Weibliche Genitalverstümmelung

   

Hintergrundinformationen zum 6. Februar: "Internationaler Tag Null-Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung"

Im Februar 2003 organisierte das Inter-African Committee (IAC) in Addis Abeba eine internationale Konferenz unter dem Motto "Null-Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung". Ziel war es, die bereits begonnenen Kampagnen gegen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, kurz FGM) weiter voran zu bringen und zu beschleunigen. First Ladies aus vier afrikanischen Ländern, Minister, RepräsentantInnen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union waren anwesend. Darüber hinaus nahmen viele Menschen aus 40 Nationen, die sich an der Basis gegen FGM engagieren, an der Konferenz teil. Seit dieser Konferenz ist der 6. Februar der Internationale Tag "Null-Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung".

Nach einem intensiven Erfahrungsaustausch wurden alle am Kampf gegen FGM Beteiligten aufgerufen, sich die Hände zu reichen und zusammenzuarbeiten. Auf der Konferenz plädierten die anwesenden Frauen und Männer dafür, schädliche Praktiken abzuschaffen. Da Frauen über die Hälfte der afrikanischen Bevölkerung bilden, sollten ihre Belange im Vordergrund stehen. Sie riefen daher dazu auf, ihren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zu fördern. Es müssten Maßnahmen ergriffen werden, um ihre sexuellen und reproduktiven Rechte zu stärken, denn Gesundheit von Frauen sei ein zentraler Punkt für Entwicklung. Zum Abschluss gaben die TeilnehmerInnen ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die afrikanischen Staatschefs ihren Einsatz weiterhin unterstützen, und forderten „Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung!“

Weltweit sind 150 Millionen Frauen und Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt. Viele leiden in Folge des Eingriffs unter irreparablen Schäden für ihre Gesundheit. Bei der weiblichen Genitalverstümmelung werden meist bei vollem Bewusstsein die äußeren weiblichen Genitalien teilweise oder vollständig entfernt. Die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES engagiert sich mittels Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland und Aufklärungsprojekten in afrikanischen Ländern seit über 25 Jahren gegen diese Menschenrechtsverletzung an Frauen.

Mehr zu unserem Einsatz für ein Ende weiblicher Genitalverstümmelung...

Petition "Genitalverstümmelung in Indonesien – Schutz statt Verharmlosung"

Foto: © Distinctive ImagesPro Jahr werden bis zu 2 Mio Indonesierinnen genitalverstümmelt (FGM)

Bei der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM[1]) wird Mädchen oft ohne Betäubung ein Teil ihrer Genitalien entfernt. Neben dem physischen Schmerz und den teils lebenslangen gesundheitlichen Folgen belastet viele Betroffene vor allem der Vertrauensbruch, da meist die Mutter selbst ihre Tochter diesem Eingriff aussetzt.

Laut MUI[2] gehört der Typ 1[3] zu den islamischen Pflichten. 18% der Krankenhäuser[4] bieten FGM an. In zwei Drittel der Fälle sind es Hebammen, die den Mädchen (zu 91% Säuglinge) ihre Genitalien symbolisch beschneiden, einritzen oder verstümmeln (44%). Obwohl viele AktivistInnen, islamische Gruppen und Nichtregierungsorganisationen sich für ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung einsetzen und dies sowohl mit den Menschenrechten und gesundheitlichen Aspekten als auch mit dem Koran begründen, wird dieser Brauch von der Bevölkerung beibehalten: 92%[5] der IndonesierInnen planen, auch die eigenen Töchter und Enkelinnen „beschneiden“ zu lassen. Derzeit leben fast 33.000.000 Mädchen unter 15 Jahren[6] in Indonesien. So werden auch künftig pro Jahr weitere zwei Millionen[7] Mädchen in Indonesien dieser Menschenrechtsverletzung ausgesetzt sein, wenn die Regierung sie nicht schützt.

