25.06.2010: Erklärung von TERRE DES FEMMES zur Debatte um die Burka

Stellungnahme der AG Frauenrechte und Religion

Bei den erneuten Diskussionen um Kopftuch und Vollverschleierung fällt auf, dass sich sowohl dem humanistischen Weltbild folgende Demokraten, wie auch Feministinnen gegen ein Verbot der Vollverschleierung aussprechen. Dahinter steckt sicher der berechtigte und gut gemeinte Versuch sich gegen rechte, rechtspopulistische und fremdenfeindliche Strömungen abgrenzen zu wollen. Dabei ist eine Kritik an der Burka, bzw. der Vollverschleierung im Rahmen einer aufklärerischen Islamkritik durchaus möglich und es ist nicht fremdenfeindlich, anti-islamisch oder gar "islamophob", wenn man sich klar gegen fundamentalistische Strömungen in den Religionen stellt. Im Gegenteil - hier steht TERRE DES FEMMES in der Tradition der Feministinnen, die sich seit Beginn des letzten Jahrhunderts gegen den religiösen Fundamentalismus und die von den Religionen vorgeschriebenen Geschlechterrollen und für ein gesellschaftliches Klima der Selbstbestimmung und für die Rechte der Frau einsetzen.

Auch hier in Deutschland sind Körperschleier sowie Formen des Gesichtsschleiers (z. B. Tschador, Tscharschaf, Abaya, Niqab) bisher selten, aber mit steigender Tendenz, auf der Straße zu sehen. Die Burka, als krasseste Form der Verschleierung, ist den Autorinnen bisher nicht begegnet und das sollte auch so bleiben. Afghanische Frauen leiden nicht nur daran, dass die Burka sie in Bewegungsfreiheit und Sicht einschränkt, sondern auch unter den mit der Burka verbundenen sexistischen, ja misogynen Zuschreibungen. Nicht ein Verbot der Burka, sondern die Burka und der Zwang sie zu tragen sind eine Verletzung der Menschenwürde und der Menschenrechte.


Die Vollverschleierung verletzt die Menschenwürde

Das Kopftuch ist ein Symbol der Vorherrschaft des Mannes über die Frau. Bereits in unserem Positionspapier zum Kopftuch sowie in unserer Pressemitteilung zum Kopftuch-Bericht von Human Rights Watch haben wir diese Haltung klar zum Ausdruck gebracht. Alle Formen des Körperschleiers und des Gesichtsschleiers, sind Ausdruck religiösen Fundamentalismus, der Missachtung und Erniedrigung der Frau und ihrer Degradierung zu einem Objekt. Der Schleier, wie auch das Kopftuch, unterteilt Frauen in so genannte "ehrbare" und "nicht ehrbare" Frauen und ist somit eng mit dem Themenkomplex der Gewalt im Namen der Ehre verbunden.

Unsere Unterstützung gilt vor allem denjenigen Frauen und ihren Familien, die die Verschleierung ablehnen, sich emanzipieren von religiösen Dogmen und Patriarchat. Frauen, die freiwillig volle Verschleierung tragen, akzeptieren und unterstützen die Vorstellung der Unterordnung der Frau unter den Mann, seine Vormundschaft. Sie akzeptieren und unterstützen auch die patriarchalische und religiöse Vorstellung der sündigen Frau, die, falls unverschleiert oder nicht ordentlich bekleidet, verantwortlich für die "Versuchung" des Mannes ist und entschuldigen Männer, statt diese in die Verantwortung zu nehmen, falls es zu einem Übergriff kommen sollte.

Wir halten Religionsgemeinschaften, die eine geschlechtsspezifische Kleidung vorschreiben, die z.B. das Tragen der Vollverschleierung befürworten, für nicht demokratiefähig, da sie den Gedanken, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind, dass Mann und Frau eine unantastbare Würde besitzen, der es möglich macht, sich auf gleicher Ebene zu begegnen, nicht anerkennen. Eine solche Haltung darf auch nicht über das Argument der Religionsfreiheit geschützt werden. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau hat als Ausdruck der Menschenwürde über religiösen Dogmen zu stehen.
Viele fundamentalistische Gruppierungen lehnen nicht nur die Gleichberechtigung sondern oft auch die Religionsfreiheit selbst ab. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir der Intoleranz Raum geben, denn der Burka Freiheit einzuräumen, würde bedeuten der Unfreiheit Freiheit einzuräumen.


