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Mädchen durch Bildung stärken – weltweit!

Vor Kurzem hat uns die Meldung über die Entführung von fast 300 nigerianischen Mädchen durch die islamistische Sekte Boko Haram erschüttert. An der Grenze zu Nigeria, im Norden Kameruns haben wir den Bau einer Mädchenschule unterstützt und erfahren nun, dass auch dort die Schülerinnen in Gefahr sind. Umso wichtiger ist es, unser Engagement in dieser Region fortzusetzen – mit Ihrer Hilfe!

Die Schule ist Teil unserer Projektarbeit in Nordkamerun, die wir unter das Leitmotiv Selbstbestimmung durch Bildung – Mädchenbildung stärken gestellt haben. Ein Schulbesuch ist in dieser Region oft die einzige Möglichkeit, um die Mädchen vor (Zwangs-) Verheiratung zu bewahren und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung, allerdings gehen weltweit 39 Millionen der elf- bis 15-jährigen Mädchen nicht zur Schule. Geschlechtsspezifische Gewalt, wie z.b. Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe sowie weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung und frühe Schwangerschaft, ist dabei die häufigste Ursache für einen vorzeitigen Schulabbruch.

Dies bestätigt auch unsere Kooperationspartnerin in Sierra Leone, die Organisation Amazonian Initiative Movement (AIM), die vor allem gegen weibliche Genitalverstümmelung aktiv ist. Zusammen mit uns bietet AIM ein Mädchenschutzhaus an, in dem Mädchen Zuflucht finden können, die von weiblicher Genitalverstümmelung, Zwangsheirat und häuslicher Gewalt betroffen bzw. bedroht sind. Die Organisation setzt sich dafür ein, dass die Mädchen in ihrer Obhut ihrem Schulbesuch fortsetzen können.

Mädchen haben ein Recht auf die freie Entfaltung ihrer Fähigkeiten. Bildung ermöglicht ihnen ein gleichberechtigtes, selbstbestimmtes und freies Leben. Wo immer ihnen diese Rechte abgesprochen werden, brauchen sie unsere Solidarität. Unsere Arbeit kann nur langfristig gelingen.

Bitte unterstützen Sie unsere Projektarbeit mit Ihrer Spende!

Interview mit der Projektkoordinatorin von AIM Veronika Kirschner

Foto: © Veronika KirschnerFoto: © Veronika KirschnerAm 10.11.2013 feierte die Organisation AIM ("Amazonian Initiative Movement“) in Sierra Leone zehnjähriges Jubiläum. AIM schützt Mädchen vor Genitalverstümmelung, indem die MitarbeiterInnen Aufklärung betreiben und den Mädchen ein sicheres Haus zur Verfügung stellen - ein sogenanntes Mädchenschutzhaus. Ehemalige Beschneiderinnen finden neue Arbeit als Köchinnen. Zahlreiche Freiwillige engagieren sich heute bei AIM. Eine von ihnen ist Veronika Kirschner, die als ehrenamtliche Projektkoordinatorin das Bindeglied zwischen AIM und TERRE DES FEMMES bildet.

TERRE DES FEMMES: Liebe Veronika, stell dich bitte kurz vor.

Veronika Kirschner: Ich lebe in Bielefeld, wo ich seit einem guten Jahr für den entwicklungspolitischen Verein Welthaus Bielefeld arbeite. Ich bin dort zuständig für die Vorbereitung und Betreuung von jungen Freiwilligen, die für ein Jahr in Ländern des Globalen Südens ein freiwilliges soziales Jahr, eine Art Praktikum, machen. Von der Ausbildung her bin ich Politologin. Ich war selbst bereits im Ausland tätig und habe mich dann aber entschieden, lieber im ‚Entwicklungsland Deutschland‘ zu arbeiten. Privat lese ich sehr gerne und liebe es draußen, im Wald, in den Bergen, im Wasser unterwegs zu sein. Außerdem würde ich mich als politisch aktive Person bezeichnen. U.a. setze ich mich seit meiner Schulzeit für Frauenrechte ein und bin seit knapp 10 Jahren Mitglied bei TDF.

TERRE DES FEMMES: Wir kam es zu der Entscheidung wieder in Deutschland arbeiten zu wollen?

Veronika Kirschner: Ich denke, dass hier ein Umdenken nötig ist. Wir versuchen mit unseren Freiwilligen ein Verständnis für globale Zusammenhänge und Machtverhältnisse zu schaffen und Menschen für die eigene Positionierung und damit verbundene Privilegien zu sensibilisieren. Die Teilnahme an unserem Programm, vor allem die Lebens- und Arbeitserfahrung in den Ländern des Globalen Südens, soll unsere jungen Freiwilligen stärken, sich aktiv für ein gerechteres Miteinander zu engagieren.
 
TERRE DES FEMMES: Vor zehn Jahren wurde AIM in Sierra Leone gegründet. Was hat sich seit dieser Zeit getan?

Veronika Kirschner: AIM konnte sehr viel erreichen. Ich bin immer wieder beeindruckt von der unermüdlichen Energie und Kraft der Mitarbeitenden von AIM. Es ist nicht einfach sich als NGO in Sierra Leone durchzuschlagen und schon gar nicht, wenn man sich einem so heiklen, sensiblen Thema widmet. Beschneidung von Frauen ist eigentlich bis heute ein Tabuthema – auch wenn AIM maßgeblich dazu beiträgt, dass sich das immer mehr ändert. Mit ihren Kampagnen und Projekten konnten sie bis heute sehr viele Menschen erreichen und zu einem Umdenken bewegen.

TERRE DES FEMMES: Kein leichtes Unterfangen! Wie haben sie das erreicht?