Der Hauptgrund für die Verbreitung von FGM in Indonesien ist, dass das Gesundheitsministerium im Jahr 2006 zwar die Abschaffung dieses Brauchs forderte und eigene Aktivitäten ankündigte aber nur vier Jahre später eine Anleitung zur „richtigen“ Durchführung des Eingriffs veröffentlichte. Fortan wurde rhetorisch zwischen „Mädchenbeschneidung“ und dem der Erfahrung der Mädchen und dem Sachverhalt entsprechenden Wort „Genitalverstümmelung“ unterschieden. Damit öffnete das Gesundheitsministerium auch einen neuen Markt für ÄrztInnen, die nun garantiert straffrei diese Menschenrechtsverletzung in ihr Angebot aufnehmen konnten.

Dieser Slalomkurs des Gesundheitsministeriums und das Schweigen der Regierung lässt die Bevölkerung (vor allem in den ländlichen Gebieten, wo FGM vermehrtpraktiziert wird) in dem Glauben, das Richtige zu tun, wenn sie ihre Töchter verstümmeln.

Indonesien hat die Antifolterkonvention (1998), die Konvention zur Beseitigung jeder Diskriminierung der Frau (1980), die Kinderrechtskonvention (1990) und die UN Resolution zur Abschaffung von FGM (2012) unterzeichnet und ratifiziert. Auch die eigene Gesetzgebung zu häuslicher Gewalt, Gesundheit, Kinderschutz und Menschenrechten könnten auf die weibliche Genitalverstümmelung angewendet werden.

Trotzdem finden u.a. weiterhin ungestört Massenverstümmelungen in Schulen statt bei denen Presseberichten zufolge die Eltern ein Essenspaket und 6 € für jedes „gelieferte“ Mädchen erhalten[8]. Und dennoch führen ÄrztInnen im Rahmen von „Geburtspaketen“ (Gesundheitscheck, Ohrenpiercen, Impfungen und FGM) bei Neugeborenen diese Menschenrechtsverletzung durch. Entgegen der Empfehlung des Gesundheitsministeriums und des MUI, „nur“ einen Schnitt in die Klitoris zu machen, wird gerade in den Krankenhäusern meist Gewebe entfernt und oft die Klitoris verletzt.[9]

Die hohe Toleranz gegenüber FGM und der Versuch, durch hygienische Eingriffe die Nebenwirkungen zu mindern, haben vergessen lassen, dass auch die beabsichtigte Wirkung von FGM eine Menschenrechtsverletzung darstellt. Die Regierung Indonesiens schützt derzeit die Mädchen nicht, sondern opfert sie der frauenfeindlichen, reaktionären und selbstgerechten Politik einer (zum Teil religiös-fundamentalistischen) Minderheit und den selbst geschürten Irrtümern und Mythen rund um „Vorteile“ und „Nutzen“ weiblicher Genitalverstümmelung.

TERRE DES FEMMES, Watch Indonesia!, die indonesische Frauenrechtsorganisation Kalyanamitra und alle UnterzeichnerInnen fordern die Regierung Indonesiens auf, folgende Maßnahmen umzusetzen, zu denen das Land aufgrund internationaler Abkommen, eigener Gesetze und der Pläne des Gesundheitsministeriums von 2006 bereits verpflichtet ist:

1. Einführung und Umsetzung eines Gesetzes gegen weibliche Genitalverstümmelung das auch für „milde“ Formen ein angemessenes Strafmaß vorsieht.
2. Grundsätzliches Verbot aller Angebote von Genitalverstümmelung z.B. durch Privatpersonen, MedizinerInnen und (religiöse) Institutionen.
3. Sensibilisierung und Aufklärung von einflussreichen Personen und Gruppen sowie eine landesweite Kampagne zur Information der Bevölkerung über die Folgen und die (inter)nationale Ablehnung dieser Praxis.

Kurz gesagt: Wir fordern die Bewertung von weiblicher Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung gemäß der bereits von Indonesien unterzeichneten internationalen Konventionen und entsprechendes Handeln!

 

 


1.) FGM = Female Genital Mutilation = weibliche Genitalverstümmelung

2.) Der „Rat Indonesischer Ulemas“ (MUI; „Ulema“ bedeutet Wissender, Islamgelehrter) wurde 1975 gegründet um der pluralistisch muslimischen Bevölkerung zu aktuellen Themen Empfehlungen zu geben. Der Rat und hat keine gesetzgebende Funktion und seine Veröffentlichungen sind ausdrücklich nur für die IndonesierInnen gedacht, die ihn als Autorität anerkennen wollen.

