Allemagne    français    English

Sierra Leone

© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2016. Country Profile: Sierra Leone. © UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2016. Country Profile: Sierra Leone. Vorkommen

Mit Ausnahme eines kleinen Gebietes im Westen von Sierra Leone liegt die Quote für weibliche Genitalverstümmelung (FGM - Female Genital Mutilation) bei über 80%. Das Thema wird so kontrovers diskutiert, dass die öffentlichen Debatten dazu üblicherweise nicht in Wahljahren stattfinden. Es gibt viele AktivistInnen im Land, die sehr gute Aufklärungsarbeit leisten, aber die PolitikerInnen scheuen sich, selbst Initiative zu ergreifen. Ihrer Meinung nach würde eine kritische Haltung zu diesem Thema oder gar ein Gesetz gegen diese Praktik die Stimmen der Frauen bei der nächsten Wahl gefährden.

Mitunter ist die Gründung von Geheimgesellschaften (Bondo/Sande) im Zuge der Genitalverstümmelung üblich. Mädchen gleichen Alters erleben diesen Eingriff, alle damit zusammenhängenden Folgen sowie den Eintritt ins Erwachsenenleben gemeinsam. Dieses Ereignis schweißt sie für den Rest ihres Lebens zu einem „Schwesternzirkel“ zusammen. Sie verbringen während und nach der Genitalverstümmelung mehrere Wochen gemeinsam – losgelöst von ihren Freunden und ihrer Familie an einem für ihre Ethnie heiligen Ort. Nach der Genitalverstümmelung lernen die Mädchen, welche Rechte und Pflichten ihnen als erwachsene Frauen zuteil werden und werden in die Geheimnisse einer guten Ehefrau eingeweiht. Ihr Schweigen über das Erlebte festigt den Bund.

Zahlen

Betroffene: 90% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 69% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Beschneidungsalter: 15% von FGM wurde vor dem 4. Lebensjahr durchgeführt, 29% zwischen dem 5. und 9., 37% zwischen dem 10. und 14. und nochmals 14% bei Mädchen, die älter als 15 Jahre sind
98% der Eingriffe werden von traditionellen Beschneiderinnen vorgenommen

Formen

Bei 73% der beschnittenen Frauen wurde eine Exzision (Typ II) vorgenommen. Das heißt, dass der äußerlich sichtbare Teil der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Beschneidung der äußeren Labien teilweise oder vollständig entfernt werden. 9% der Beschneidungen ist eine Infibulation (Typ III), bei welcher die Vaginalöffnung durch Bildung eines deckenden Verschlusses verengt wird, indem die inneren und/oder äußeren Schamlippen aufgeschnitten und zusammengefügt werden; mit oder ohne Entfernung des äußerlich sichtbaren Teils der Klitoris.

Begründungsmuster

Ohne weibliche Genitalverstümmelung fehle die soziale Akzeptanz. Diese Überzeugung führt so weit, dass sich z.B. ehemalige Kindersoldatinnen freiwillig diesem Ritual unterziehen um im Bondo-Kreis eine neue „Familie“ und lebenslange Unterstützung zu finden. Ohne die Genitalverstümmelung und vor allem ohne die Teilnahme an dem Initiationsritus im Busch gelten die Mädchen nicht als Frauen und können sich weniger zuverlässig auf ihr Netzwerk anderer Frauen verlassen.

22% sehen die Genitalverstümmelung als unerlässlich für die spirituelle Reinheit und die körperliche Hygiene an, bei jeder fünften steht die Hoffnung auf verbesserte Heiratschancen im Vordergrund und 10% glauben, FGM sichere die Jungfräulichkeit der Mädchen.

56% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) und 47% der Jungen und Männer (15-49 Jahre) glauben außerdem, dass ihre Religion weibliche Genitalverstümmelung vorschreibt.

Gesetzliche Lage

Sierra Leone hat kein eigenes Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung. Es gibt lediglich einen Paragraphen, der es verbietet, dass Mädchen unter 18 Jahren an den Initiationszeremonien teilnehmen. Sie sollen dadurch solange unversehrt bleiben, bis sie reif genug sind, eine selbstständige Entscheidung darüber treffen zu können.

Haltung und Tendenzen

Weibliche Genitalverstümmelung wird mit 69% weitgehend befürwortet. Das ist nach Guinea und Mali die dritthöchste Anzahl an BefürworterInnen. Selbst unter den gebildeten, wirtschaftlich starken Gesellschaftsschichten sprechen sich 49% für eine Fortführung aus. Nur 23% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) sprechen sich gegen FGM aus. Bei den Jungen und Männern in der gleichen Altersklasse sind es 40%.

Die Anzahl der beschnittenen Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) ist leicht gesunken: von 94% im Jahr 2005 auf 90% im Jahr 2013. Die Befürwortungsquote sank von 86% (2005) auf 69% (2013).

Links

 

Stand 09/2016

Logo Transparenzinitiative