Veronika Kirschner: Menschen davon zu überzeugen einen Jahrhunderte alten Brauch abzulegen ist ein schwieriges Unterfangen und braucht einen langen Atem. Daher ist der Ansatz von AIM auch so nachhaltig  - es nützt nichts, den Menschen mit Verboten und erhobenen Zeigefinger gegenüberzutreten. Eine gute Vernetzung, persönliche Kontakte und viele, langwierige Gespräche mit allen beteiligten AkteurInnen sind hier zielführender. Das ist manchmal schwer zu akzeptieren, angesichts des Leids, das viele Mädchen bis heute durchleben müssen, aber notwendig, um die Menschen wirklich zu erreichen. Es gibt immer mehr, die AIM auch als ehrenamtliche AktivistInnen unterstützen und hinter den Forderungen der Organisation stehen, die die Angebote von AIM nutzen, wie das Schutzhaus und die sich öffentlich gegen die Praxis aussprechen – ein vor ein paar Jahren undenkbares Verhalten! Auch die Mitarbeitenden von AIM hatten am Anfang ernsthafte, teilweise sogar lebensbedrohliche Übergriffe zu erdulden von Menschen, die ihre Tradition in Gefahr sahen. Die Tatsache, dass AIM heute zu traditionellen, politischen und auch religiösen bedeutenden Persönlichkeiten beste Kontakte pflegt und auch sonst eine sehr angesehene Organisation ist, zeigt, wie weit sie in den 10 Jahren gekommen sind.

TERRE DES FEMMES: Seit wann unterstützt du diese wichtigen Entwicklungen und wie arbeitest du mit Rugiatu Turay zusammen?

Veronika Kirschner: Rugiatu Turay. Foto ©: Dörte RompelRugiatu Turay.
Foto ©: Dörte Rompel
Ich habe die Organisation im Rahmen eines Praktikums, das ich über das ASA-Programm dort 2007 gemacht habe, erstmals kennengelernt. Schon damals war ich tief beeindruckt und konnte eine Menge lernen. AIM hatte bereits länger die Idee, ein Schutzhaus für Mädchen zu bauen, die vor geschlechterspezifischer Gewalt, v.a. FGM, geschützt werden müssen. Viele der Mädchen waren zu dem Zeitpunkt bei Rugiatu Turay privat untergebracht, doch das Haus konnte der Anfrage lang nicht mehr gerecht werden. Es fehlte allerdings die Finanzierung und so schlugen wir vor, das Projekt bei TDF einzureichen. Der Antrag wurde 2008 positiv beschieden und seither fungiere ich als ehrenamtliche Projektkoordinatorin zwischen AIM und TDF. Ich besuche AIM regelmäßig ca. alle zwei Jahre und stehe in regelmäßigen Email-und Telefonkontakt, v.a. mit Rugiatu Turay. Wir arbeiten auf einer sehr freundschaftlichen und angenehmen Basis zusammen. Rugiatu kommt auch regelmäßig nach Deutschland und so sehen wir uns eigentlich einmal pro Jahr, was einen vertrauten Umgang ermöglicht. Ich versuche hier zu einer Öffentlichkeit für das Projekt und die Arbeit von AIM beizutragen, in dem ich Vorträge halte und Aktionen mitmache und Anfragen von interessierten Personen beantworte. Ich bin außerdem in der Arbeitsgruppe FGM von TDF aktiv, wo wir uns auch regelmäßig über die Projektkooperation mit AIM austauschen.

TERRE DES FEMMES: Spannend! Was motiviert dich, auch weiterhin persönlich für Mädchen- und Frauenrechte einzustehen?

Veronika Kirschner: Zum einen ist es natürlich der persönliche Kontakt nach Sierra Leone, die Bekanntschaft mit all den AktivistInnen, die mich nachhaltig beeindruckt haben und mich immer weiter motivieren, das Projekt zu unterstützen. Zum anderen sind es der noch immer global existierende Sexismus und die patriarchale Gesellschaftsordnung, in der wir alle leben, die mich zu weiterem Aktivismus antreiben. Überall auf dieser Welt werden Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert und ausgeschlossen. Das versuche ich weiter mit zu ändern. Ich werde erst aufhören, wenn es keine Rolle mehr spielt, welches Geschlecht ich habe.

TERRE DES FEMMES: Und welche Pläne gibt es für die Zukunft des Amazonian Initiative Movements?

Veronika Kirschner: Wie immer, viele! An Ideen mangelt es nie! Das Schutzhaus boomt und immer mehr Mädchen wenden sich schutzsuchend an AIM. Es ist das erste seiner Art. Es gibt also daneben eigentlich kaum Angebote für Mädchen, die sich FGM verweigern wollen. Daher wird überlegt, das Schutzhaus auszubauen. Auch werden die Mädchen, sollte eine Rückkehr in die Familie nicht möglich sein, begleitet, bis sie auf eigenen Beinen stehen können. Es sollen ihnen eine Ausbildung oder ein Studium ermöglicht werden. Die ersten drei Mädchen sind schon dabei. AIM möchte die Mädchen zu Multiplikatorinnen und Vorbildern für andere junge Menschen in Sierra Leone befähigen. Die Menschen sollen erkennen, dass auch unbeschnittene Frauen ihr Leben gut und verlässlich meistern können, dass sie eine Familie gründen und für diese Sorge tragen können. Außerdem ist seit längerem geplant, auf dem großzügigen Land, das die Gemeinde AIM für den Bau des Schutzhauses zur Verfügung gestellt hat, eine Grundschule mit einem kleinen Bildungszentrum zu erbauen.

TERRE DES FEMMES: Gibt es konkrete Vorstellungen, wie das Bildungszentrum aufgebaut sein könnte?

Veronika Kirschner: AIM versucht schon länger auch auf der Bildungsebene Einfluss zu nehmen und in Lehrpläne die Aufklärung über FGM und die Konsequenzen zu integrieren. An einer eigenen Schule hätten sie da mehr Spielraum und mit einem solchen Zentrum, die Möglichkeit eigene Veranstaltungen anzubieten. Außerdem will AIM eine weitere Schule bauen in einer sehr entlegenen Gegend, wo die Gemeinden seit ewigen Zeiten vergebens auf Bemühungen seitens der Regierung warten. Viele Kinder gehen wegen der langen Entfernungen von bis zu 5 Meilen gar nicht erst zur Schule. Vor allem für Mädchen ist das auch gefährlich, weil immer wieder Übergriffe passieren. Und auch auf politischer Ebene ist AIM aktiv – sie betreiben Lobbyarbeit bis in Ministerien und versuchen immer mehr politische Entscheidungsträger_innen von ihren Forderungen zu überzeugen und in Verantwortung zu nehmen.