3.) Die WHO hat FGM in vier Formen klassifiziert. Typ 1 bezeichnet die partielle oder vollständige Entfernung der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut

4.) Uddin et al., 2010 „Female Circumcision a social, cultural, health and religious perspectives“

5.) USAID, 2003: “Female Circumcision in Indonesia: Extent, Implications and Possible Interventions to Uphold Women’s Health Rights.”

6.) https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/id.html

7.) Zur Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung in Indonesien liegen drei Studien vor: 1998 kam das University of Indonesia's Women's Research Graduate Program anhand von 100 städtischen und 100 auf dem Land lebenden Informantinnen zu dem Schluss, dass 100% der Frauen in West Java eine Form der Genitalverstümmelung erlebt haben; 2003 haben USAID und der Population Council Jakatar 1694 Mütter von minderjährigen Töchtern aus acht verschiedenen Ethnien in West Sumatra, Banten, Ost Java, Ost Kalimantan, Gorontalo und Süd Sulawesi befragt und festgestellt, das 92,4% insgesamt (und zwischen 70 und 99% in den einzelnen Distrikten) die Fortsetzung von FGM befürworten. Laut dieser Studie werden 96% der Mädchen vor ihrem 15. Lebensjahr genitalverstümmelt. Und 2010 wurde bei der Befragung von 160 Krankenhäusern festgestellt, dass 34% FGM anbieten und 56% davon dies auch ohne Einwilligung der Eltern durchführen. Über die Patientinnenzahl dieser Krankenhäuser gibt es keine Angaben.
Diese Studien müssen nicht repräsentativ für ganz Indonesien sein und die Daten sind nicht mehr aktuell. Da es keine umfassenderen und/oder aktuelleren Forschungen gibt, gehen wir bei der Berechnung der mutmaßlich pro Jahr verstümmelten Mädchen nur von den 88% aus, für die FGM derzeit zu den religiösen Pflichten gehört: 33.000.000*0,88/14=2074286 Mädchen pro Jahr.

8.) Siehe u.a. hier: http://www.theguardian.com/society/2012/nov/18/female-genital-mutilation-circumcision-indonesia

9.) http://sisyphe.org/imprimer.php3?id_article=4449 

Award zu "10 Jahre internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung" am 6. Februar 2013

Zum 10-jährigen Bestehen des internationalen Tags „Null Toleranz gegen Genitalverstümmelung“ stellen wir Ihnen neben unseren wichtigsten Forderungen zehn Menschen vor, die sich für den Kampf für ein Ende weiblicher Genitalverstümmelung einsetzen. Wir verbinden dies mit einem Award und starten den Aufruf, uns Ihr eigenes Portrait zuzusenden. Schreiben Sie uns von Ihrer Motivation, sich für ein Ende weiblicher Genitalverstümmelung einzusetzen und stellen Sie Ihre Aktionen vor! Oder schlagen Sie eine engagierte Person aus Ihrem Umfeld vor, die sich bereits gegen Genitalverstümmelung einsetzt! Zum 6. Februar werden das überzeugendste Projekt und die InitiatorInnen auf der TERRE DES FEMMES-Facebook-Seite vorgestellt.

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Spenden Sie, damit Mädchen wie Ramatu unversehrt bleiben!

Ramatu vor dem Schutzhaus, das AIM mit Unterstützung von TERRE DES FEMMES bauen konnteNach dem Tod ihrer Mutter wuchs Ramatu bei ihren Tanten auf. Diese wollten die Zwölfjährige wie 90 % der Mädchen in Sierra Leone genitalverstümmeln lassen. Ramatu floh zu AIM (Amazonian Initiative Movement). Die Gründerin von AIM, Rugiatu Turay, nahm Ramatu bei sich auf und sprach mit ihren Tanten.