Minirock versus Kopftuch?

Der Minirock scheint durch die Darstellung zunächst christlicher, heute auch islamisch konservativer Kreise zu einem Symbol der Objektivation der Frau geworden zu sein. Im Kontext seiner Zeit gesehen, war der Minirock für Konservative damals schon Ausdruck der Unmoral, für andere dagegen sicher u.a. auch ein modischer Ausdruck der Befreiung der Menschen von überkommenen (christlich geprägten) Moralvorstellungen und ein Zeichen der Emanzipation vom "Muff unter den Talaren", einer Emanzipation, die auch einen freien Umgang mit dem Thema Sexualität beinhaltete. Diese Emanzipation führte aber keinesfalls zwangsläufig und in jedem Falle zu einer Objektivation der Frau, wie religiös fundamentalistische Kreise immer noch behaupten. Dass wir heute einen freieren Umgang mit dem Thema Sexualität haben, und offener über Sexualität reden können, hat auch dazu geführt, dass Probleme wie sexueller Missbrauch, sexualisierte Gewalt offen angesprochen werden können.

Menschen, die sich gegen den Schleier aussprechen - dieser Eindruck wird gerne vermittelt -, müssen nicht gleichzeitig BefürworterInnen von Schönheitswahn und Objektivation der Frau sein. Das Tragen des Schleiers und die Überbetonung eines Schönheitsideals, bzw. die Degradierung durch Objektivation der Frau, sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Eine Gegenüberstellung entspricht der üblichen patriarchalischen Einteilung der Frau in die Kategorien Heilige und Hure. Sowohl die Objektivation der Frau als auch die Verschleierung sind Ausdruck von Sexismus: der Erniedrigung und Benachteiligung eines Menschen aufgrund seines Geschlechts. Der Schönheitswahn hat mittlerweile in der Tat untragbare Formen angenommen. Es ist dennoch ein erheblicher Unterschied, ob man eine Frau zum Tragen einer Burka, bzw. der Vollverschleierung zwingt, und sie, falls sie sich widersetzt, als Ehrlose oder Ungläubige behandelt, oder ob man sich dem durch die Medien ausgeübten Druck aussetzen will, einem Schönheitsideal entsprechen zu müssen. Der Überbetonung eines Schönheitsideals, kann man sich gegebenenfalls leicht entziehen, weil es hier, im nicht-religiösen, nicht tabuisierten Bereich, eben die Freiheit gibt sich zu entziehen, wählen zu können. Die Frau im fundamentalistischen Islam hat nicht die Freiheit zu wählen.


"Das geht euch nichts an"

Das Argument, man lenke von "eigenen" Problemen ab, oder mische sich in "fremde", "andere" Angelegenheiten ein, ist für uns schon deshalb nicht nachvollziehbar, weil wir die Einteilung in "Wir" und "Ihr" ablehnen. Selbstverständlich üben wir Kritik und werden religiösen Fundamentalismus gleich welcher Richtung weiterhin kritisieren, wenn er sich anmaßt, Frauenrechte beschneiden zu wollen. Bei der Kritik am religiösen (in diesem Fall islamischen) Fundamentalismus, kann auch nicht die Rede davon sein, dass wir uns in "nicht eigene" Bereiche einmischen. Der Islam - und somit auch seine fundamentalistische Ausrichtung - ist schon seit Jahrzehnten in Europa angekommen. Wenn wir vom Islam reden, dann geht es um Mitschülerinnen, Freundinnen, Nachbarinnen, Ehegatten, um Mitbürgerinnen.
Abgesehen davon sind das Patriarchat, die Rollenzuschreibungen durch die Religionen und auch der Schleier der Frau nichts "Kulturfremdes", das wir nicht einschätzen und daher nicht kritisieren könnten und dürften.