TERRE DES FEMMES: Wie können diese Ziele denn von Deutschland aus unterstützt werden?

Veronika Kirschner: Hier kann hauptsächlich Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising betrieben werden. Die kleine NGO muss sich selbst tragen, d.h. die Mitarbeitenden entsprechend entlohnen und die Büroinfrastruktur aufrecht erhalten. Zudem braucht es die nötige Finanzierung für alle diese vielversprechenden Projekte. Die Mädchen im Schutzhaus sind auf die Versorgung durch AIM angewiesen, wenn sie ihre Familie verlassen. Diese zu gewährleisten ist die geteilte Verantwortung von uns, TDF und AIM. Es hilft ungemein, wenn möglichst viele und verschiedene Menschen die Forderungen und Aktivitäten von AIM bekannter machen, zum Beispiel indem sie bei Veranstaltungen für AIM werben. InteressentInnen dürfen sich jederzeit gerne an mich oder an Rugiatu Turay direkt wenden.

TERRE DES FEMMES: Danke für das Interview!

Urvashi Butalia über Frauen und Frauenrechte in Indien

Foto: © Urvashi ButaliaFoto: © Urvashi ButaliaGeboren 1952 in Ambala, im nordindischen Bundesstaat Haryana,  studierte sie in Neu Delhi Literatur und in London Südasienwissenschaften. 1984 gründete Urvashi Butalia zusammen mit Ritu Menon das erste feministische Verlagshaus Indiens, Kali for Women. 2003 entstand daraus der Verlag Zubaan Books, der von Urvashi Butalia geleitet wird. In die Verlagstätigkeit miteingeflochten ist die Förderung von Frauen und Frauenrechten. Zum einen werden potentielle Autorinnen unterstützt, sowie Workshops in Verlagsarbeit und kreatives Schreiben für Frauengruppen und junge Frauen und Mädchen angeboten. Außerdem arbeitet der Verlag zusammen mit nationalen und internationalen Organisationen für die Anerkennung der Frauenrechte. Durch Publikationen in The New Internationalist, The Guardian und Lettre International, sowie bei der #Aufschrei-Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung im März 2013, informiert Urvashi Butalia das internationale Publikum über die Situation der Frauen und Frauenrechte in Indien.

Mitarbeiterinnen von TERRE DES FEMMES e.V. haben Urvashi Butalia im Juli 2013 interviewt.

Multiple Realitäten

Die Situation von Frauen in Indien ist facettenreich: „Dazu gibt es keine einfache Antwort“ – dies ist ein Satz, der in fast jeder Antwort Urvashi Butalias auftaucht. Tatsächlich lässt ihre Analyse die Vielschichtigkeit der Thematik erahnen. Auf dem rund 3,3 Millionen km² großen Subkontinent leben 1,2 Milliarden Menschen. Die Komplexität des Landes wird jedoch nicht nur von seiner Größe und seiner Bevölkerungszahl bestimmt: „Indien ist ein Land enormer Unterschiede in Hinblick auf Kultur, Geographie, Politik, Entwicklung und vielen weiteren Punkten“.

Die Entwicklung sowie die aktuelle Lage der Frauenrechte in Indien sind damit nur schwer erfassbar. Aufgrund der Vielfalt und Verschiedenheit des Landes ist es, laut Urvashi Butalia, schier unmöglich, eine allgemein gültige Generalisierung aufzustellen. Ihr zufolge werde gesellschaftlicher Wandel viel zu oft anhand von Statistiken festgestellt, oder aber, es werde nur ein linearer Fortschritt betrachtet. Dabei ist Indien ein Land „multipler Realitäten“. In den vergangenen dreißig Jahren wurden Gesetze erlassen, die maßgeblich zur Stärkung der Frauenrechte beigetragen haben. Dazu gehören das Gesetz gegen häusliche Gewalt, sexuelle Nötigung oder die Novellierung des Heirats- und Erbrechts. Außerdem wurde im Zuge der Gesetzesänderungen in Indien eine Frauenquote von 33% auf dörflicher- und kommunaler Ebene festgelegt. In manchen Teilen des Landes beträgt die Frauenquote sogar 50%. Dies hat dazu geführt, dass heute mehr als 1,2 Millionen Stellen in Indien per Quotenregelung von Frauen besetzt sind. Des Weiteren wurde eine Vielzahl an Regierungsprogrammen zur Förderung von Frauen eingerichtet. So etwa das „women‘s development program, das „shiksha karmi programme“, das „mahila samakhya programme“ und viele mehr. 

Auch wird oftmals übersehen, dass es in Indien seit Langem eine aktive Frauenbewegung gibt, die sich engagiert für Frauenrechte einsetzt und den politischen Diskurs mitgestaltet. Urvashi Butalia wird nicht müde, auf die komplexen politischen Diskussionen zu Frauenrechtsthemen hinzuweisen, die seit Jahrhunderten einen festen Platz in der Gesellschaft haben. Viele der soeben genannten Gesetzesänderungen entspringen dieser aktiven Diskussionskultur und Frauenbewegung. Dazu gehören beispielsweise spontane Proteste gegen Gewalt an Frauen sowie  landesweite Kampagnen.

Gleichzeitig, so Urvashi Butalia, stehe außer Frage, dass Frauen in Indien den schlimmsten Formen von Unterdrückung ausgeliefert sind. Das Leben vieler Frauen hat sich auch durch Reformen nicht geändert. Viele werden weiterhin mit Gewalt konfrontiert.

