„Mit dem Malstift gegen die geraubte Kindheit“ – Bewegende Vernissage am 5. Dezember 2017

Besucherinnen der Vernissage. Foto: © TERRE DES FEMMESBesucherinnen der Vernissage. Foto: © TERRE DES FEMMESWeltweit werden 28 Mädchen pro Minute minderjährig verheiratet – in der Türkei geht nach Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF fast jede dritte Frau vor ihrem 18. Lebensjahr in die Ehe. Was junge Frauen und Männer in der heutigen Türkei über Früh- und Zwangsverheiratung denken, zeigt TERRE DES FEMMES aktuell in einer Bilderausstellung im Frauenzentrum affidamento in Neukölln. Am 5. Dezember wurde sie eröffnet.

„Ich bin bewegt, wie ausdrucksstark und künstlerisch anspruchsvoll sich die SchülerInnen mit dem Thema Früh- und Zwangsehe in ihren Bildern auseinander setzen. Manche Bilder hinterlassen ein richtiges Unwohlsein, es läuft einem kalt den Rücken hinunter“, so ein Gast auf der Vernissage. Ausgestellt sind 21 Kunstwerke von Mädchen und Jungen zwischen 8 und 16 Jahren aus dem südosttürkischen Van. Entstanden sind sie im Rahmen von Malwettbewerben, die YAKA-KOOP, die türkische Partnerorganisation von TDF, seit 2013 jedes Jahr an Schulen ausrichtet.

Empfangen wurden die rund 80 BesucherInnen der Vernissage mit anatolischen Klängen, die Cino Dengi auf der Saz zauberte, einer Langhalslaute, die vom Balkan bis nach Afghanistan verbreitet ist. Begrüßungsworte folgten von der TDF-Bundesgeschäftsführerin Christa Stolle und der Neuköllner Gleichstellungsbeauftragten Sylvia Edler.

Gespannt lauschten die Gäste im Anschluss dem Vortrag der ehrenamtlichen Projektkoordinatorin Dr. Necla Kelek, die selbst in der Türkei groß geworden ist und sich in eigenen Studien und Büchern mit Früh- und Zwangsverheiratung beschäftigt hat. Kelek bot einen soziologischen Blick auf das Thema und ließ bei ihrem Fazit keine Zweifel offen: man müsse gegen „patriarchale Praktiken“ wie die Frühehe, die gerne mit Tradition, Kultur oder Religion begründet würde, aber vor allem der Ausübung von Macht diene, aufstehen. Denn sie schränkten nicht nur Mädchen und Frauen in ihrer Selbstbestimmung und Entwicklung ein, sondern bürdeten auch Jungen und Männern mit der Verantwortung für die Familienehre und Garantie der weiblichen Keuschheit bzw. Treue eine große Last auf.   

Ein kurzer Film stellte danach die Arbeit der TDF-Partnerorganisation YAKA-KOOP vor. YAKA-KOOP gründete sich 2002 als erste Frauenorganisation in Van und leistet seitdem einen großen Beitrag zur Prävention von Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Die Stärkung gewaltbetroffener Frauen durch Beratung, Ausbildung und wirtschaftliche Unabhängigkeit, aber auch öffentliche Aufklärungsarbeit zu Früh- und Zwangsverheiratung stehen dabei im Vordergrund.

Dilek Okur von TDF empfing die Gäste wie auf einer türkischen Hochzeit mit Süßigkeiten und Kölnisch Wasser. Foto: © TERRE DES FEMMES
Saz-Spielerin Cino Dengi neben Christa Stolle. Foto: © TERRE DES FEMMES
Dr. Necla Kelek und die Neuköllner Gleichstellungsbeauftragte Sylvia Edler mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Fritz Felgentreu. Foto: © TERRE DES FEMMES
Die Vernissage war mit 80 Gästen sehr gut besucht. Foto: © TERRE DES FEMMES
Reges Interesse an den Bildern der jungen KünstlerInnen aus Van. Foto: © TERRE DES FEMMES
Zwei Besucherinnen vor einigen der ausgestellten Gemälde. Foto: © TERRE DES FEMMES

 

Ein Input zur Bildsymbolik von der TDF-Aktiven Dilek Okur rundete den Abend ab: die Gäste erfuhren, dass das rote Band, das Bräute auf vielen der Gemälde um die Taille tragen, für Jungfräulichkeit steht. Auch stellte Okur Symbole vor, die in den Bildern auf den großen Altersunterschied zwischen Bräutigam und Braut, Gewalt in der Ehe und den Raub von Kindheit und Unbeschwertheit anspielen.

Nach so viel Information stärkten sich die Gäste am Buffet mit mediterranen Snacks und Wein. In kleiner Runde wurde noch bis spät in den Abend auf der Saz musiziert, gesungen und über die Bilder diskutiert.

Die jungen KünstlerInnen aus Van werden von der Resonanz auf ihre Bilder erfahren. TDF wird ihnen Fotos schicken und berichten. Die Malwettbewerbe verändern aber jetzt bereits ihr Leben: viele junge Frauen und Männer sind auf Hochzeiten nun kritischer, erkundigen sich nach dem Alter der Braut und sprechen mit ihren Eltern über ihre Wünsche und Ziele. Auch bei den Eltern und einflussreichen Personen in den Gemeinden, wie Dorfältesten und Imamen, setzt langsam ein Umdenken ein: warum sollten Mädchen nicht (weiter) zur Schule gehen und eine gute Ausbildung machen, bevor sie heiraten?

Vielen Dank an das Frauenzentrum affidamento, die Neuköllner Gleichstellungsbeauftragte und alle Gäste der Vernissage für den gelungenen Abend und das große Interesse an der Arbeit von YAKA-KOOP! Lesen Sie wie YAKA-KOOP Mädchen und Frauen in der Südosttürkei unterstützt.

„Mit dem Malstift gegen die geraubte Kindheit“
SchülerInnen aus der Türkei über Früh- und Zwangsverheiratung

Bilderausstellung vom 11.12.2017 bis zum 11.2.2018

Montag bis Freitag, 10 – 16 Uhr
Am Wochenende auf tel. Anfrage: 030-5682 4901

 

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