Datenerhebung statt Dunkelziffern – Quantitative und qualitative Studie zu weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland

Treffen mit den Interviewerinnen zu Beginn der Datenerhebung – wir sind gespannt auf die Ergebnisse! Foto: © TERRE DES FEMMESTreffen mit den Interviewerinnen zu Beginn der Datenerhebung – wir sind gespannt auf die Ergebnisse! Foto: © TERRE DES FEMMES

Weibliche Genitalverstümmelung galt lange als ein rein afrikanisches Phänomen. Dementsprechend konzentrierte sich auch die Arbeit von TERRE DES FEMMES überwiegend darauf, Partnerorganisationen zu unterstützen, die sich in Ländern mit einer hohen Prävalenzrate gegen die Praktik einsetzen, und durch Kampagnen und Lobbyarbeit in Deutschland auf das Thema aufmerksam zu machen. Die Erkenntnis, dass weibliche Genitalverstümmelung durch Migration mittlerweile auch in Europa angekommen ist, stellt daher sowohl die Politik als auch die Zivilgesellschaft vor neue Herausforderungen.

An erster Stelle steht dabei der eklatante Mangel an Daten und Informationen zur Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung in Europa. Das Europäische Parlament geht davon aus, dass rund 500.000 betroffene Mädchen und Frauen in der EU leben. In Deutschland sind es laut der letzten Dunkelzifferstatistik von TERRE DES FEMMES 35.000 Betroffene. Beide Zahlen sind jedoch nur Schätzungen; weder für die EU noch für Deutschland gibt es bisher eine solide Datengrundlage.

Zumindest für Deutschland wird sich dies in Kürze ändern, denn das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat endlich der Forderung des deutschen Netzwerks zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung INTEGRA entsprochen, eine Studie zur Datenerhebung bezüglich weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland zu finanzieren – wozu Deutschland als Unterzeichnerstaat der Istanbul Convention auch verpflichtet ist. Die Studie, die das INTEGRA Netzwerk nun in mehreren Großstädten (Berlin, München, Frankfurt/Main, Köln und Düsseldorf) durchführt, verfolgt zwei Ziele: Einerseits sollen genauere Daten über die Anzahl der in Deutschland lebenden Betroffenen und Gefährdeten erhoben werden. Andererseits soll herausgefunden werden, wie Menschen aus praktizierenden Communities zu weiblicher Genitalverstümmelung stehen und welche Bedürfnisse und Bedarfe sie diesbezüglich haben. Auf Basis der Ergebnisse werden dann Empfehlungen für Interventions- und Präventionsmaßnahmen auf nationaler und kommunaler Ebene ausgearbeitet.

Als Mitglied im INTEGRA Netzwerk ist TERRE DES FEMMES für die Datenerhebung in Berlin verantwortlich. Fünf Interviewerinnen werden hier in verschiedenen praktizierenden Communities etwa 400 quantitative und 40 qualitative Einzelinterviews führen. Hinzu kommen mehrere Fokusgruppengespräche und Interviews mit sozialen und religiösen Autoritäten und Fachkräften, die in ihren Berufen Kontakt mit betroffenen und gefährdeten Mädchen und Frauen haben. Charlotte Weil vom Referat weibliche Genitalverstümmelung betreut und koordiniert die Datenerhebung. TERRE DES FEMMES betrachtet diese Studie als eine längst überfällige Maßnahme, von der ihre Arbeit im Bereich weibliche Genitalverstümmelung stark profitieren wird. Um Betroffenen genau die Unterstützung geben zu können, die sie benötigen, und gefährdete Mädchen nachhaltig schützen zu können, ist eine solide Datengrundlage unersetzlich. Die Ergebnisse der Studie werden daher mit Spannung erwartet.

 

Stand 05/2016

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