Der soziale Wandel in Indien

Doch woraus resultiert die Gewalt gegen Frauen in Indien? Urvashi Butalia sieht hier eine ganze Reihe an Faktoren, die auch zur tödlichen Gruppenvergewaltigung am 16. Dezember 2012 beigetragen haben. Dazu zählt sie unter anderem den sozialen Wandel, der sich im wirtschaftlich stetig wachsenden Indien schnell vollzieht. Dieser bewirkt ein zunehmendes Gefälle zwischen Arm und Reich: „Aufgrund der Einkommenskluft (…), die die Reichen in den Städten reicher und die Armen ärmer macht, entstehen neue Angriffspunkte und Frauen werden verletzbarer gegenüber Gewalt“. Aber auch die Globalisierung trägt zum sozialen Wandel bei. Besonders in den Städten erschließen sich Frauen den öffentlichen Raum. Sie nehmen Arbeiten an, die ihnen vor einem Vierteljahrhundert noch unmöglich zugeteilt worden wären. Das indische Großstadtbild zeigt Frauen in der Informationstechnologie-Branche, als Barkeeperinnen oder Restaurantbesitzerinnen, als Taxifahrerinnen und Lokführerinnen. Während Frauen also vom gesellschaftlichen Wandel profitieren, neue Möglichkeiten und Chancen erlangen und den öffentlichen Raum erobern, schürt dies Unmut bei vielen Männern. Durch die zunehmende Präsenz von Frauen fürchten sie nicht nur um ihre Arbeitsstellen, sondern auch um ihren Platz in der traditionell männerdominierten Gesellschaft. Der soziale Wandel, und besonders die Geschwindigkeit, mit der er sich vollzieht, führen augenscheinlich zu gesellschaftlichen Spannungen, die neben weiteren Faktoren den Grund für das Übermaß an Gewalt gegen Frauen darstellen.

Wie aber soll gegen die gewalttätigen Ausschreitungen an Frauen vorgegangen werden? Im Zuge des 16. Dezembers wurden erste gesetzliche Änderungen durch die Justice Verma Commission eingeleitet, die Urvashi Butalia jedoch nicht für ausreichend hält: „Ich denke nicht, dass ein neues Gesetz allein große Veränderungen im Leben der indischen Frauen oder in der Arbeit indischer Frauenorganisationen bewirkt.“.

„Veränderungen sind schwer, aber letztendlich auch notwendig“

Benötigt es etwa eine kulturelle Revolution, wie sie die Inderin Kamla Bhasin fordert, um das bestehende Männerbild, das Gewalt gegen Frauen legitimiert, zu überwinden? Urvashi Butalia sieht eine grundlegendere Veränderung als notwendig und fordert: „Wir benötigen einen Wandel auf sämtlichen Ebenen, auf politischer, ökonomischer, kultureller, persönlicher, religiöser… Nach Jahrhunderten des Patriarchats ist dieser Wandel durchaus möglich. Aber er wird sich langsam vollziehen und wegen seiner Komplexität ist er nur schwerlich messbar“. In einigen Bereichen haben Veränderungen bereits begonnen, so etwa auf Bildungsebene. In anderen Bereichen muss der Wandel noch vollzogen werden. Er muss sämtliche gesellschaftlichen Ebenen durchdringen und auch die praktischen Bereiche des Lebens erreichen wie etwa die Infrastruktur, die in den Städten der Entwicklung noch immer hinterher hinkt. Hier existieren beispielsweise keine geeigneten Transportmöglichkeiten für Frauen, die als Arbeitnehmende oftmals auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Auch die Straßen sind nachts nicht ausreichend beleuchtet. Die Sicherheit im öffentlichen Raum müsste für Frauen dringend verbessert werden. Außerdem benötigt es „safe spaces“, weitere Gesetzesänderungen, sowie Diskussionen und öffentliche Dialoge in den Medien. Auch müssen sich die Lebensbedingungen der Menschen bessern, denn Armut und geschlechterspezifische Unterschiede stehen in enger Verbindung zueinander. Zuletzt, so Urvashi Butalia, muss nicht nur ein Umdenken in den Köpfen der indischen Männer stattfinden. Auch die Frauen müssen ihre Denkweise ändern. Denn nur mit ihrem Zutun konnte das Patriarchat so lange überleben.

Dies bedeutet einen großen Umbruch auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen. Doch Urvashi Butalia zeigt sich optimistisch, dass dieser Wandel machbar ist: „Die Menschen sagen oft, Veränderungen sind schwer zu bewirken. Aber das glaube ich nicht! Ich glaube, wenn Menschen sich verändern wollen, werden sie das tun. Die Herausforderung für uns besteht darin, sowohl Männern als auch Frauen diesen Umbruch interessant zu machen. Veränderungen sind immer schwer, aber letztendlich sind sie auch notwendig. Ich denke also, wir werden lernen, damit umzugehen“.

Appell an einen gemeinsamen Feminismus

Wie eingangs bereits angemerkt wurde, gab es eine weltweite Resonanz auf die brutalen Vergewaltigungsvorfälle Ende 2012, sowie 2013. Urvashi Butalia hat in der Vergangenheit nicht nur die Berichterstattung, sondern den weltweiten Diskurs im Zuge der Ereignisse kritisiert. TERRE DES FEMMES bat Urvashi Butalia, ihre Kritik zu erläutern und fragte, welche Art der Unterstützung sie sich für die indische Frauenbewegung von Seiten westlicher Feminist_innen wünscht. 

