Erster Prozess zu Genitalverstümmelung in Ägypten: Gefängnisstrafe für Arzt erst in zweiter Instanz

Sohair al-Bata'aRIP Sohair al-Bata'a Im Juni 2013 starb die 12jährige Sohair al-Bata'a auf dem Operationstisch von Raslan Fadl während einer Genitalverstümmelung. Damit ist sie kein Einzelfall doch ihr Tod ist der erste, der zu einem Prozess wegen weiblicher Genitalverstümmelung in Ägypten führte. Die Familie Sohairs akzeptierte im Gegensatz zu vielen anderen vor ihnen weder die Todesursachen "Penicillinallergie" noch die übliche Kompensationszahlung von ca. 2000 Euro sondern zeigte den Arzt an. Der Vater selbst gab zu, die Tochter ausdrücklich zur „Beschneidung“ in die Praxis gebracht zu haben, obwohl dies auch ihn zum Angeklagten machte. Ein ägyptischer Forensik-Experte sagte vor Gericht aus, den Tod zweifelsfrei auf die Genitalverstümmelung zurückführen zu könne. Trotz dieser eindeutigen Sachlage und einem gesetzlichen Verbot weiblicher Genitalverstümmelung sprach der Richter in Agga Arzt und Vater am 20.11.2014 frei. Dr. Fadl soll der Mutter Sohairs eine Entschädigung von 560 Euro zahlen. Eine Begründung gab der Richter nicht.

Seit 2008 gibt es das Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung. Dieses verbietet jede Form dieser Menschenrechtsverletzung abgesehen von "medizinischer Notwendigkeit". Als Protest gegen diese vage und gefährdende Einschränkung hat TERRE DES FEMMES im Jahr 2012 über 12.000 Unterschriften an die ägyptische Botschaft überreicht. Trotz mehrfacher Nachfragen haben weder Botschaft noch eine der seither amtierenden ägyptischen Regierungen auf unseren Protest reagiert.

Mit 91% betroffenen Mädchen und Frauen ist Ägypten eins der Länder, in denen weibliche Genitalverstümmelung am weitesten verbreitet und am stärksten verankert ist.

Das Urteil gegen Dr. Raslan Fadl war von Frauenrechtsaktivistinnen in den arabischen Ländern und dem Rest der Welt mit großer Spannung erwartet worden. Es sollte ein Meilenstein der Abschaffungsbemühungen werden, ÄrztInnen abschrecken, weiter diese Menschenrechtsverletzung zu praktizieren und in der Bevölkerung eine Debatte über diese „Tradition“ entfachen.

Stattdessen wurde eine Art Freischein erteilt und signalisiert, dass das Gesetz keine Wirkung haben soll. Derzeit kostet eine weibliche Genitalverstümmelung in Ägypten zwischen 1 und 15 US-Dollar. Der Arzt, der für Sohairs Tod verantwortlich ist, praktizierte laut Medienberichten selbst während des Prozesses weiter und hat nun gegen die Zahlung an Sohairs Mutter Einspruch eingelegt.

Update 26.01.2015:
Das Kairoer Berufungsgericht verurteilte Dr. Raslan Fadl zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren aufgrund der Todesfolge seines Eingriffs und drei Monaten für die Genitalverstümmelung und lässt seine Praxis für ein volles Jahr schließen. Der Vater von Sohair erhielt ebenfalls drei Monate, allerdings auf Bewährung. FrauenrechtsaktivistInnen in Ägypten und weltweit begrüßen dieses Urteil, von dem ein deutliches Signal an medizinisches Personal in der ganzen Region ausgehen soll.

 

Angesichts dieser Entwicklung haben wir die Überschrift "Die Schande von Agga - Erster Prozess zu weiblicher Genitalverstümmelung in Ägypten endet mit Freispruch" auf dieser Seite entfernt und aktualisiert.

 

 

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