Pressestimmen zur weiblichen Genitalverstümmelung – Skandalisierung statt Recherche

In den letzten Wochen wurde viel über weibliche Genitalverstümmelung geschrieben. Das ist grundsätzlich erfreulich, denn dieses wichtige Thema findet – angesichts dessen, dass in unserer Nachbarschaft, in unseren Freundeskreisen Mädchen gefährdet und Frauen betroffen sein können – oft viel zu wenig Aufmerksamkeit. Zwei Meldungen sind uns jedoch aufgefallen, die beispielhaft zeigen, wie die Berichterstattung über weibliche Genitalverstümmelung (FGM = female genital mutilation) eine tiefere Kenntnis des Themas und damit den Erfolg von Abschaffungsbemühungen verhindert.


1. Meldung:
 „Schulklasse in Schweden genitalverstümmelt“ 

Im Juni wurde vielfach die Meldung aufgegriffen, dass in der schwedischen Kleinstadt Norrköping „eine Schulklasse“ genitalverstümmelt worden sei und mittlerweile 60 Mädchen im Ort nach Untersuchungen durch den Schularzt als Betroffene gelten müssten. Der Ort Norrköping ist jedoch nicht eine durchschnittliche schwedische Kleinstadt sondern auch einer der Sitze des schwedischen Migrationsministeriums. Hier wird über Anträge auf Aufenthaltsrecht, Einbürgerung und Asyl entschieden und hier werden Flüchtlinge betreut und versorgt.

Unsere schwedische Partnerorganisation RISK informierte uns schon am ersten Tag der Skandal-Meldung, dass der Begriff „die Schulklasse“ quasi als Maßeinheit für „30 Personen“ verwendet wurde, dass keine der identifizierten Betroffenen außerhalb der Flüchtlingsunterkünfte wohnte, dass sie alle vor ihrer Ankunft in Schweden verstümmelt wurden (was angesichts von 98% FGM-Quote in ihrem Heimatland Somalia auch erwartbar ist) und dass die Untersuchung von einem Schularzt im Rahmen ihrer Integration und des baldigen Schulbesuchs durchgeführt wurde.

Die Medien suggerierten der Öffentlichkeit, dass in Schweden unbemerkt von der Mehrheitsgesellschaft Parallelkulturen existieren, in denen Menschen mit somalischem Migrationshintergrund so isoliert und so konzentriert leben, dass es außer ihnen keine anderen Kinder in Schulklassen gibt und dass dort der soziale Druck zu einer nahezu hundertprozentigen Verstümmelungsquote führe. Dies unterstellt den schwedischen Behörden, untätig und blind zu sein und wirft die Frage auf, wie die TäterInnen zu bestrafen seien, warum keine Anzeige gestellt wird und ob denn Niemand diese Mädchen schütze.

Diese Fragen führen am Thema vorbei, da die Eltern der Mädchen taten, „was alle tun“ und weibliche Genitalverstümmelung in ihrem Heimatland nur in der Region Puntland und dort auch erst seit 2011 verboten ist. Auch die beiden stärksten Mittel zur Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung (die Kinderrechtskonvention und die Konvention zur Abschaffung der Diskriminierung von Frauen) hat Somalia nie ratifiziert.

Tatsächlich kann diese Geschichte verdeutlichen, dass in Diaspora-Communities (Gruppe von Menschen aus einem gemeinsamen Heimatland, die in einem anderen Land eng vernetzt und oft mit wenig Verbindung zur Mehrheitsgesellschaft leben) die soziale Norm der Genitalverstümmelung erheblich ist und die nächste Generation gefährdet. Sie kann uns darauf aufmerksam machen, dass Integration, Bildung und eine freundliche Aufnahme von MigrantInnen helfen, weibliche Genitalverstümmelung durch Überzeugung abzuschaffen und die kommende Generation zu schützen. Sie sollte uns zeigen, dass Betroffene von weiblicher Genitalverstümmelung und GegnerInnen dieser Praxis oft sehr unterschiedliche Bewertungen vornehmen: Für GegnerInnen der weiblichen Genitalverstümmelung ist diese Menschenrechtsverletzung zurecht Ausdruck von Gewalt gegen Frauen, Demütigung und Unfreiheit. Die Betroffenen selbst müssen diese Sichtweise nicht teilen und gerade Flüchtlingsfrauen haben vielfältige Erfahrungen mit demütigenden, ihre Freiheit einschränkenden, frauenfeindlichen und gewaltsamen Taten. Dazu gehört längst nicht nur, aber auch die Erfahrung, dass etwas, das im Herkunftsland als normal gilt, in der neuen Heimat aufs schärfste verurteilt wird und eine "ehrbare Frau" zum "Opfer" wird. Neben der Präventionsarbeit, der Impementierung und Umsetzung von Gesetzen und der Überzeugungsarbeit in den Communities darf die psychosoziale Betreuung der Betroffenen nicht vergessen werden.