Urvashi Butalia kritisierte die einseitige Darstellung der internationalen Berichterstattung des Themas Gewalt an Frauen in Indien. Ihr zufolge sei es u.a. das Vorgehen westlicher Medien gewesen, Gewalt an Frauen als „indisches Phänomen“ darzustellen, anstatt es als weltweites, und damit auch westliches Problem zu betrachten. So werde Indien als weit entferntes, „anderes“ Land gezeigt, dessen Kultur und Menschen dem Eigenen fremd sind. Damit, so Urvashi Butalia, lasse sich leicht vergessen, dass Gewalt an Frauen auch die eigene Kultur betrifft. Ihre Kritik schließt auch den westlichen Feminismus mit ein. In den vergangenen Monaten schienen sich Solidaritätsbekundungen mit der Idee zu mischen, der westliche Feminismus müsse nach Indien getragen werden, um die Probleme indischer Frauen zu lösen. Dabei wurde völlig außer Acht gelassen, dass es in Indien bereits eine gut vernetzte und sehr aktive Frauenbewegung gibt. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das westliche Gefühl von Überlegenheit gegenüber anderen Ländern, wie beispielsweise Indien, nicht neu ist. Welche Möglichkeiten bestehen also von Seiten der westlichen Feminist_innen, Solidarität und Unterstützung zu zeigen, ohne dabei den Fehler zu begehen, koloniale Strukturen zu wiederholen? Urvashi Butalia zufolge müsse von Feminist_innen weltweit erkannt werden, dass sie gemeinsam an einem Strang ziehen. Seit jeher ist es eine Stärke der globalen Frauenbewegung, Koalitionen aufzubauen und Solidarität zu schaffen. Dabei sei es wichtig, dass keinerlei Überlegenheitsgefühl regiere und stattdessen kulturelle Unterschiede akzeptiert und als Bereicherung angenommen werden. Nur durch einen gemeinsamen Feminismus, der über Landes- und Kulturgrenzen hinweg wirken kann sieht Urvashi Butalia die Möglichkeit, voran zu kommen.

 

Forderungen

Demonstration gegen Frauenmorde im August 2017 in Managua, Nicaragua. Foto: © TERRE DES FEMMESDemonstration gegen Frauenmorde im August 2017 in Managua, Nicaragua. Foto: © TERRE DES FEMMESIn allen Ländern der Welt sind Frauen diskriminierenden Strukturen ausgesetzt und weit davon entfernt in den vollen Genuss grundlegender Menschenrechte zu gelangen. Patriarchalische Gesellschaften, religiös begründete Gebote oder traditionell verwurzelte Vorstellungen führen dazu, dass Frauen um die freie Entfaltung ihrer Fähigkeiten, Bildung oder um ihre bloße Existenz kämpfen müssen.

In der Internationalen Zusammenarbeit setzt sich TERRE DES FEMMES für eine Welt ohne Armut und Gewalt ein, in der alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit in Frieden, Würde und Sicherheit leben können. Ein zentrales Element dafür ist die Verbesserung von Frauenrechten, da

  • Gewalt gegen Frauen als eine weltweite Problematik fortbesteht. Von Margaret Chan, der Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, wurde sie 2013 als ein „globales Gesundheitsproblem von epidemischem Ausmaß“ deklariert!
  • mehr als 200 Millionen Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind.
  • mehr als 250 Millionen Mädchen bei ihrer (Zwangs-)Verheiratung unter 15 Jahre alt waren.
  • 130 Millionen Mädchen weltweit nicht zur Schule gehen.

Geschlechtergerechtigkeit muss weltweit gestärkt und diskriminierende Traditionen überwunden werden. Frauen müssen in ihren Partizipationsmöglichkeiten und im Zugang zu Ressourcen unterstützt werden, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dies erkennt der entwicklungspolitische Aktionsplan zur Gleichberechtigung der Geschlechter 2016-2020 (PDF-Datei) vom Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) an. Dort wird als prioritäres Themenfeld Gewalt gegen Mädchen und Frauen sowie als sektorübergreifendes Handlungsfeld explizit die Stärkung von Frauenorganisationen benannt. Diesen programmatischen Bekundungen müssen allerdings entsprechende Taten folgen.

TERRE DES FEMMES fordert:

  • Den verstärkten Einsatz von Programmen und Ressourcen in der Entwicklungszusammenarbeit des BMZ, damit Frauenprojekte und Frauenorganisationen stärker unterstützt werden.
  • Gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen sowie die Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte von Frauen
  • In allen bilateralen Verhandlungen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit muss auf Geschlechtergerechtigkeit hingewirkt und der Kampf gegen Frauenrechtsverletzungen gestärkt werden. U.a. in Ländern wie Mali oder Sierra Leone ist die Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung durch das Fehlen eines gesetzlichen Verbotes quasi legitimiert. In solchen Ländern sollten deutsche Finanzierungszusagen von konkreten Maßnahmen zur Implementierung eines gesetzlichen FGM-Verbotes abhängig gemacht werden.
  • Die Bereitstellung von Ressourcen, um bereits existierende gesetzliche Regelungen wie CEDAW (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women - Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau) und UN-Resolutionen, wie z.B. die Resolution für ein weltweites Verbot weiblicher Genitalverstümmelung von 2012, in ihrer Umsetzung zu stärken.
  • Eine konsequente Verwirklichung der Agenda 2030-Entwicklungsziele und die besondere Beachtung sowie Bereitstellung von Ressourcen zur gezielten Umsetzung von Ziel 5: „Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen erreichen“.

Unsere Forderungen sind nachzulesen in den anlässlich der Bundestagswahl 2017 erstellten TERRE DES FEMMES-Wahlprüfsteinen (PDF-Datei).

Rakieta Poyga kämpft in Burkina Faso gegen weibliche Genitalverstümmelung

Im westafrikanischen Burkina Faso sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation über 70% der Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. An ihre eigene Beschneidung kann Rakieta Poyga sich nicht mehr erinnern. Bei der Geburt ihrer Tochter wäre sie jedoch beinahe an den Folgen gestorben. In Burkina Faso kämpft sie nun gegen diese Tradition – mit Erfolg.