Als diese hörten, dass AIM Mädchen dabei unterstützt, eine Schule zu besuchen, waren sie damit einverstanden, dass ihre Nichte bei AIM bleibt. Ihre größte Sorge war, dass Ramatu als Unbeschnittene ausgegrenzt wird und sie als Tanten dafür die Verantwortung tragen. In Sierra Leone ist weibliche Genitalverstümmelung Voraussetzung dafür, dass Frauen gesellschaftlich anerkannt werden und heiraten können.

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Film zum Thema weibliche Genitalverstümmelung "Moolaadé" auf Rundreise

Der Spielfilm des bekannten senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembène spielt in einem kleinen afrikanischen Dorf, in dem die Höfe der islamischen Familien friedlich nebeneinander liegen. Die kräftigen Farben des Schauplatzes lassen eine fröhliche und warme Atmosphäre entstehen. Doch die Idylle wird gestört, als vier junge Mädchen bei einer der Frauen des Dorfes, Collé Gallo Ardo Sy, Schutz suchen. Die Kinder sind fortgelaufen, um ihrer drohenden Genitalverstümmelung zu entgehen.

Collé hat ihre eigene Tochter, gegen die geltende Tradition, vor der Verstümmelung bewahrt. Sie beschwört den im Dorf mächtigen vorislamischen Geist Moolaadé zum Schutz der Mädchen. Solange der Schwur nicht gebrochen wird, sind die Mädchen in ihrem Hof zunächst sicher. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich eine spannungsgeladene Geschichte.

moolaade

Ousmane Sembène zeigt in seinem Film, wie die Macht und die Unterdrückung der Frauen funktioniert und Widerstand gegen die Tradition und das Patriarchat bekämpft wird.

Moolaadé ist ein Film über den schwierigen Weg, der gegangen werden muss, damit alte Machstrukturen aufbrechen. Ousmane Sembène vereinfacht dabei nicht, sondern beschreibt die Problematik in ihrer ganzen Vielschichtigkeit und Komplexität. Es ist ein Film voller Tragik und zugleich voller Hoffnung.

Ousmane Sembène ist einer der bekanntesten Regisseure des afrikanischen Kontinents. Sein neuester Film Moolaadé hat 2004 in Cannes den "Prix un certain regard" bekommen. Nach Auffassung von TERRE DES FEMMES völlig zu Recht. Der Film ist nicht nur spannend und aussagekräftig, sondern auch künstlerisch hervorragend gemacht.
Moolaadé - Bann der Hoffnung" startet am 11.05.2006 bundesweit in den Kinos.
Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie auch Ihre FreundInnen und Bekannte auf den Kinofilm “Moolaadé - Bann der Hoffnung" aufmerksam machen. Unter www.neuevisionen.de sind die jeweils aktuellen Starttermine des Filmes zu finden.
Aktueller Bericht über den Film (Download als PDF-Datei, 133 KB)
Sie können unsere Arbeit gegen weibliche Genitalverstümmelung unterstützen, indem Sie kostenloses Informationsmaterial von uns anfordern, das Sie in den Kinos, in denen Moolaadé läuft, auslegen.´

Weitere Informationen erhalten Sie auch per E-Mail: genitalverstuemmelung@frauenrechte.de.

Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Adresse anzugeben, falls Sie (kostenloses) Informationsmaterial wünschen, damit wir es Ihnen per Post zusenden können.

Internationale Kooperationen zur Bekämpfung der weiblichen Genitalverstümmelung

Afrikakarte mit Hervorhebung der beiden Projektländer

Eines der besonderen Merkmale von TERRE DES FEMMES ist, dass die Themen, für die wir uns in Deutschland einsetzen, auch im Fokus unserer Internationalen Zusammenarbeit stehen.

Seit seiner Gründung 1981 unterstützt TERRE DES FEMMES Frauenorganisationen weltweit in ihrem Engagement für Frauenrechte. Unsere Partnerorganisationen sind Selbsthilfegruppen von Frauen für Frauen, lokale Fraueninitiativen und Frauenrechtsorganisationen, die ihre Aktivitäten auf der Graswurzelebene umsetzen. Mit ihnen gemeinsam kämpfen wir gegen weibliche Genitalverstümmelung, frühe Zwangsverheiratung, Frauenhandel und Zwangsprostitution und Gewalt an Mädchen und Frauen.

