Russland (Dagestan)

Vorkommen

In der mehrheitlich von Muslimen bewohnten Nordkaukasus-Republik Dagestan in Russland ist weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation – FGM) nicht unüblich. Vor allem in den Gebieten Tsuntisnky und Bezhtinsky sowie in einigen abgelegenen Bergdörfern wird FGM praktiziert. In der Nordkaukasus-Region leben viele ethnische Gruppen; die größte von ihnen sind die Avars. Sie praktizieren, einer qualitativen Studie der NRO Russian Justice Initiative (RJI) zu Folge, weibliche Genitalverstümmelung an fast allen Mädchen.

Laut der Menschenrechtsorganisation Russian Justice Initative wurden seit den 1970ern zehntausende in Dagestan lebende Mädchen und Frauen beschnitten. Die Genitalverstümmelung findet hauptsächlich im Alter von bis zu drei Jahren statt, gelegentlich jedoch auch bei älteren Mädchen. Die Bescheidung initiiert in den meisten Fällen die eigene Mutter oder Großmutter. Die Praktik wird dabei in privaten Haushalten durchgeführt.

Formen

In Dagestan wird gemäß WHO-Klassifikation Typ I (Klitoridektomie), Typ II (Exzision) oder Typ IV von weiblicher Genitalverstümmelung praktiziert. Unter Klitoridektomie wird das Herausschneiden der Klitoris und/oder der Klitorisvorhaut verstanden. Bei der Exzision wird die Klitoris und/oder Klitorisvorhaut beschnitten sowie zusätzlich die inneren und ggfs. die äußeren Schamlippen. Mit Typ IV sind alle anderen schädlichen Praktiken am weiblichen Genital, wie z. B. Stechen, Verbrennen oder Ätzen, gemeint.

Begründungsmuster

Die Gründe für weibliche Genitalverstümmelung sind in Russland das Verringern der weiblichen Lust und das Beibehalten der Reinheit einer Frau. Es soll verhindert werden, dass sich eine Frau mit mehreren Männern einlässt. In der von RIJ geführten Studie gaben viele Teilnehmerinnen an, weibliche Genitalverstümmelung aus Gründen der Tradition zu praktizieren. Eine Frau, die an der Studie teilnahm sagte: „I had it done to me, but not everyone goes through it today. People in the towns or in the plains, for example, they don’t all do it. But we try to continue the tradition.“ [An mir wurde FGM praktiziert, aber heutzutage macht es nicht mehr jede. Zum Beispiel in den Städten oder dem Flachland wird es nicht mehr gemacht. Aber wir versuchen die Tradition aufrecht zu erhalten] Auch die Religion wird als Begründung für weibliche Genitalverstümmelung genannt. Eine weitere Teilnehmerin der Studie sagte: „All Muslims have to do it; you cannot be a Muslim woman otherwise. It’s essential; it’s in the Sunna. I went through it and I have put my children an grandchildren thorough it.“ [Alle Musliminnen müssen das machen; du kannst keine Muslimin sein, wenn du nicht beschnitten bist. Es ist notwendig; es steht in der Sunna. An mir wurde es gemacht und ich habe es auch bei meinen Kindern und Enkelinnen gemacht.]

Gesetzliche Lage

Artikel 21 der russischen Verfassung besagt: „A person’s dignity is protected by the state. Nothing may serve as a basis for its derogation; No one may be subjected to torture, violence or other humiliating treatment or punishment.“ In Russland ist es auch ein Straftatbestand die sexuelle Freiheit eines anderen Individuums einzuschränken. Alle Formen von weiblicher Genitalverstümmelung gem. WHO-Klassifikation verstoßen gegen diese Gesetze. Ein explizites Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung gibt es jedoch nicht. Bisher kam es in Russland weder zu einer Anklage noch zu einer Verurteilung wegen weiblicher Genitalverstümmelung.

 

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Stand: 11/2016

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