Rakieta Poyga im Oktober 2012 bei der Feier zur Beendigung der Genitalverstümmelung in den Dörfern der Gemeinde Nongr-Massom. Foto: © Association Bangr Nooma.Rakieta Poyga im Oktober 2012 bei der Feier zur Beendigung der Genitalverstümmelung in den Dörfern der Gemeinde Nongr-Massom.
Foto: © Association Bangr Nooma.
Genau wie viele andere Mädchen und Frauen in Burkina Faso wurde auch Rakieta Poyga als junges Mädchen beschnitten. Schmerzlich erfahren hat sie dies als 38-Jährige wieder bei der Geburt ihres ersten Kindes im Februar 1998 – und unter „unbeschreiblichen Schmerzen.“ Von diesem Tag an war für sie klar: „Künftigen Generationen von Frauen muss diese schlimme Erfahrung erspart bleiben.“ Sie gründete die Organisation „Bangr Nooma“, was so viel heißt wie: „Es gibt nichts Besseres als Wissen.“ Im Zentrum der Arbeit von Bangr Nooma stehen die Aufklärungs- und Überzeugungskampagnen in den Dörfern und in den armen Stadtrandvierteln der Hauptstadt Ouagadougou. „Denn,“ so Rakieta Poyga, „niemand der vernünftig und aufgeklärt ist, will seine Tochter oder seine Frau auf diese Art und Weise verletzen.“

Die Kampagnen von Bangr Nooma erstrecken sich über mehrere Jahre und richten sich sowohl an Mädchen und Frauen, Jungen und Männer, Hebammen, traditionelle und religiöse Würdenträger sowie an die Beschneiderinnen selbst. Die ehemaligen Beschneiderinnen spielen hier eine entscheidende Rolle, da sie von geplanten Verstümmelungen erfahren und diese zur Anzeige bringen können. Seit Bestehen von Bangr Nooma unterstützt TERRE DES FEMMES diese wichtigen Sensibilisierungs-Aktivitäten in Burkina Faso.

In Burkina Faso ist die Beschneidung von Mädchen und Frauen seit 1996 gesetzlich verboten, trotzdem wird diese Praktik vor allen Dingen in ländlichen Gebieten, aber auch in den wild gebauten Vierteln der Hauptstadt Quagadougou weiterhin im Verborgenen durchgeführt.

Begonnen hat Rakieta Poyga ihren Kampf gegen weibliche Verstümmelung gemeinsam mit fünf anderen Frauen in der Hauptstadt Burkina Fasos. Kurze Zeit später weitete sie die Kampagne auf ihr Heimatdorf und dessen Nachbardörfer aus. Sie war überzeugt: „Wenn ich es dort schaffe die Menschen zu überzeugen, dann werde ich es überall schaffen.“ Sie hat es geschafft. Dank Bangr Nooma gibt es heute nicht nur in ihrer Heimatgemeinde, sondern in 810 weiteren Dorfgemeinschaften Komitees gegen Genitalverstümmelung: sie übernehmen die Verantwortung für den Schutz bedrohter Mädchen in ihrem Dorf. Insgesamt hat Bangr Nooma seit Gründung der Organisation bereits über 800.000 Menschen durch die Aufklärungskampagnen in Burkina Faso erreicht und auf diese Art und Weise über 33.000 junge Frauen vor der Beschneidung bewahrt.

Besonders schwer waren für Rakieta Poyga und ihre Mitstreiterinnen die ersten Jahre nach der Gründung Bangr Noomas. „Viele haben mich kritisiert,“ erzählt Rakieta, die von 1984 bis 1994 zuerst in der DDR und dann in der BRD studiert hat. Sie haben gesagt: „Du bist in Europa gewesen. Ist das alles, was du dort gelernt hast? Über Körperlichkeit und Genitalien zu reden?“ Sie seufzt. „Natürlich fiel es mir schwer, als Frau in Burkina über dieses Thema zu sprechen. Vor allem die Älteren empfanden das als unhöflich, ja sogar als Beleidigung.“ Aber Rakieta Poyga ist überzeugt, dass das, was sie tut, richtig ist. Und der Erfolg gibt ihr Recht: Im Oktober 2012 wurde die weibliche Genitalverstümmelung in mehreren Dörfern symbolisch zu Grabe getragen. Dabei wurden die traditionell zur Beschneidung verwendeten Utensilien unter den Augen aller Anwesenden „begraben“. Dies ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber Rakieta Poyga will mehr: „Erfolgreiche Entwicklung braucht die Beteiligung von Frauen. Deswegen arbeiten wir hart und setzen uns dafür ein, die Lebensbedingungen der Frauen zu verbessern.“

Ein besonderes Anliegen ist ihr die Aufklärung von Frauen. Gerade diese „müssen hinsichtlich traditioneller schädlicher Praktiken aufgeklärt werden, damit sie mehr Selbstbewusstsein erlangen und eigenständig entscheiden können. Nur so werden wir auch die weibliche Genitalverstümmelung eines Tages besiegen. Die Nicht-Beschneidung soll zur sozialen Norm werden. Dafür machen wir uns stark.“

Rakieta Poyga hat bereits bewiesen, dass es möglich ist, die Mentalität der Menschen in Bezug auf die Beschneidung zu verändern. Erreicht werden kann dieser Wandel jedoch nur durch eine langfristige und kontinuierliche Arbeit. Rakieta Poyga lässt keinen Zweifel daran, dass sie den Mut und die Kraft hat, diesen Kampf fortzusetzen.

Rugiatu Turay im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung in Sierra Leone

Rugiatu Turay bei der Sensibilisierungsarbeit in einem Dorf. Foto: © Dörte RompelRugiatu Turay bei der Sensibilisierungsarbeit in einem Dorf.
Foto: © Dörte Rompel
Im westafrikanischen Sierra Leone sind 90% der Frauen, die älter sind als 15 Jahre genitalverstümmelt. Rugiatu Turay hat am eigenen Leib erfahren, wie schrecklich Beschneidungen sind. Nun kämpft sie dagegen an – und setzt sich so in Sierra Leone Gefahren aus.

Rugiatu Turay, Gründerin der „Amazonian Initiative Movement“ ist eine Amazone. In der griechischen Mythologie ist dies ein Volk kämpferischer Frauen, das „männergleich“ in den Krieg zieht. Auch Rugiatu kämpft, allerdings nicht mit Waffen sondern mit Worten. Ihr Gegner: die genitale Verstümmelung von Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland Sierra Leone.

