Der Hintergrund des Mordes an Morsal Obeidi in Hamburg 2008

Am Donnerstag, den 15.05.2008 sticht der 23-jährige Ahmad mehr als 20 Mal mit dem Messer auf seine Schwester Morsal ein. Kurz vor Mitternacht stirbt sie noch am Tatort an ihren Verletzungen.

Ein Cousin hatte sich mit Morsal am U-Bahnhof Berliner Tor verabredet, ohne ihr zu sagen, dass ihr Bruder Ahmad auch zu dem Treffen erscheinen wird. Nach der Tat geht der 16-Jährige zur Polizei und bereits am nächsten Tag wird Ahmad verhaftet. Er gesteht die Tat. Er habe sie umgebracht, da sie sich "von der Familie abgewandt" habe.

Der Mord an Morsal Obeidi ist der Abschluss einer langen Leidensgeschichte. Morsal wollte sich den patriarchalischen Lebensvorstellungen ihrer Familie nicht beugen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Mit drei Jahren kam Morsal mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Deutschland. Sie lebte sich gut ein und engagierte sich sogar für ein respektvolles Miteinander an ihrer Schule.

Wegen ihres "westlichen" Lebensstils kam es immer wieder zu gewalttätigen Konflikten mit ihrer Familie, insbesondere mit ihrem Bruder Ahmad und ihrem Vater. Die letzten zweieinhalb Jahre floh sie immer wieder in Einrichtungen der Kinder- und Jugendnothilfe. Aber die Verbindung zur Familie und der Wunsch nach Akzeptanz durch die Menschen, die sie liebte, schienen zu stark zu sein. Nach kurzer Zeit kehrte Morsal immer wieder zu ihrer Familie zurück. Im November 2006 verprügelte Ahmad seine Schwester brutal und verletzte sie dabei schwer. Sie zeigte ihn an, sagte dann aber nicht gegen ihn aus.

Im Frühjahr 2007 schickte der Vater Morsal zu Verwandten nach Afghanistan. Möglichweise plante die Familie auch eine arrangierte Ehe für ihre Tochter. Wenige Tage vor ihrem Tod kam es erneut zu einem Streit mit dem Vater. Er schlug sie zu Boden, laut Polizeiprotokoll. Die Polizei holte sie aus der Wohnung der Familie und brachte sie in einer Jugendeinrichtung unter. Von dort brach sie am Donnerstagabend auf, um sich mit ihrem Cousin (und Bruder) zu treffen.

Am 13. Februar 2009 hat das Hamburger Landgericht Ahmad Obeidi wegen heimtückischen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er seine Schwester aus Wut über ihren Lebensstil erstach. Die Urteilsbegründung wurde von Tumulten begleitet, weil Morsals Familie das Urteil für überspitzt hielt.

Wieviele Frauen jedes Jahr wegen der verletzten Familienehre umgebracht werden, kann man nicht genau sagen. Eine Studie des BKA „Ehrenmorde in Deutschland. 1996-2005" ergab, dass jedes Jahr zwölf "Ehren“-Morde gerichtlich erfasst werden. Nicht mitgezählt sind dabei Fälle, die als Unfall oder Selbstmord getarnt werden. Der Weltbevölkerungsbericht im Jahr 2000 geht von jährlich ca. 5.000 "Ehren“-Morden aus, die in mindestens 14 Ländern verübt werden. Die Dunkelziffer wird um ein vielfaches höher eingeschätzt.

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