"Dann dürfen die Frauen gar nicht mehr aus dem Haus"

Den Einwand, vollverschleierten Frauen würde durch ein Verbot ihres Schleiers die Teilhabe am öffentlichen Leben genommen, betrachten wir als zynisch und die Tatsachen verdrehend.
Gerade durch die Vollverschleierung werden die simpelsten Formen des sozialen Zusammenlebens, wie zum Beispiel ein gemeinsames Essen, das Trinken eines Kaffees im öffentlichen Raum, unmöglich. Die zwischenmenschliche Kommunikation wird durch das Fehlen von Mimik und Gestik so weit eingeschränkt, dass sie auf den puren Informationsaustausch reduziert bleibt. Beides ist natürlich gewollt, denn alle Formen des Schleiers sind Ausdruck der traditionellen religiösen Auffassung, dass Frauen in den häuslichen Bereich gehören und dem öffentlichen Bereich grundsätzlich fern zu bleiben haben. Das Ideal der FundamentalistInnen ist die züchtige Hausfrau, die den öffentlichen Raum gar nicht betritt, nicht auffällt, der Familie keine "Schande" bereitet.

Schon im Falle des Kopftuches folgte man der religiös konservativen Ansicht, dass das Kopftuch den Frauen die Freiheit gebe, im öffentlichen Bereich aktiv zu sein. Dieser Argumentation nun sogar im Falle der Vollverschleierung zu folgen, wäre ein Skandal! Hinter dem Hinweis auf die "Gefahr", man schließe Frauen von der Teilhabe an der Gesellschaft aus, steckt nichts anderes als die plumpe Drohung, das Gefängnis aus Stoff durch ein Gefängnis aus Beton auszutauschen. Ein Erpressungsversuch, dem sich ein Rechtsstaat nicht beugen darf und der die dahinterstehende Gesinnung als das entlarvt, was sie ist: menschenverachtend.


Instrumentalisierung des Vorwurfs der Ausländerfeindlicheit und der Vorwurf der " Islamophobie"

Dass FundamentalistInnen und BefürworterInnen der Vollverschleierung im freundlicheren Falle mit Unkenntnis über und mit Vorurteilen gegen den Islam argumentieren, sich aber auch des pauschalen Vorwurfs der "Islamophobie" und Ausländerfeindlichkeit bedienen, hat Kalkül. Die Empfindlichkeit in Bezug auf diese Themen, gerade in Deutschland, ist FundamentalistInnen bekannt. Hier soll schlicht und ergreifend die patriarchale Ideologie, die durch ihren Sitten- und Machtkodex manifestiert wird, jeglicher Kritik entzogen werden. Die Angst vor dem Vorwurf der "Islamfeindlichkeit" und die vorauseilende Distanzierung führt zu dem absurden Ergebnis, dass gestandene DemokratInnen und sogar Feministinnen für das Recht von Fundamentalisten auf ihre frauenfeindliche Weltanschauung eintreten.

Es ist alles andere als fremdenfeindlich, anti-islamisch oder gar "islamophob" wenn wir uns klar gegen fundamentalistische Strömungen in den Religionen und zwar in allen Religionen, stellen. Denn wer nicht selbst noch in Herkunftsrastern denkt, kommt zu folgendem Ergebnis: Bei der Kritik an der Vollverschleierung geht es um die Auseinandersetzung mit einer Gesinnung und eben nicht mit einer Ethnie.


Die "Verletzung religiöser Gefühle"


Ein weiteres sehr beliebtes Instrument, religiöse Traditionen und Werte wie die Burka oder die Vollverschleierung einer öffentlichen und kritischen Debatte zu entziehen, ist der Hinweis auf die "Verletzung religiöser Gefühle". Hier muss deutlich gefragt werden: Was sind "religiöse Gefühle"? Und warum dürfen diese nicht verletzt werden? Stehen "religiöse Gefühle" über humanistischen Werten?

In der Auseinandersetzung mit den Inhalten und Praktiken einer Weltanschauung, darf es keine Sonderstellung und keine tabuisierten, unantastbaren Bereiche geben. Sonst besteht die Gefahr, dass diese Bereiche missbraucht werden, um gesellschaftliche und rechtliche Normen zu umgehen. Die grundrechtlich verbriefte Religionsfreiheit darf nicht zur Worthülse verkommen, die dafür genutzt wird, menschenverachtenden und antidemokratischen Gesinnungen Tür und Tor zu öffnen.

 

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