Rugiatu Turay weiß wovon sie spricht, wenn sie sagt, dass Mädchen und Frauen ihr Leben lang unter den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung leiden. Nach dem Tod ihrer Mutter wurde sie im Alter von 12 Jahren selbst beschnitten und wäre fast verblutet. Erst nach einer Woche konnte sie wieder gehen. Zur selben Zeit wurde ihre Kusine beschnitten – und starb. Damals wurde die junge Frau zur Aktivistin gegen Genitalverstümmelung: „Es ist meine persönliche Erfahrung, die mich antreibt.“ Seitdem engagiert sie sich gegen diese Tradition – zuerst in Guinea, wohin sie 1997 aufgrund des Bürgerkriegs in Sierra Leone floh, später auch in ihrer Heimat. Hier gründete sie im Jahr 2003 die Menschenrechtsorganisation Amazonian Initiative Movement, kurz AIM.

AIMs erklärtes Ziel ist es, das allgemeine Schweigen über die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung zu durchbrechen. Dazu organisieren die MitarbeiterInnen Aufklärungsveranstaltungen. Außerdem wenden sie sich an die lokalen Politiker und an die Beschneiderinnen selbst.

Bislang gibt es in Sierra Leone kein Gesetz, das weibliche Genitalverstümmelung verbietet. So kommt es, dass in Sierra Leone über 90% der Mädchen und Frauen beschnitten sind.

Als AIM seine Arbeit aufnahm, brach der Verein mit der öffentlichen Thematisierung von Genitalverstümmelung ein Tabu. Rugiatu Turay selbst wurde mehrfach bedroht, bekam sogar Morddrohungen. Ans Aufhören hat sie jedoch nie gedacht: „Ich bin entschlossen, meinen Kampf fortzusetzen.“

Für ihr Engagement wurde sie 2010 mit dem Alice-Salomon-Award ausgezeichnet. Damit ehrt die Alice Salomon Hochschule Berlin Personen, die sich für die Emanzipation der Frauen einsetzen.

Ein weiterer Teil der Arbeit von AIM ist die Begleitung und Unterstützung so genannter Run-Away-Girls. So werden Mädchen genannt, die vor der Beschneidung geflohen sind. Für diese Mädchen hat AIM mit der Unterstützung von TERRE DES FEMMES ein Schutzhaus gebaut. Hier werden die Mädchen von einer Sozialarbeiterin betreut und bekommen den Schulbesuch oder eine Ausbildung ermöglicht.

Bevor es das Schutzhaus gab, hat Rugiatu Turay die Mädchen in ihrer Privatwohnung in Lunsar aufgenommen. In Lunsar, einer Stadt im Norden Sierra Leones, befindet sich auch das Büro von AIM. Von hier aus organisieren die Gründerin und ihre MitarbeiterInnen zahlreiche Aktivitäten.

Rugiatu Turays Tage sind voll. Morgens klärt sie Schülerinnen und Schüler über Menschen- und Kinderrechte auf, mittags trifft sie sich mit Geistlichen, Politikern und Beschneiderinnen, um über die Stellung der Frau, deren Rechte und die Abschaffung der weiblichen Genitalverstümmelung zu diskutieren. Denn, so Rugiatu Turay, „Menschen bilden heißt sie stärken. Nur über ihre Denkweise können wir das Handeln der Menschen verändern.“

Bis heute hat die Frauenrechtsaktivistin etwa 60 Beschneiderinnen in Sierra Leone davon überzeugt, ihr Handwerk aufzugeben. Im Gegenzug bietet AIM den ehemaligen Beschneiderinnen nicht nur Unterricht im Lesen und Schreiben, sondern auch den Besuch von Kursen in Landwirtschaft und Viehwirtschaft an. So stellt AIM sicher, dass die Frauen nicht aus wirtschaftlicher Not wieder als Beschneiderinnen tätig werden.

Zufrieden ist Rugiatu Turay aber noch lange nicht. „Eines Tages möchte ich mit dem Wissen aufwachen, dass Mädchen keine Angst mehr vor weiblicher Genitalverstümmelung haben müssen. Ich möchte sehen, wie junge Männer unbeschnittene Frauen heiraten, Eltern die Entscheidungen ihrer Kinder respektieren und die Regierung denen Schutz gewährt, die ihn benötigen. Ich möchte sehen, wie Frauen in Sierra Leone Führungspositionen übernehmen. Dafür kämpfe ich.“

Und so bleibt der Name „Amazonen“ auch weiterhin aktuell. Rugiatu Turay wird weiterkämpfen, wenn nötig – wie sie sagt: „Till my last drop of blood.“

Unser Engagement

Projektarbeit vor Ort in Mali, März 2017: v.l.n.r. Renate Staudenmeyer (Referat IZ), Bintou Coulibaly Diawara (Präsidentin APDF), Susanne Meister (ehrenamtliche Projektkoordinatorin TDF), Aminata Koné Diakité (APDF). Foto: © TERRE DES FEMMESProjektarbeit vor Ort in Mali, März 2017: v.l.n.r. Renate Staudenmeyer (Referat IZ), Bintou Coulibaly Diawara (Präsidentin APDF), Susanne Meister (ehrenamtliche Projektkoordinatorin TDF), Aminata Koné Diakité (APDF).
Foto: © TERRE DES FEMMES
Bereits seit seiner Gründung 1981 setzt sich TERRE DES FEMMES auch auf internationaler Ebene im Kampf für Frauenrechte ein. Anknüpfend an die ehrenamtlich geschaffenen Strukturen und langjährigen Kontakte der Mitfrauen nahm im September 2012 das Referat für Internationale Zusammenarbeit seine Arbeit in der TERRE DES FEMMES-Geschäftsstelle auf.