Zur Eindämmung und Prävention von weiblicher Genitalverstümmelung kooperiert TERRE DES FEMMES mit:

Sie möchten die Arbeit unserer Partnerorganisationen unterstützen?
Spenden Sie für unsere internationale Arbeit!

Unter Angabe des jeweiligen Landes als Stichwort – auf das Spendenkonto:

EthikBank
IBAN: DE35 8309 4495 0103 1160 00
BIC: GENODEF1ETK

oder direkt per Online-Spende:

 

TDF-Kinospot gegen Genitalverstümmelung

Kurzbeschreibung:

Der Spot führt die ZuschauerInnen in ein Mietshaus. Kinder spielen auf dem Gang. Plötzlich erscheint eine ältere Frau, die Beschneiderin. Sie erhält vom Ehemann der jungen Frau Geld für ihre bevorstehenden Dienste und bereitet ihre Instrumente für den Eingriff in der Küche der Familie vor. Die Mutter holt ihre kleine Tochter vom Spielen. Wieder vor der Tür ihrer Wohnung angekommen, denkt sie an den Schmerz ihrer eigenen Verstümmelung und schickt ihre Tochter daraufhin zum Spielen zurück. Am Ende des Spots steht ein Spendenaufruf für die Arbeit von TERRE DES FEMMES.

Weitere Informationen (PDF-Datei)

Zur Vorgeschichte:

TERRE DES FEMMES bekam das Angebot von vier StudentInnen der Hochschule für Fernsehen und Film in München, einen Kinospot gegen Genitalverstümmelung zu drehen. Die Regisseurin Satu Siegemund berichtet, wie es dazu kam:

Satu Siegemund
Satu: Das gesamte Projekt wurde von uns vier Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film im München auf die Beine gestellt. Wir alle haben im Wintersemester 1999 mit dem Studium begonnen. Während sich Florian Deyle, Martin Richter und Hendrik Feil auf "Produktion und Medienwirtschaft" konzentrieren, studiere ich im Bereich 'Film und Fernsehspiel'.

Am Ende des ersten Semesters auf der Hochschule für Fernsehen und Film München muss ein erster Kurzfilm gedreht werden. Vorgaben dabei sind: Er muss Schwarz/Weiß sein, und es dürfen keine Dialoge stattfinden. Der Film darf nur durch Bilder erzählen.

So beschloss ich, meinen ersten Kurzfilm als Spot, genauer als Social Spot zu konzipieren und kontaktierte kurz darauf TERRE DES FEMMES, ob sie an einem solchen Projekt interessiert wären.

TDF: Was hat dich auf die Idee gebracht, einen solchen Spot zu drehen?

Satu: Einen Social Spot wollte ich schon lange drehen, weil ich finde, dass die Massenmedien heutzutage viel mehr für gute Zwecke zum Einsatz kommen sollten. Es sollte aber ein Thema sein, für das es noch keine Spendenaufrufe in Fernsehen/Kino gab, und so erinnerte ich mich an das Thema "Weibliche Genitalverstümmelung", wovon mir bereits Anfang der 80er meine Mutter erzählt hatte. So konnte ich sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ich konnte einen Social Spot für ein noch nicht so öffentlich bekanntes Thema drehen und dabei andere Frauen in ihrer Arbeit unterstützen.

TDF: Wer soll mit dem Spot erreicht werden?

Satu: Menschen, die sich mit dem Thema "Weibliche Genitalverstümmelung" noch nicht auseinandergesetzt haben oder davon noch gar nichts wissen (so etwas gibt es!) möchten wir auf die Problematik aufmerksam machen. Sie sollen die Arbeit derer, die sich bereits informiert haben, nämlich TERRE DES FEMMES, finanziell unterstützen. Denn gerade die kleineren Vereine sind auf Spenden am meisten angewiesen.

Foto aus Kinospot

TDF: Wie ist der Spot aufgebaut?

