08.08.2011: TERRE DES FEMMES zu den Slutwalks - Vergewaltigung ist ein Verbrechen – nie Verführung

Im Januar 2011 erklärte ein Polizeibeamter vor Studierenden der York University im kanadischen Toronto, dass Frauen sich nicht wie „Schlampen“ kleiden sollten, wenn sie keine Opfer von Sexualverbrechen werden wollen. Als Protest gegen ein derart sexistisches Weltbild wurde im April in Toronto der erste Slutwalk mit über 3000 TeilnehmerInnen durchgeführt - eine Demonstration, die inzwischen weltweit NachahmerInnen fand. So werden auch in Deutschland vorwiegend am 13. August in bundesweit 14 Städten Protestmärsche gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigungsmythen und -verharmlosung stattfinden.

Denn auch in Deutschland sind Einstellungen wie die des kanadischen Polizisten keine Seltenheit, sondern kennzeichnend für einen symptomatischen Umgang und eine Verharmlosung sexueller Gewalt. So wird Frauen, die Opfer von Sexualverbrechen wurden, häufig nicht nur eine Mitschuld an der Tat suggeriert, in einigen Fällen werden sie sogar als Provokateurinnen stigmatisiert.

Der Mythos der „richtigen“ Kleidung als Schutz vor Vergewaltigungen

Zudem wird Frauen eingeredet, es gebe tatsächlich ein bestimmtes Verhalten und eine Kleidung, durch die frau vor sexuellen Übergriffen geschützt ist. Ihnen wird damit ein bestimmter Lebenswandel und Kleidungsstil vorgegeben, was nicht mit den Grundsätzen der Freiheit und Selbstbestimmung in Einklang zu bringen ist.

Tatsächlich ist die weit verbreitete Vorstellung eines unbekannten Täters, der einer Frau nachts in einer dunklen Ecke auflauert, irreführend. Dies ist lediglich bei 14,5% der bekannten Vergewaltigungen der Fall. In der Mehrheit der Fälle stammt der Täter aus dem Bekanntenkreis oder ist der aktuelle oder ehemalige Partner (vgl. hierzu die EU-weite Studie "Different systems, similar outcomes? Tracking attrition in reported rape cases in eleven countries"(PDF-Download)).

Die Mythen rund um Vergewaltigungen spiegeln ein falsches und gefährliches Bild der Geschlechterrollen wider, da Männer als triebgesteuerte „Opfer“ ihrer Sexualität und Frauen als Verführerinnen, die ihre Reize zu kontrollieren haben, dargestellt werden. Ziel der Slutwalks ist es, die Öffentlichkeit für diese frauenfeindliche und diskriminierende Argumentation zu sensibilisieren.

Was ist eigentlich eine „Schlampe“? – Die kritische Wortwahl des „Slut“walks

Auf den Slutwalks wird gegen das "victim blaming" (die Schuldüberschreibung an das Opfer, Anm. d. V.) und die Verharmlosung sexualisierter Gewalt demonstriert. Dass dies bei manchen bedeutet, freizügig gekleidet zu erscheinen, führt vermehrt zu einer einseitigen Dokumentation der Protestmärsche in den Medien. In Kombination mit der Verwendung des Begriffs "slut" kann somit leicht das eingeschränkte Bild von Frauen entstehen, die für sexuelle Freizügigkeit und das Recht auf vermeintlich „laszive“ Kleidung einstehen.

Aus diesem Grund gibt es Kritik an dieser Art der Benennung und Durchführung der Slutwalks. Die KritikerInnen weisen zumeist auf die Verwendung des Begriffs „Slut“ („Schlampe“) hin, der untrennbar mit einer Abwertung von Frauen und einer Negativierung weiblicher Sexualität besetzt ist. Auch wenn die Slutwalks diese Definition in Frage stellen wollen, benutzen sie doch, so die KritikerInnen, dafür dieselben Kategorien patriarchalischen und sexistischen Denkens und schreiben somit eine männliche Macht- und Bilderordnung fort.

Trotz aller Kritik kann die Begriffsverwendung jedoch auch als eine zynische und stereotype Übertreibung der Vorstellungen und Bilder verstanden werden, die Menschen von einer „Schlampe“ haben: Denn woran ist eine „Schlampe“ zu erkennen? An ihrer Kleidung, ihren sexuellen Vorlieben, ihrem Körper, ihrem Lachen, ihren Worten? Es steht außer Frage, dass es darauf keine Antwort gibt. Eine Frau wird allein deswegen „Schlampe“ genannt, weil sie in den Augen ihres Gegenübers bestimmte Kriterien erfüllt. Dieser Konstruktionscharakter verdeutlicht, dass keine Frau jemals davor geschützt ist, als „Schlampe“ bezeichnet zu werden,  egal wie sie sich verhält und was sie anzieht. Gleichzeitig wird durch die Verwendung aufgezeigt, dass die Konzepte von „Huren und Heiligen“ noch lange nicht überwunden sind und uns täglich in unserem Denken bestimmen.

Weltweit setzen sich FeministInnen seit Jahrzehnten gegen die Verharmlosung sexualisierter Gewalt und die Schuldzuweisungen an Opfer sexueller Übergriffe ein. Dass es nun seit langem wieder eine derart große Bewegung gibt, begrüßt TERRE DES FEMMES sehr. Gleichzeitig ist in diesem Fall auch ein kritischer Blick nötig, beachtet man die Bilder, die sich Slutwalks bedienen (müssen), um Aufmerksamkeit zu bekommen.

TERRE DES FEMMES und die Slutwalks treten für eine Gesellschaft ein, in der Frauen selbstbestimmt und ohne Gewalt leben können. Aus diesem Grund unterstützt TERRE DES FEMMES die Ziele der VeranstalterInnen, solidarisiert sich mit den Opfern von sexualisierter Gewalt und wird am 13. August am Slutwalk Berlin teilnehmen.

Mehr Informationen unter: 

Berlin, 08. August 2011

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TERRE DES FEMMES ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation für Mädchen und Frauen, die durch Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit, Einzelfallhilfe, Förderung von Projekten und internationale Vernetzung von Gewalt betroffene Mädchen und Frauen unterstützt. TERRE DES FEMMES klärt auf, wo Mythen und Traditionen Frauen das Leben schwer machen, protestiert, wenn Rechte beschnitten werden und fordert eine lebenswerte Welt für alle Mädchen und Frauen – gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei! Unsere Schwerpunktthemen sind Häusliche Gewalt, Zwangsheirat und Ehrverbrechen, weibliche Genitalverstümmelung, Frauenhandel, Zwangsprostitution und soziale Rechte für Arbeiterinnen. Der Verein wurde 1981 gegründet, die Bundesgeschäftsstelle befindet sich in Berlin.
Weitere Informationen finden Sie unter www.frauenrechte.de

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