Äthiopien

Fallbeispiel (Quelle)

Mulu ist 13 Jahre alt und hat bereits Schreckliches erlebt. Zwei Mal wurde das äthiopische Schulmädchen entführt und beinahe Opfer einer Zwangsverheiratung. „Brautraub“ nennt sich dieser brachiale Brauch, der in mehreren Gebieten Äthiopiens praktiziert wird. Beim ersten Mal war Mulu elf Jahre alt und gerade auf dem Weg zur Mühle, als eine Gruppe Männer sie von hinten angriff und entführte. In einem Gespräch mit den Eltern einer der Entführer willigten Mulus Mutter und Vater ein, das Mädchen im Austausch gegen eine Kuh und zwei Schafe an den Kindesentführer zu verheiraten. Mulu gelang die Flucht und sie konnte einer Zwangs- und Frühehe entgehen. Auch bei einer weiteren Entführung durch einen 39-Jährigen Mann schaffte es Mulu erneut, sich zu befreien. Doch nicht alle Mädchen in Äthiopien haben so viel Glück wie Mulu, viele werden Opfer eines Brautraubs und sind gezwungen, den Rest ihres Lebens an der Seite des Entführers zu verbringen.

Statistik

  • Bevölkerung: ca. 94,1 Millionen (Weltbank 2013)
  • UNDP Human Development Index: 173 von 187 Ländern (HDI 2013)
  • 74% der Mädchen und Frauen sind von weiblicher Genitalverstümmlung betroffen[1]
  • 41% der Mädchen und Frauen wurden vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet[2]
  • 62% der Frauen in Äthiopien sind Analphabetinnen, in ländlichen Gebieten sind es sogar 71%[3]

Landesüberblick

Äthiopien ist mit etwa 94 Millionen Einwohnern und einem jährlichen Bruttonationaleinkommen pro Kopf von 470 US-Dollar eines der ärmsten Länder der Welt (Weltbank 2013)[4]. Beinahe ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze. Im Human Development Index 2013 liegt Äthiopien auf Platz 173 von insgesamt 187 Ländern. Strukturelle Probleme, wie die Folgen langer Dürreperioden auf die Landwirtschaft, das hohe und schnelle Bevölkerungswachstum –2050 wird Äthiopien zu den zehn bevölkerungsreichsten Staaten der Welt gehören[5]– oder zunehmende Bodenerosion und damit einhergehender Ressourcenmangel, bleiben ungelöst. Ein Großteil der äthiopischen Bevölkerung, 43,5%, sind äthiopisch-orthodoxe Christen, knapp 34% Muslime und 18% Angehörige des protestantischen Glaubens[6].

Vorkommen

Mehr als 40% der äthiopischen Frauen werden verheiratet, bevor sie ihr 18. Lebensjahr erreichen. Damit hat Äthiopien eine der höchsten Früheheraten weltweit. Zwei von fünf Mädchen werden sogar jünger als oder im Alter von 15 Jahren verheiratet. In der Amhara Region im Norden Äthiopiens trifft dies auf knapp die Hälfte aller Mädchen zu. Ein besonders grausamer Brauch ist der sogenannte Brautraub, der noch immer in einigen Gebieten Äthiopiens praktiziert wird. Hierbei lauert ein Mann einem Mädchen auf, vergewaltigt und entführt es und holt sich anschließend bei den Eltern der Entführten die Erlaubnis, sie zu heiraten. Unter dem übermächtigen sozialen Druck, sehen diese keine andere Möglichkeit, als den Vergewaltiger der Tochter als deren Ehemann zu akzeptieren. In Bezug auf Brautraub sind statistische Datengrundlagen kaum vorhanden oder teilweise sehr unterschiedlich. Laut einer Studie des äthiopischen Finanz- und Wirtschaftsentwicklungsministeriums und UNICEF gehen 69% der Ehen in Äthiopien im Jahre 2003 auf eine Entführung zurück[7]. Bei der Umfrage „The 2005 Ethiopia Demographic and Health Survey“ gaben acht Prozent der befragten Frauen an, dass sie Opfer eines Brautraubes waren[8]. Ein derartiges Absinken ist höchst unwahrscheinlich. Fakt jedoch ist, dass diese besonders grausame Form der Früh- und Zwangsehe in Äthiopien weiterhin besteht.