Satu: In erster Linie geht es um den Umdenkprozess einer Mutter, während sie auf dem Weg ist, ihre Tochter vom Spielen abzuholen und sie zur Beschneiderin zu bringen. Dabei legte ich großen Wert darauf, zu verdeutlichen, dass Frauen auch in konservativen Familien durchaus in der Position sind, "Nein" zur Beschneidung zu sagen. Sie sind sich nur oft ihrer Macht nicht bewusst. Die Frau in dem Spot entscheidet sich erst Sekunden vor dem grausamen Ritual dagegen, da sie sich plötzlich genau bewusst macht, was geschehen soll. Das wird durch Zwischenschnitte auf die Vorbereitungen in der Küche gezeigt, die auch in gewisser Weise ihre eigenen Erinnerungen darstellen.

TDF: Welche Vorbereitungen waren notwendig?

Satu: Zum einen muss der finanzielle Teil organisiert, Spender und Sponsoren müssen gefunden werden. Parallel dazu habe ich ein sogenanntes Storyboard zeichnen lassen, das ist so etwas wie der gesamte Spot als "Comic", sprich, die einzelnen Einstellungen, die gedreht werden sollen, werden gezeichnet.

TDF: Wie habt ihr die Darsteller gefunden?

Satu: Um die richtigen Personen zu finden, durfte ich bei einigen Castingagenturen in München die Schauspielerkarteien durchforsten was eine große Ausnahme ist und wofür ich ihnen sehr dankbar bin.

 Es war insgesamt sehr schwierig, hier DarstellerInnen zu finden, die afrikanischer Abstammung sind aber nicht zu europäisch-modern aussehen. Viele von den Erwachsenen sind dann gleich auch Models. Das größte Problem mit den DarstellerInnen war, überhaupt eine Frau afrikanische Abstammung zu finden. Schwierig war es auch bei den Kindern.

Foto aus Kinospot

Nach drei Monaten hatte ich dann alle Rollen besetzt, wobei nur die Rolle der Mutter (Sheri Hagen) von einer Schauspielerin dargestellt wird. Sie beschäftigt sich selbst schon seit einiger Zeit mit dem Thema 'Genitalverstümmelung'.

Die Beschneiderin (Rosa Kunzmann) hatte als Kleindarstellerin schon erste Erfahrungen mit Dreharbeiten gemacht.

Den Mann habe ich dann sozusagen 'von der Straße' gecastet. Er kommt aus Eritrea und wusste über dieses Thema Bescheid, ist allerdings als Christ nicht direkt betroffen. Markos Gebreselassie brachte kaum Erfahrungen aus dem Medium Film mit.

TDF: Hatte jemand der Beteiligten Schwierigkeiten mit dem Thema?


Foto aus Kinospot

Satu: Schwierigkeiten mit dem Thema hatte eigentlich niemand, allerdings erzählte mir eine Mutter von einem der Mädchen, die mitmachten, dass sie früher mit ihrem Mann versucht habe, über dieses Thema zu reden, da er aus einem betroffenen Land stammt. Doch von seiner Seite aus wurde das Gespräch mit 'Das ist inzwischen verboten, das gibt es nicht mehr!' abgeblockt. Auch sollte er nicht wissen, dass seine Tochter an einem solchen Spot mitwirkt.

TDF: Wie seid ihr vorgegangen beim Dreh?

Satu: Da ich sowohl Regie als auch Kamera geführt habe, war ich darauf angewiesen, meine 'Hausaufgaben' so gut als möglich zu machen und musste bestvorbereitet zur Arbeit kommen. Das heißt: Ich muss wissen, was ich will, damit keine langen Wartezeiten durch ewige Denkpausen entstehen. Ich musste mich gleichzeitig um Lichtgestaltung, Kamera und die Schauspieler kümmern und kann von Glück reden, dass ich ein so gutes, nettes und vor allem engagiertes Team dabei hatte, das mich nicht nur voll unterstützte, sondern zum Teil fast hellseherische Kräfte besaß. Ich musste nie viel erklären, was ich wollte.