Unsere Wunschmeldung wäre gewesen: „Betroffene von FGM bei Immigration identifiziert – Kulturwandel durch Aufklärung folgt“


2. Meldung: „Fatwa der ISIS zur Genitalverstümmelung nur eine Fälschung“
Ende Juli alarmierten uns die Medien, dass die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) im Irak die weibliche Genitalverstümmelung zur Pflicht für alle Frauen im gebärfähigen Alter ausgerufen habe und dass die UN, die diese Meldung verbreitete, auf eine Fälschung hereingefallen sei. In Sensationsgier und skurriler Desinformation bestanden die meisten Artikel aus einer Überschrift, die suggeriert, dass es bald Genitalverstümmelungen wider Willen an Volljährigen Frauen im Irak gäbe und einem Text, der (oftmals recht höhnisch) aufklärt, dass dies eine Falschmeldung sei. Als Begründung dafür wurde oft angegeben, dass das Dokument aufgrund seiner Rechtschreibfehler klar als Fälschung zu erkennen und weibliche Genitalverstümmelung im Irak nicht verbreitet sei. Beides ist leider falsch.

Die Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, wird üblicherweise auf Anfrage von Gläubigen an ihren Religionsgelehrten erstellt und so können zum selben Thema je nach Religionsgelehrtem sehr unterschiedliche Antworten gegeben werden. Auch die Verbreitung einer Fatwa ist nicht standardisiert und widersprüchliche Fatwas können in der gleichen Region kursieren. Selbst wenn eine Fatwa eine Fälschung sein sollte, heißt dies also noch lange nicht, dass keine Fatwa selben Inhalts existiert. Da zur weiblichen Genitalverstümmelung regelmäßig Fatwas erlassen werden, ist die Konzentration auf ein einzelnes Schriftstück leichtfertig und ignoriert die Gefahr der vielen in Umlauf befindlichen Gutachten, die weibliche Genitalverstümmelung (meist in Form der Klitoris(vorhaut)amputation) als verpflichtend oder empfohlen für Muslime ansehen.

Die Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung im Irak ist belegt aber nicht im ganzen Ausmaß erforscht. Sicher ist, dass weibliche Genitalverstümmelung in den kurdischen Gebieten stark verbreitet ist (72%) und auch in der Region um Kirkuk (38%) viele Mädchen und Frauen betrifft. Die BefürworterInnen sind Sunniten und Schiiten. Ihr Verständnis des Islam und seiner Regeln ist den meisten BefürworterInnen der wichtigste Grund, weiterhin die Mädchen verstümmeln zu lassen. Somit kann eine zunehmend religiös geprägte Atmosphäre im Land unabhängig von den schriftlichen Rechtsgutachten zu einem Anstieg der FGM-Verbreitung führen.

Statt gleichzeitig zu aufgeregt und entwarnend über weibliche Genitalverstümmelung unter IS zu schreiben, hätten die MedienvertreterInnen die Gelegenheit nutzen und über die Verbreitung dieser Menschenrechtsverletzung im Nahen Osten berichten können. Auch die schon etablierten und verbreiteten Projekte zur Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung und ihre Erfolge wären eine Nennung wert. Nur wenn die GegnerInnen von weiblicher Genitalverstümmelung gut informiert über das Ausmaß, die verschiedenen Formen und die Begründungen für diese Praxis sind, können sie sich konstruktiv, kritisch und vielseitig an der Abschaffung beteiligen. Zudem können in unserer Nachbarschaft selbst nur die Mädchen geschützt werden, die als gefährdet erkannt werden – und dies schließt die meisten aus, wenn weiterhin das Vorurteil gilt, weibliche Genitalverstümmelung gebe es nur unter AfrikanerInnen.

Unsere Wunschmeldung wäre gewesen: „Mädchen- und Frauenrechte im Irak in Gefahr – weitere Projekte gegen weibliche Genitalverstümmelung nötig“

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