmotiv Ehre“.

Lisa Ortgies (WDR) moderierte eine lebhafte Podiumsdiskussion mit Expertinnen und Experten, die aus verschiedenen Perspektiven Erfahrungen mit Betroffenen gemacht haben:

Myria Böhmecke, Leiterin der Kampagne bei TERRE DES FEMMES, stellte gleich zu Beginn der Diskussion klar, dass Ehrverbrechen jeglicher religiöser Grundlage entbehren, wenn sie auch häufig von den Tätern religiös begründet werden: „Sie sind ein Phänomen traditioneller, patriarchalischer Gesellschaften, in denen der Mann über der Frau steht und die Ehre der Familie mehr wert ist als das Leben einer Frau.“

Das bestätigte auch Fatma Bläser, die bei einem Ferienaufenthalt in der Heimat zwangsverheiratet werden sollte. Sie konnte sich erfolgreich wehren und hat ihre Geschichte in dem Roman „Hennamond“ aufgeschrieben. Heute geht sie in Schulen, um darüber aufzuklären, dass Mädchen ebenso wie Jungen das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben.

Elif Pinar berichtete von ihren Erfahrungen als Rechtsanwältin. Die Frankfurterin vertritt häufig Frauen, die von Zwangsheirat bedroht sind. Als eine Mitarbeiterin davon erzählte, dass ihre Familie sie zwangsverheiraten wolle, hat Elif Pinar zu lange nur zugehört. Eines Tages konnte die Kollegin dem Druck ihrer Familie nicht mehr Stand halten. Sie stürzte sich aus dem Fenster. Glücklicherweise konnte sie gerettet werden.

Junge Frauen und Mädchen, die vor drohender Zwangsheirat und Verschleppung fliehen, finden Hilfe in der Berliner Zufluchtsstätte „Papatya“. Birim Bayam arbeitet dort und betonte in der Diskussion, dass keines dieser Mädchen leichtfertig das Elternhaus verlässt. Einige versuchen sogar, sich umzubringen, bevor sie Schutz bei Papatya finden. Wenn die Mädchen es möchten, versucht Birim Bayam über das Jugendamt Kontakt zur Familie herzustellen und sucht nach Verbündeten im Umfeld: „Manchmal gibt es einen liberalen Onkel, der positiv auf die Eltern einwirken kann.“ Sorgen bereitet ihr, dass es zunehmend schwierig wird, von den Jugendämtern Gelder für Volljährige zu erhalten.

Wie wichtig es ist, dass die deutschen Behörden über Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsheirat und Ehrverbrechen aufgeklärt werden, zeigt auch ein Fall in Celle: Kriminalhauptkommissar Ullrich Borchers berichtete von einer Betroffenen, die vor ihrer Familie in eine andere Stadt floh und dort Sozialhilfe bezog. Das Sozialamt schrieb, einem üblichen Routineverfahren folgend, die Eltern an, um nach deren finanziellen Möglichkeiten zu fragen. Die Eltern erfuhren so vom Aufenthaltsort ihrer Tochter und holten sie zurück.

Der Kampf gegen Verbrechen im Namen der Ehre wird weltweit geführt. Die jordanische Journalistin Rana Husseini berichtet in ihrer Heimat schon seit zehn Jahren über Ehrverbrechen. Sie tut es gegen viel Widerstand. Die Rückendeckung von europäischen Medien, die das Thema inzwischen auch aufgreifen, ist für sie eine große Ermutigung.

In Deutschland allerdings ist diese Menschenrechtsverletzung noch viel zu wenig bekannt. TERRE DES FEMMES fordert daher:

  • eine bundesweite Erhebung über Formen und Ausmaß von Verbrechen im Namen der Ehre
  • Multiplikatorenschulungen für Schule, Jugendamt und Polizei
  • anonyme Schutzeinrichtungen für Migrantinnen sowie spezielle Beratungsstellen
  • die Einrichtung einer bundesweiten Integrationsstelle als zentrale Anlauf- und Vermittlungsinstanz
  • die Ergänzung bestehender Integrationsmaßnahmen durch verpflichtende Sprach- und Integrationskurse

Wie groß das Bedürfnis und die Notwendigkeit ist, über Themen wie Ehrverbrechen, Zwangsheirat und Integration zu reden, wurde bei der lebhaften Diskussion zwischen dem Podium und den 180 TeilnehmerInnen klar. Christa Stolle, Geschäftsführerin von TERRE DES FEMMES: „Ich denke, wir werden in den nächsten zwei Jahren der Kampagne gut miteinander ins Gespräch kommen und ich bin sicher, dass wir uns mit den Kritikern auf der Basis der Menschenrechte einig werden.“

Weitere Informationen zur Kampagne sowie Buchung des Theaterstücks und der Wanderausstellung bei:
TERRE DES FEMMES, Myria Böhmecke, Tel. 07071/79 73-0,
E-Mail: eilaktion@frauenrechte.de