Alle Darsteller haben großartige Leistungen erbracht. Das gilt natürlich auch für die Kinder. Auch sie waren größtenteils drehunerfahren. Durch ihre unkomplizierte Art und Offenheit waren die Dreharbeiten jedoch ein großes Abenteuer für die Kleinen, und sie waren mit viel Spaß bei der Sache.

Selbst die strengen Gesetze, die es zu erfüllen gilt, wenn man mit Kindern in diesem Alter dreht (höchstens zwei Stunden reine Drehzeit am Set, dazwischen eine Stunde Pause) waren mit diesen Kindern kein Problem.

 Die Produktion kümmerte sich darum, dass der organisatorische Ablauf ohne Zwischenfälle vonstatten ging: Wann kommt welcher Schauspieler, wann fangen wir an, welcher Schauspieler kann / muss wann gehen, sind alle Requisiten, Kostüme usw. da, gibt es Aufenthaltsräume für die Schauspieler, wann und was gibt es zum Mittagessen usw.)

TDF: Was war beim Dreh schwierig?

 Foto aus KinospotSatu: Es fehlt immer Zeit beim Drehen, egal, wieviel man einplant: Eigentlich reicht es nie: Mal hat ein Schauspieler einen wichtigen Termin und muss zu einer bestimmten Uhrzeit gehen. Die Kinder dürfen nur so und so lange drehen, die Sonne verändert dauernd ihre Position und verschwindet am Ende des Tages völlig, das Wetter verändert sich. (Gerade, wenn man häufig in Richtung Fenster dreht, kann das zu einem großen Problem werden).

TDF: Wie ist nun der aktuelle Stand?

Satu: Momentan ist der Film geschnitten, aber er wird noch einmal umgeschnitten. Anschließend erfolgt die Tonmischung. Schließlich wollen wir den Spot noch auf Video- und Filmformat bannen, das heißt, er muss kopiert werden.

TDF: Wie gefällt euch das Ergebnis?

Satu: Wir sind alle mit dem Ergebnis sehr zufrieden und haben von vielen Seiten (sowohl Filmschaffende, als auch Laien) großes Lob geerntet. Ich hoffe, dass dieses Projekt für TERRE DES FEMMES ein großer Erfolg wird.

Artikel aus: TERRE DES FEMMES - Zeitschrift 4/2000

Das Interview mit der Regisseurin Satu Siegemund führte Gritt Richter.

Weitere Informationen erhalten Sie auch per E-Mail (Kontaktformular).
Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Adresse anzugeben, falls Sie (kostenloses) Informationsmaterial wünschen, damit wir es Ihnen per Post zusenden können.

Unser Engagement

 

Für ein Ende weiblicher Genitalverstümmelung. © fotolia - poco_bwFoto: © poco_bw - fotolia.comSeit der Gründung von TERRE DES FEMMES 1981 engagieren sich Vereinsmitglieder gegen weibliche Genitalverstümmelung. Die Frauen organisierten Seminare, luden Gäste aus afrikanischen Ländern ein und unterstützten dort Frauenorganisationen. Hierbei setzte sich TERRE DES FEMMES immer wieder dem Vorwurf des Rassismus und der Einmischung in fremde Kulturen aus. Von solchen Anschuldigungen haben wir uns jedoch immer distanziert, denn die Würde der Frau differiert nicht von Kulturkreis zu Kulturkreis oder von Land zu Land. Menschenrechte gelten für alle Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt, unabhängig davon, wo sie leben.

TERRE DES FEMMES ist es ein Anliegen, zusammen mit Betroffenen und engagierten AktivistInnen diese Form der Gewalt an Mädchen und Frauen zu beenden.

TERRE DES FEMMES leistet seit den 1980er Jahren rein ehrenamtliche Öffentlichkeitsarbeit gegen die Genitalverstümmelung. Aus diesem Engagement ging 1995 die Arbeitsgemeinschaft Genitalverstümmelung hervor, ein Zusammenschluss engagierter Frauen aus ganz Deutschland. Seit 1997 existiert ein hauptamtlich besetztes Referat in der Bundesgeschäftsstelle von TERRE DES FEMMES.

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