Erster Prozess zu weiblicher Genitalverstümmelung in England

Die britische Öffentlichkeit debattiert seit Anfang Februar über den Ausgang eines Londoner Gerichtsverfahrens wegen weiblicher Genitalverstümmelung (FGM): Ein Arzt (Dr. Dhanuson Dharmasena) ermöglichte 2012 die Geburt eines Kindes, durch eine von weiblicher Genitalverstümmelung betroffener Frau, mit Hilfe eines chirurgischen Eingriffs im Genitalbereich. Die Mutter wurde als kleines Kind genitalverstümmelt. Nach der Geburt ihres Kindes vernähte der Arzt, nachdem er sich mit einem Kollegen und einer Krankenschwester beraten hatte, die Schamlippen der Frau wieder so, wie sie vor der Geburt ins Krankenhaus kam. Aus diesem Grund wurden er und sein Kollege im März 2014 wegen weiblicher Genitalverstümmelung angeklagt. Wenige Tage nach der Geburt wurden Mutter und Kind aus dem Londoner Krankenhaus entlassen.

Das Gericht befand Dr. Dharmasena am 5. Februar 2015 für „nicht schuldig“, da er nach Beurteilung durch das Gericht eindeutig zur Gefahrenabwehr während des Geburtsvorgangs gehandelt habe.

Die Aufmerksamkeit um das Verfahren hat einige Fragen im Bereich der Medizinethik und bei der Ausbildung und Abläufe in britischen Klinken aufgeworfen. Schon seit einer Routineuntersuchung im dritten Schwangerschaftsmonat der Frau war bekannt, dass sie von Genitalverstümmelung betroffen ist. Diese Information hätte eigentlich innerhalb der Klink weitergegeben werden müssen, damit diese Tatsache in die Entbindungsplanung hätte mit einbezogen werden können. Im Krankenhaus waren speziell zu FGM geschulte Fachkräfte zugegen, die aber nicht informiert worden waren.

Hintergrundinformationen Weibliche Genitalverstümmelung in Großbritannien

Weibliche Genitalverstümmelung ist in England, Wales und Nordirland seit 1985 verboten, jedoch gab es noch nie ein Gerichtsverfahren zu dem Tatbestand. 20.000 Mädchen sind nach unseren Informationen dort gefährdet, 66.000 Betroffene leben auf den britischen Inseln. TERRE DES FEMMES kooperiert innerhalb des europäischen Projektes CHANGE mit der britischen Organisation FORWARD zum Thema Genitalverstümmelung.

Sachverhalt auch auf Deutschland übertragbar

Dieser Fall spiegelt ein systematisches Problem wieder: Auch in Deutschland wird das Wissen um weibliche Genitalverstümmelung kaum in Studiengängen und relevanten Ausbildungen vermittelt. Gleichzeitig ist die juristische Regelung im Bereich Versorgung nach einer Geburt von einer Betroffenen widersprüchlich: Sollte eine zuvor infibulierte (= „zugenähte“) Frau erneut vernäht werden, verstoßen ÄrztInnen damit gegen den ärztlichen Grundsatz, kein Leid zuzufügen. Das kann zum Ausschluss durch die Bundesärztekammer und zum Berufsverbot führen. Wenn die Frau aber ausdrücklich auf die Herstellung der Situation vor der Geburt besteht müsste er oder sie gegen den explizit formulierten Wunsch der Patientin handeln. Weitere Informationen von der Bundesärztekammer dazu.

TERRE DES FEMMES hat einen Leitfaden für Fachkräfte für den Umgang mit von FGM-Betroffenen entwickelt.

TERRE DES FEMMES hat sich vor zwei Jahren intensiv mit dem Thema Operationen an weiblichen Genitalien (außerhalb von FGM) beschäftigt. Lesen Sie unser Positionspapier dazu.

 

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