Die Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen wird auch heute noch von dem Engagement unserer ehrenamtlichen Projektkoordinatorinnen getragen. Gemeinsam mit dem Referat für Internationale Zusammenarbeit wird Öffentlichkeitsarbeit, Fundraising und Fördermittelakquise in Deutschland für die internationalen Kooperationen von TERRE DES FEMMES vorangebracht. Mit unseren Partnerorganisationen stehen wir in regelmäßigem Austausch und führen einmal pro Jahr Projektbesuche vor Ort durch. Auf diese Art und Weise können wir gemeinsam reflektierte Projektarbeit nachhaltig weiter entwickeln. Neben der Unterstützung von laufenden Projektaktivitäten unserer Partnerorganisationen, sind einige unsere größeren Projektvorhaben:

Gemeinsam mit ihrer Partnerorganisation MIRIAM in Nicaragua tritt TDF ein für ein Leben frei von Gewalt. Foto: © TERRE DES FEMMESGemeinsam mit ihrer Partnerorganisation MIRIAM in Nicaragua tritt TDF ein für ein Leben frei von Gewalt. Foto: © MIRIAMUnser Engagement ist dabei einerseits an den Errungenschaften der internationalen Frauenbewegung orientiert, die insbesondere in der Pekinger Aktionsplattform der vierten Weltfrauenkonferenz (1995) ihren Niederschlag gefunden haben. Ein weiterer Orientierungsrahmen ist der Zielkatalog der im September 2015 von der UN-Generalversammlung verabschiedeten Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung.

Das Zusammenkommen von unterschiedlichen politischen Sichtweisen, von staatlichen Akteuren und basisorientierten, zivilgesellschaftlichen Kräften, sowie von frauenbewegten AktivistInnen aus „Nord und Süd“ stellt auch heute noch eine spannende Herausforderung in der internationalen Zusammenarbeit dar. TERRE DES FEMMES sieht in der Vernetzung mit anderen Frauenrechtsorganisationen und -aktivistInnen weltweit vor allem die Chance, dem Ziel eines gewaltfreien und gleichberechtigten Lebens für alle Frauen gemeinsam ein Stück näher zu kommen.

Daher steht unser Engagement unter dem Motto: Menschenrechte sind Frauenrechte – weltweit! Das Frauenrecht auf Freiheit von allen Formen von Gewalt und Diskriminierung steht über allen bürgerlich-politischen, sozialen und wirtschaftlichen Rechten und bildet den Mittelpunkt unserer internationalen Zusammenarbeit.

Unser Engagement seit 2012: Informieren Sie sich in unserer Chronik über die Ereignisse der vergangenen Jahre.

 

Internationale Zusammenarbeit bei TERRE DES FEMMES e.V.

 

Roll Up zum Thema Internationale ZusammenarbeitInternationale Zusammenarbeit ist TERRE DES FEMMES ein Herzensanliegen und beinhaltet die Zusammenarbeit mit derzeit zehn Partnerorganisationen weltweit. Diese sind lokale Fraueninitiativen und Frauenrechtsorganisationen, die auf Graswurzelebene aktiv sind, oft unter dem Leitmotiv der Hilfe zur Selbsthilfe.

Gemeinsam für ein Leben frei von Gewalt

Die Unterstützung und nachhaltige Entwicklung von gemeinsamen Projekten mit unseren Partnerorganisationen haben zum Ziel, frauenfeindliche Strukturen aufzubrechen, Frauenrechte zu stärken und gegen Frauenrechtsverletzungen vorzugehen. Wir kämpfen gegen weibliche Genitalverstümmelung, frühe Zwangsverheiratung, Frauenhandel und Zwangsprostitution und Gewalt an Mädchen und Frauen. Ziel unserer Arbeit ist die gleichberechtigte Teilhabe von Mädchen und Frauen an der Gesellschaft. Eine Besonderheit unserer internationalen Zusammenarbeit: Wir setzen uns sowohl im Ausland als auch in Deutschland für die gleichen Themen ein. Weltweit machen wir uns gemeinsam stark für ein selbstbestimmtes Leben von Mädchen und Frauen – frei von Gewalt!

Die Prämissen in der Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen sind Transparenz und Zusammenarbeit auf Augenhöhe, geprägt von regelmäßigem Austausch, persönlichem Kontakt und einem jährlichen Projektbesuch vor Ort. Durch die enge, bedarfsorientierte Zusammenarbeit mit unseren Partnerorganisationen sichern wir die Nachhaltigkeit und den Erfolg der Projekte.

Grundlagen unserer internationalen Zusammenarbeit

Die unausgewogenen Macht- und Dominanzverhältnisse zwischen den Geschlechtern als strukturelle Ursachen von Armut und Gewalt finden bislang zu wenig Berücksichtigung in den entwicklungspolitischen Programmen und Diskussionen. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der Debatte um die Umsetzung der im September 2015 bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedeten Agenda 2030, einem Katalog mit 17 Nachhaltigen Entwicklungszielen, der für alle 193 Mitgliedsstaaten gilt. Auch wenn die Themen Gender und Gewalt an Mädchen und Frauen in den Katalog Eingang gefunden haben (Ziel Nr. 5: Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen erreichen), so sollten den Lippenbekenntnissen nun entsprechende Taten folgen.

Die in der Entwicklungszusammenarbeit gängigen Strategien zur Erreichung von mehr globaler Gerechtigkeit sollten nach Ansicht von TERRE DES FEMMES die Stärkung von Frauenrechten, den verbesserten Zugang von Frauen zu Ressourcen und die Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen stärker in den Mittelpunkt stellen. Dazu ist es notwendig, Basis-Organisationen von Frauen für Frauen im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe vor Ort zu fördern. Denn Geschlechtergerechtigkeit ist eine Grundbedingung für nachhaltige Entwicklung.

Die Anerkennung von Frauenrechten als Menschenrechte ist weltweit nur durch das Engagement von bewegten Frauen in Gang gekommen. Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen kämpfen wir für eine Durchsetzung der international verbrieften Frauenrechte.