Beweggründe

Die minderjährigen Bräute müssen oft schon als kleine Mädchen, noch vor der eigentlichen Eheschließung, ins Haus der Schwiegereltern ziehen und dort harte Feld- und Hausarbeit übernehmen. Für die Familie des Mannes bedeutet dies eine Arbeitskraft umsonst, für die der Mädchen, die finanzielle Entlastung, ein Kind weniger ernähren zu müssen. Auch für die besonders grausame Praktik des Brautraubs, ist einer der Hauptgründe die extreme Armut. Heiratet ein Mann eine Frau auf legalem Wege, so bedeutet das oftmals, dass er eine enorme Summe an die Eltern des Mädchens zahlen müsste. Bei einer Entführung ist dies nicht der Fall, die Männer müssen kaum etwas zahlen. Außerdem kommt es oftmals zu einer Entführung, wenn das Gesuch eines Mannes ein Mädchen zu heiraten, von deren Familie abgelehnt wird. Entführen die Männer dann ein Mädchen, vergewaltigen und schwängern es, hat ihre Familie kaum eine andere Wahl, als das Kind an ihren Entführer zu verheiraten. Im Falle einer Flucht erwartet die jungen Mädchen oftmals soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung.

Gesetzliche Lage

Im Jahr 2001 wurde das Mindestheiratsalter in Äthiopien von 15 auf 18 Jahre angehoben, doch vor allem auf dem Land sind Kinderehen und Zwangsheiraten noch gängige Realität. Es fehlt an politischen Organen, welche die Einhaltung der gesetzlichen Regelung kontrollieren und bei Missachtung sanktionieren. Auch Gewalt gegen Frauen ist durch das Äthiopische Strafgesetzbuch unter Strafe gestellt. Der Strafrahmen sieht ein bis fünf Jahre Freiheitsentzug vor, im Falle einer Vergewaltigung bis zu 15 Jahren[9]. Doch nur in sehr wenigen Fällen kommt es zu einer Anzeige. Das liegt unter anderem an der geringen Aufklärung über das Thema Gewalt, so gaben bei einer Umfrage 2011 68% der befragten Frauen an, dass sie glauben, ihr Ehemann habe das Recht sie zu schlagen[10]. Seit der Reform des Familiengesetzes 2005 ist die weit verbreitetet Praktik des Brautraubes verboten und wird mit einer Strafe von bis zu 20 Jahren Gefängnis geahndet. Zusätzlich legt Artikel 587 des Gesetzes fest, dass auch im Falle der Einwilligung des Opfers in eine Ehe (vielmehr die Einwilligung ihrer Familie) die Strafe besteht und das Opfer ein Recht auf Wiedergutmachung hat[11]. Zwar hat der Großteil der äthiopischen Regionen das Familiengesetz offiziell angenommen, doch ist auch in diesem Falle die Umsetzung in der Praxis mangelhaft: Das Justizsystem ist überfordert, es gibt zu wenige Poilzeibeamtinnen, und männliche Polizisten sind oftmals unzureichend sensibilisiert oder mangelhaft ausgebildet in frauenrechtlichen Themen. Hinzu kommt, dass viele Richter sich eher traditionellen Riten, als staatlichen Gesetzen verpflichtet fühlen.

Interventionsbeispiele

Quellen

[1] http://www.unicef.org/infobycountry/ethiopia_statistics.html

[2] http://www.unicef.org/infobycountry/ethiopia_statistics.html

[3] http://dhsprogram.com/pubs/pdf/FR255/FR255.pdf

[4] http://data.worldbank.org/country/ethiopia

[5] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/Aethiopien/Wirtschaft_node.html

[6] http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Aethiopien_node.html

[7] http://www.itacaddis.org/docs/2013_09_24_08_09_26_Ethiopia_FGM_Final.pdf

[8] http://dhsprogram.com/pubs/pdf/FR179/FR179%5B23June2011%5D.pdf

[9] https://www.ecoi.net/file_upload/4232_1412928833_deutschland-bundesamt-fuer-migration-und-fluechtlinge-geschlechtsspezifische-verfolgung-in-ausgewaehlten-herkunftslaendern-april-2010.pdf

[10] http://dhsprogram.com/pubs/pdf/FR255/FR255.pdf

[11] https://www.ecoi.net/file_upload/4232_1412928833_deutschland-bundesamt-fuer-migration-und-fluechtlinge-geschlechtsspezifische-verfolgung-in-ausgewaehlten-herkunftslaendern-april-2010.pdf

 

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